Navigation überspringen
nordwest-zeitung
ePaper Newsletter App Jobs Immo Trauer Shop

Geschichte „Die Leute schritten still voran“

Sète/Sengwarden - Seine Stimme stockt immer noch, wenn er nach inzwischen 70 Jahren davon erzählt: Als 15-Jähriger war Yossi Bayor am 11. Juli 1947 zusammen mit 4554 Juden aus ganz Europa an Bord der „Exodus 1947“ gegangen. Es war der Beginn einer langen Odyssee.

70 Jahre später erinnern sich in der südfranzösischen Hafenstadt Sète Hunderte von Bürgern gemeinsam mit den letzten Zeitzeugen, Vertretern jüdischer Organisationen, des Islam und lokalen Honoratioren an das Auslaufen des Schiffes, das einst den letzten Anstoß zur Gründung des Staates Israel gab und damit Weltgeschichte schrieb.

Geheime Mission

Mit dabei ist die Witwe von Laurent Leboutet, dem damaligen Hafenkommandanten von Sète und ausgezeichnet mit dem Ehrentitel des „Gerechten unter den Völkern“, ebenso Bürger der Stadt, die den reibungslosen Ablauf dieser geheimen Mission ermöglichten. Beamte stempelten Ausweise, Tischler bauten Hochbetten, einige steuerten jene 172 Lastwagen an die Mole St. Louis, in denen verfolgte Juden aus ganz Europa auf eine sichere Heimat im künftigen Israel hofften.

Die Lage: Zwei Jahre nach Kriegsende befinden sich allein in der amerikanischen Zone Deutschlands noch 150 000 jüdische „Displaced Persons“ (DP), die überwiegend eine Auswanderung nach Palästina anstreben. Der amerikanische Präsident empfiehlt der britischen Regierung, 100 000 europäischen Juden den Zuzug in deren Mandatsgebiet in Palästina zu ermöglichen.

Großbritannien wiederum will eine Verschlechterung seiner Beziehungen zu den arabischen Ländern verhindern. Illegale jüdische Einwanderer werden deshalb in Lager auf Zypern gebracht. 1947 gehen die Briten ferner dazu über, Auswandererschiffe mit jüdischen Passagieren direkt im Mittelmeer aufzubringen. Alle Schiffsbewegungen aus italienischen und französischen Häfen werden argwöhnisch beäugt. Die ehemaligen Verfolgten in den deutschen DP-Lagern haben zunehmend das Gefühl, dass es nur noch wenige Gelegenheiten geben wird, das Land der Unterdrücker und Mörder zu verlassen.

Während auch vorher schon kleinere Schiffe heimlich nach Palästina aufgebrochen sind, zeichnet sich im Sommer 1947 eine Großaktion ab. An zwei aufeinander folgenden Sonntagen machen sich Ende Juni und Anfang Juli mehr als 4000 Juden auf den Weg durch Deutschland nach Sète in Südfrankreich. Das Reiseziel ist nur einem kleinen Kreis von Organisatoren bekannt.

Notdürftig ausgestattet

Als in Sète um 3 Uhr morgens das Einschiffen an der Mole St. Louis beginnt, haben sich lange Schlangen von Menschen gebildet. Viele von ihnen tragen in diesen Hochsommertagen, als auch die Radfahrer der Tour de France die Stadt passieren, immer noch die groben Kleidungsstücke am Leib, mit denen sie sich auf ihrer Odyssee notdürftig ausgestattet haben.

Alle, die in Gruppen von jeweils 30 Personen an Bord gehen, sind in den Tagen zuvor fotografiert worden und haben einen Pass in der Tasche, der als fiktives Ziel „Kolumbien” nennt. „Die Leute sprachen kein Wort und schritten still voran“, erinnert sich ein Zeitzeuge. Bereits nach fünf Stunden ist das Schiff bereit abzulegen.

Stets verfolgt von britischen Zerstörern, erreicht die „Exodus 1947“ nach sieben Tagen Seefahrt die Gewässer vor der Stadt Haifa. In der Nacht vom 17. auf den 18. Juli gelingt es den Besatzungen der britischen Kriegsschiffe, nach heftigen Kämpfen das Auswandererschiff zu entern und in den Hafen von Haifa zu bringen.

Die folgenden Wochen sind Stoff für eine eigene Geschichte: Die Passagiere werden auf drei kleineren Schiffen in die Nähe von Marseille zurückgebracht. Dort weigern sie sich von Bord zu gehen. Nach langen Verhandlungen, begleitet vom Hungerstreik der Passagiere und großem Aufruhr in der Weltöffentlichkeit, sieht die britische Regierung schließlich keine andere Möglichkeit, als mit den Schiffen Kurs auf die eigene Besatzungszone in Deutschland zu nehmen.

Die Schiffe fahren damit zurück in jenes Land, in dem ihre jüdischen Passagiere bis vor wenigen Jahren verfolgt und ihre Familien ermordet worden sind. Die Weltöffentlichkeit ist entrüstet, im Lager Bergen-Belsen kommt es zu einer großen Demonstration gegen diese Maßnahme. Am 9. September 1947 gehen schließlich die letzten „Exodus“-Passagiere in Hamburg von Bord, um in zwei Lager in der Nähe von Lübeck transportiert zu werden.

Und der Weg geht noch weiter: Angesichts des nahenden Winters werden die „Exodus“-Passagiere Anfang November erneut verlegt, diesmal nach Weser-Ems in eine Kaserne im ostfriesischen Emden und in das ehemalige Marineaußenlager in Sengwarden, heute ein Stadtteil von Wilhelmshaven.

Stoff für einen Film

Immerhin sind dort die Lebensbedingungen in festen Unterkünften besser als in den Hütten und Zelten hinter Stacheldrahtzäunen und unter ständiger Bewachung in Schleswig-Holstein.

Einige Wochen später ist der Jubel groß in Emden und Sengwarden, als sich die Nachricht verbreitet, dass die UN-Generalversammlung am 29. November 1947 einen Teilungsplan für Palästina in einen Staat für Juden und einen Staat für Araber beschlossen hat. Damit kommt ein Prozess in Gang, der letztlich in die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel durch David Ben-Gurion am 14. Mai 1948 mündet.

Am 15. Januar 1948 berichtete die „Nordwest-Zeitung“ über die Stimmung in Emden: „Alle, die an Bord der Schiffe waren, sind noch in Deutschland und warten sehnsüchtig darauf, endlich an das Ziel ihrer Reise zu gelangen.“

Anfang September 1948, ziemlich genau ein Jahr nach der Landung der drei Schiffe in Hamburg, hatte der letzte der „Exodus“-Passagiere Deutschland verlassen. Ihr Schicksal lieferte den Stoff für Otto Premingers Film „Exodus“ von 1960 mit Paul Newman. Die in Deutschland seinerzeit noch völlig unbekannte Esther Ofarim bekam eine Nebenrolle in dem Film.

Das Schiff „Exodus 1947“ wurde 1928 im Auftrag einer in Baltimore ansässigen Dampfschifffahrtsgesellschaft nach dem Vorbild der Mississippi-Dampfer gebaut und auf den Namen des Chefs des Unternehmens, „President Warfield“, getauft. Mit dem luxuriösen Dampfer unternahmen vor allem Hochzeitsgesellschaften Nachtfahrten zwischen Baltimore und Norfolk. Das Schiff überquerte zweimal den Atlantik: 1942 zur Unterstützung der alliierten Truppen in Europa und 1946, um in Baltimore verkauft zu werden.

Yitzhak (Ike) Aronowicz war 23 Jahre alt, als er Kapitän auf der „Exodus 1947“ wurde. Er steuerte zum ersten Mal ein illegales Auswandererschiff und wollte es auf dem Strand bei Haifa auflaufen lassen, um alle Passagiere an Land zu bringen. Die Familie von Aronowicz war 1933 von Danzig nach Palästina ausgewandert. Er absolvierte eine Ausbildung bei der paramilitärischen Untergrundorganisation „Palmach“.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion

Neues vom Festival-Line-up Hyper, Hyper – Scooter kommt zum Tabularaaza nach Oldenburg

Patrick Buck Oldenburg

Sparkasse in Oldenburg Warum die LzO rund 22.000 Kunden kündigt

Svenja Fleig Im Nordwesten

Hausbesetzung in Oldenburg Polizei trägt Aktivisten aus dem Gebäude

Wolfgang Alexander Meyer Oldenburg

Meppens Routinier Krämer trifft auf Oldenburgs Rookie Fossi Derby wird auch zum Duell der Trainer-Typen

Lars Blancke Oldenburg

Alte Molkerei in Jever Mach’s gut, altes Haus

Oliver Braun Jever
Auch interessant