Im Nordwesten - Was für zauberhafte Welten tanzen hinter der spiegelglatten Oberfläche unseres Smartphone-Displays umher: Mit einem Klick können wir Menschen auf der anderen Seite der Erde dabei zusehen, wie sie ihren Garten anlegen, wie sie sich die Haare flechten, wie sie ihrem Hund Tricks beibringen. In unserem Geist durchstreifen wir das Universum des Internets wie Abenteurer. Überall gibt es Neues zu entdecken – und dabei vergessen wir das, was wirklich zählt: Das, was wir schon haben.
Echte Beziehungen zum Beispiel. Paare sitzen nebeneinander auf dem Sofa und sind doch weit voneinander entfernt: Jeder geht in seinem eigenen Kopf-Raumschiff auf die Reise durch Raum und Zeit – und so füllt sich das Wohnzimmer mit Schweigen, Leere und Einsamkeit. Zugegeben: Es ist davon auszugehen, dass das Internet in vielen Beziehungen eine bessere Unterhaltung bietet als eine Konversation mit dem Partner. Während der starre Blick aufs Smartphone die guten Beziehungen zerstört, erhält er vermutlich die schlechten.
Wir setzen nicht nur die Beziehung zu unserem Partner aufs Spiel, sondern auch die zu uns selbst. Die Frage nach dem Kausalzusammenhang ist angebracht: Verlieren wir uns, weil wir wie Zombies da sitzen und über Bildschirme scrollen, statt in uns hineinzuschauen, hineinzulauschen, unsere Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen? Oder legen wir das Smartphone nicht mehr aus der Hand, weil wir uns längst verloren haben und uns vor unserem Schmerz und unseren Sehnsüchten fürchten, die die Leere füllen, wenn wir nicht ständig abgelenkt sind?
Und da wäre noch etwas, das wir fahrlässig ignorieren: Während unser Geist auf Reise durch Raum und Zeit geht, bleiben unsere Körper zurück. Ungesehen, ungespührt, ungeliebt sitzen sie zusammengesunken im stillen Raum des Hier und Jetzt. Die Muskeln schlaff, die Rücken krumm, das Blut erlahmt in seinem unnützen Kreislauf durch einen Organismus im Stand-By-Modus. Die Menschen fühlen nicht, wie ihre Füße kälter werden, wenn sie abends auf dem Sofa sitzen und in ihren Handys verschwunden sind. Die Zeit steht still und doch vergeht sie.
Alles, was man im Leben braucht – echte Beziehungen zu anderen Menschen, eine Verbundenheit mit sich selbst und die körperliche Präsenz, die uns einen irdischen Platz in dieser Welt sichert – geben wir dem Verfall preis, weil wir gefesselt sind von bunten Bildern und spannenden Filmchen. Das Dauersurfen ist eine Bankrotterklärung an die Lebendigkeit. Und während wir auf unser Handy starren und Menschen dabei zusehen, wie sie verschiedenste Dinge tun, vergessen wir, was wir eigentlich alles tun könnten – einen Garten anlegen, uns die Haare flechten, unserem Hund Tricks beibringen, in uns selbst hineinhören oder einfach mal mit unseren Liebsten sprechen, über die Dinge, die wirklich wichtig sind.
