Im Nordwesten - Haben Sie schon einmal jemandem die Vorfahrt genommen? In einem Bruchteil einer Sekunde trifft man eine falsche Entscheidung. Meist wird einem in einer solchen Situation schnell klar, dass es keine gute war. Der Fahrer hinter uns hupt, gestikuliert wild hinter seinem Lenkrad und fährt so dicht auf wie er kann, um uns zu bestrafen. Im Straßenverkehr herrscht oft eine Null-Toleranz-Grenze, wenn es um Fehler geht – zumindest um die Fehler der anderen.

Denn schon am nächsten Tag haben wir vergessen, was passiert ist. Gestern noch der Angeklagte, sind wir heute der Richter, der ein vernichtendes Urteil spricht, wenn jemand beim Ausparken nicht aufpasst und uns auf dem Supermarktparkplatz fast eine Beule ins Auto fährt. Hat der denn keine Augen im Kopf? Hat der seinen Führerschein im Lotto gewonnen?

Ach, was können wir uns aufregen über die Fehler der anderen, denn die sind alle so hoffnungslos unfähig. Und ohnehin ist man selbst ja der einzige Mensch auf dem Planeten, der vernünftig Auto fahren kann. Da kann man sich schon mal vor lauter Wut im Lenkrad festbeißen. Aber warum bringt es so viele Menschen zur Weißglut, wenn andere Verkehrsteilnehmer nicht exakt so handeln, wie man es von ihnen erwartet?

Meine Antwort ist erschreckend simpel: Weil wir den Menschen nicht mehr zugestehen, Fehler zu machen, weil wir selbst auch keine machen dürfen. Wie so vieles in der Gesellschaft ist die Fehlerkultur ein sich selbst reproduzierender Prozess: Wenn mir nichts verziehen wird, verzeihe ich auch nichts. Und so fühle ich mich im Straßenverkehr permanent ungerecht behandelt, weil mir auch niemand etwas nachsieht. Ich bin umgeben von Schleichern (vor mir), Dränglern (hinter mir) und Rasern (neben mir).

Aber wie wäre es, wenn wir einfach mal einen Gang runterschalten und den Autofahrern um uns herum Fehler zugestehen, weil sie auch nur Menschen sind? Weil sie einen schlechten Tag hatten, weil sie auch mal schlechte Entscheidungen treffen, weil sie Gründe für ihr Verhalten haben? Vielleicht hat der Schleicher vor uns erst seit einer Woche seinen Führerschein. Vielleicht hat der Raser, der uns überholt, gerade erfahren, dass seine Frau ihr Kind bekommt und schon im Kreißsaal liegt. Vielleicht hat der Drängler einfach seine Gefühle nicht unter Kontrolle und leidet selbst am meisten daran.

Stellen Sie sich vor: In den Autos sitzen tatsächlich Menschen. Und was unser Menschsein ausmacht, ist, dass wir nicht perfekt sind und dass wir anderen ihre Fehler nachsehen können, weil wir empathisch sind. Und wenn Sie doch das nächste Mal vor Wut ins Lenkrad beißen, denken Sie an Buddha, der einst gesagt haben soll: Wütend zu sein ist, als würde man Gift zu trinken und hoffen, dass der andere daran stirbt.

Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales