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NWZonline.de Ratgeber

Städte von ihrer Schokoladenseite

06.12.2014

Im Nordwesten Landgraf Philipp von Hessen-Butzbach (1581–1643) war ein gelehrter Mann. Er parlierte in acht Sprachen und verkehrte mit den Astronomen Galileo Galilei und Johannes Kepler. Cloppenburg und Friesoythe im Oldenburger Münsterland verdanken dem Landgrafen ihre ersten Stadtansichten aus dem 17. Jahrhundert.

Philipp von Hessen reiste 1632 nach Aurich, um dort am am 2. Juni Christine Sophie von Ostfriesland zu heiraten. Begleitet wurde er von seinem Leibarzt Dr. Georg Faber (um 1578–1635), der von einer Vielzahl der Orte der Reise Zeichnungen anfertigte. Über Cloppenburg urteilte er: „Ein neu gebaut hübsch Schloß mit 2 Wassergräben“. Weniger schmeichelhaft fiel sein Urteil über Friesoythe aus: „ein typisch Münsterisch Städtlein, zwar übel gebaut“.

Große Datenbank

Für den Landgrafen mögen die Zeichnungen Reisesouvenirs gewesen sein, für Klaus Niehr (59), Professor am Kunsthistorischen Institut der Universität Osnabrück, wird über historische Stadtansichten Alltags- und Kulturgeschichte visuell erfahrbar. Er hat aus einer mehr als 2200 Bilder umfassenden Datenbank der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 281 Abbildungen für das Buch „Historische Stadtansichten aus Niedersachsen und Bremen 1450–1850“ ausgewählt. Der Schwerpunkt liegt auf Plänen, die Orte als Ganzes zeigen, alten Mal- und Zeichentechniken und seltenen Ansichten.

Ein Grundtyp historischer Stadtansichten ist die Vogelschau. Der Zeichner blickt von oben auf den Ort, um das Straßennetz und markante Gebäude sichtbar zu machen. Ein Beispiel dafür ist die kolorierte Handzeichnung von Neustadtgödens aus dem 1599, die vermutlich vom Landvermesser Heinrich Munting angefertigt wurde. Sie zeigt den Gödenser Siel, in dem drei Segelschiffe liegen. Hinter dem Siel und dem Deich ist die kleine Stadt abgebildet und etwas abseits die Bockwindmühle. Schiffe und Mühlen waren damals Ausdruck von Wohlstand.

Ganz anders stellt sich die Situation von Neustadtgödens in einer Vogelschau aus dem Jahr 1619 da. Die kolorierte Handzeichnung von Eberhard von Romunde zeigt das durch die Eindeichung bei Oberahm und Ellens gewonnene Land, dem Streitobjekt zwischen Oldenburg und Ostfriesland und Anlass für die Zeichnung. Die Darstellung sollte die Situation verdeutlichen, dass Neustadtgödens durch die Eindeichung von der Jade und der Nordsee abgeschnitten war. Einer der Prozessbeteiligten, der Häuptling Frydag von Gödens, ließ sein Schloss in der Zeichnung überdimensioniert darstellen, um seinen Anspruch zu unterstreichen.

Künstlerische Freiheit

Zur künstlerischen Freiheit gehört es, in den Stadtporträts Proportionen zu verändern und Bauten neu zusammenzustellen, denn den Auftraggebern geht es in erster Linie darum, die Bedeutung der Stadt, ihre Macht und ihren Wohlstand hervorzuheben. So werden Städte von ihrer Schokoladenseite abgebildet, zum Beispiel Osnabrück meistens von Osten.

Einen wichtigen Teil der gedruckten Ortsansichten aus Niedersachsen machen Arbeiten aus, die von Matthäus Merian (1593–1650) und seiner Werkstatt gestochen wurden. Merians Markenzeichen ist die deutliche Darstellung der Ortslage. Die Grafiken sind so verlässlich, dass sie heute von der Bauforschung und Denkmalpflege geschätzt werden bei archäologischen Recherchen und denkmalpflegerischen Rekonstruktionsarbeiten, zum Beispiel beim Wiederaufbau der Burg Bederkesa.

Mit der Entwicklung der Lithografie ändert sich im 19. Jahrhundert die Darstellungsform. Die Stadtansichten werden detaillierter. Zur Darstellung wichtiger Gebäude kommen jetzt Szenen aus dem ländlichen Leben hinzu, aber auch Arbeitsszenen, zum Beispiel vom Schiffbau. Wie in den ersten Stadtporträts aus dem 13. Jahrhundert in Italien werden die Orte und Landschaften auch im 19. Jahrhundert noch idealisiert und inszeniert. Sie sind schön anzusehen, aber keine zuverlässige Orientierungshilfe.

Das Buch„Historische Stadtansichten aus Niedersachsen und Bremen 1450–1850“, herausgegeben von Klaus Niehr, ist im Wallstein Verlag, Göttingen, erschienen. Der Band 268 der Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen hat 364 Seiten mit 281 farbigen Abbildungen und kostet 29,90 Euro.

Sieben Essaysführen in das Bild der Stadt in fünf Jahrhunderten ein – aus Sicht der Bau- und Kunstgeschichte, der frühneuzeitlichen Kartografie, der Landschafts- und Wirtschaftsgeschichte, der Kulturgeschichte und der historischen Stadttypologie. Der Katalogteil enthält 235 Abbildungen aus Museen, Bibliotheken und Archiven.


  www.historische-kommission.niedersachsen.de 
Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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