Im Nordwesten - Jemand schleicht mit einem großen Messer in der Hand durch ein dunkles Haus. Wenig später: Schreie, Blut, Glas klirrt, der Täter flieht durch den Garten, verschwindet im Schatten. Nächste Szene: Blaulicht zuckt durch die Dunkelheit, Polizeiwagen stehen vor einem Haus, jemand sitzt am Küchentisch und weint. Eine aufregende Suche nach dem Täter beginnt. Die Spannung steigt – und aus irgendeinem Grund scheint genau das uns zu entspannen.
Krimi- und True-Crime-Serien boomen. Ich habe – und das sage ich ganz ohne Stolz – in der ARD-Mediathek fast die gesamte True-Crime-Reihe angeschaut. Jeden Abend drehte sich in meinem Wohnzimmer alles darum, wie findige Ermittler skrupellose Mörder dingfest machen. Aber auch außerhalb der Mediatheken und Streaming-Dienste, im Free-TV, wird gemordet, was das Zeug hält. Der Klang von Schüssen, die Schreie der Opfer, die spannungsgeladene Hintergrundmusik, der Anblick eines verängstigten Entführungsopfers, das Leid der Hinterbliebenen, die Einsamkeit der Ermittler: Das alles gehört offenbar für viele Menschen zu einem gemütlichen Feierabend dazu. Regelrecht grotesk, oder?
Allerdings glaube ich nicht daran, dass wir so abgestumpft sind, dass uns das alles nicht mehr rührt. Im Gegenteil. Ich glaube vielmehr, dass die meisten von uns eine so große Anspannung in sich tragen, dass für sie ein gewisses Stresslevel längst zur Normalität geworden ist.
Machen Sie doch einfach mal den Test: Wie geht es Ihnen damit, einfach nur in der Stille zu sitzen? Über die Dauer eines Fernsehabends von zwei Stunden? Vielleicht wird der Raum noch mit ein paar sanften Klängen von Meditationsmusik erfüllt, während draußen langsam die Sonne untergeht. Klingt entspannend. Aber das wäre zu „langweilig“, oder? Glaube ich sofort. Weil die wenigsten von uns das aushalten. Weil wir es gewohnt sind, dass ständig etwas um uns herum passiert, dass unser Nervensystem auf Spannung ist.
Den Alltag verbringen viele Menschen in stressigen Jobs. Stress gehört dazu, und zwar seit Anbeginn unseres Lebens. Schon unsere Eltern und deren Eltern waren gestresst. Wir haben die Anspannung sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen, die moderne Gesellschaft hat sie weiter genährt und so gehören für uns latente Ängste, Unwohlsein und Nervosität gewissermaßen zur Werkseinstellung. Unser ganzes System ist dauerhaft unterschwellig gestresst, innere Anspannung ist zu unserem Normalzustand geworden. Und bei dem, was für sie normal ist, fühlen Lebewesen sich wohl. Das Bekannte ist immer das Gute. Es verunsichert uns nicht, es gibt uns das sichere Milieu, das wir für Entspannung brauchen. Dass wir das kaum bemerken, ist nur ein weiterer Beweis dafür, wie wenig wir das Leben anders kennen als mit einer gewissen stressigen Grundstimmung.
Ich bin sicher: Nach einer langen Pause von Krimis und True- Crime-Serien würde schon der lausigste Tatort dafür sorgen, dass wir uns zu Tode ängstigen. Und vielleicht würden wir dann feststellen, dass wir diese ganze Gewalt eigentlich gar nicht sehen wollen.
