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Wirtschaft Seinen Augen entgeht kein Staubkorn

Wolfgang Stelljes

Minsen/Horumersiel - An der Rezeption des Hotels „Zum Deichgrafen“ in Minsen (Kreis Friesland), nicht weit entfernt vom Nordseedeich: „Ich möchte das kleinste und schlechteste Zimmer sehen“, brummt Anton Busemann. Und es ist nicht nur seine tiefe Stimme, die diesem Scherz einen gewissen Ernst verleiht. Busemann klassifiziert Hotels im Auftrag des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga).

Angemeldeter Besuch

An diesem Tag nimmt er vier Häuser unter die Lupe. Begleitet wird er von Carsten Neumann, dem Vorsitzenden des Dehoga Jever & Jeverland. Überraschend kommt der Besuch nicht, die Herren sind angemeldet. Hotelbesitzer Jan Scherf hat bereits Wochen vorher einen Fragebogen ausgefüllt. Nun prüft Busemann, ob auch stimmt, was angekreuzt wurde. Keine leichte Aufgabe bei über 200 Fragen.

Eine Mitarbeiterin des Hauses führt Busemann in Zimmer 24. Sein erster Blick gilt den Matratzen. Sind Flecken zu sehen? Werden die Matratzen regelmäßig tiefengereinigt? Ist ein zweites Kopfkissen vorhanden? Er entfernt den Bezug. „Es gibt nichts Schlimmeres, als dass die Kopfkissen versifft sind.“ Busemann prüft Vorhänge und Fernseher, zählt Steckdosen und Sitzgelegenheiten und hakt Punkt für Punkt ab.

Der 63-Jährige zückt sein Handy, tippt und wartet – jawohl, WLAN ist da. Noch ein Blick in den Schrank: Wäschebeutel, Schuhanzieher – alles vorhanden. Extrapunkte gibt es für das Bad, es ist deutlich größer als fünf Quadratmeter und „behindertenfreundlich“. Der Duschkopf ist frei von Kalkspuren. Nur die Ablageflächen – sind die wirklich großzügig? „Für mich ist großzügig großzügiger“, sagt Busemann und macht sich eine Notiz. Dann geht er noch mit zwei Fingern über Türrahmen und Schrankkante.

Im nächsten Zimmer macht Busemann den Staubtest sogar beim Kleiderbügelhalter im Kleiderschrank, „ganz fies, kenn’ ich noch aus meiner Bundeswehrzeit“. Und hält dann auch noch die Klobürste beim Fenster ins Licht.

Drei Zimmer später setzt er sich mit Jan Scherf an einen Tisch. Man kennt sich, Busemann ist bereits zum fünften Mal hier. „Bring einen Zettel mit, damit Du aufschreiben kannst, was Du machen musst.“ Zunächst ein Lob: „Sauber macht ihr gut.“

Dann die Defizite: Eine Ladestation für E-Bikes fehlt – Punktabzug. In der Service-Mappe, die auf jedem Zimmer ausliegt, findet sich kein Hinweis auf Bademantel und Slipper sowie auf den täglichen Bettwäschewechsel, falls gewünscht – Punktabzug. Mindestens ein Badezimmer hat weniger als fünf Quadratmeter – Punktabzug. Kleinigkeiten eher. Bleiben unter dem Strich 326 Punkte, eine klare Sache: Drei Sterne gibt es ab 260 Punkte, vier Sterne ab 400.

Komfortabel soll es sein

„Einen vierten Stern wollen wir gar nicht“, sagt Hotelier Scherf. Weil dann die Rezeption 16 Stunden am Tag besetzt sein müsste. Und bei manchen Gästen sogar die Schwellenangst wächst. Und auch, weil dann weniger Monteure kommen, denn die dürfen oft nicht mehr als drei Sterne buchen. Das steht sogar in ihren Verträgen, sagt Scherf. Sein Haus soll bleiben, was es ist: „ein komfortables Mittelklassehotel, kein Luxus, bloß nicht.“

In Busemanns Bereich in Ostfriesland, auf den Inseln und im Jeverland gibt es kein Fünf-Sterne-Haus. Außerdem prüft dann eine „große Kommission“ mit vier oder fünf Testern. Selbst ein „Mystery Check“ ist dann Pflicht.

Und umgekehrt? Hat er schon mal eine Klassifizierung verwehrt? Ja, sagt Busemann, bei einem Hotel waren die Möbel dermaßen „zusammengewürfelt“, da konnte er nur sagen: „Ist nicht“. Selbst ein Brief vom Hotel-Anwalt konnte ihn nicht umstimmen. „Querlegen“ würde er sich auch bei Staub, Sauberkeit ist für ihn eine Grundvoraussetzung. Wobei es damit meist keine Probleme gibt, unangemeldet kommt sein Besuch ja nicht, es sei denn, es häufen sich Reklamationen von Gästen beim Dehoga oder bei Tourismuszentralen.

So, Busemann muss weiter, ein Hotel Garni in Horumersiel (Kreis Friesland) wartet schon. „Die Plakette wird zugeschickt“, sagt er noch. Die kommt dann wieder neben den Hoteleingang, bis zur nächsten Prüfung in drei Jahren.

Die Hotelklassifikation durch den Dehoga ist freiwillig und kostenpflichtig. Im Juli 2015 gab es in Deutschland 8779 klassifizierte Hotels, 871 davon in Niedersachsen. Der Anteil der Drei-Sterne-Häuser liegt bei 60 Prozent, der Anteil der Vier-Sterne Häuser liegt bei 30 Prozent und der Fünf-Sterne-Häuser bei unter zwei Prozent.

Ein Mystery Check durch speziell geschulte Hoteltester findet regelmäßig nur bei Top-Häusern statt. Hoteliers können den Tester auch selbst buchen, zum Beispiel über die TUI. Der Reiseveranstalter hat dafür einen Kriterienkatalog mit 2500 Fragen erarbeitet.

Der Tester hält bereits im Vorfeld fest, wie die Ansprache am Telefon erfolgt oder was sich – durch die Brille des Kunden – über das Haus im Internet finden lässt. Dann checkt er undercover für drei Tage ein, dokumentiert mit dem Fotoapparat kleine und große Missstände, deponiert selbst auch mal ein paar Haare in einer Badezimmerecke oder reklamiert testhalber die Qualität des Bademantels. Und outet sich erst kurz vor der Abreise. Nur die Hotelleitung weiß vorher Bescheid. Der Abschlussbericht hat bis zu 150 Seiten und enthält Empfehlungen für Verbesserungen. Kostenpunkt: 3000 Euro plus Reisekosten.

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