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NWZonline.de Ratgeber

Silberner Schlüssel öffnet die Unterwelt

03.02.2018

Vechta Als Kind stand Elisabeth Thölke (73) vor der Tür der Klosterkirche in Vechta und kam nicht hinein. „Das fand ich gemein.“ Heute, ein paar Jahrzehnte später, hat sie einen großen, silbernen Schlüssel, den nur ganz wenige Menschen bekommen. Seit 2005 führt sie Gäste durch „Klosterkirche, Konvent der Franziskaner und die Katakomben von Vechta“. Die Führung mit dem etwas sperrigen Titel gilt als touristischer „Dauerbrenner“.

Tausende sind bereits mit Elisabeth Thölke hinabgestiegen in die Unterwelt von Vechta. Und auch an diesem Tag hat sich auf dem Franziskanerplatz vor der Klosterkirche wieder eine größere Gruppe versammelt, rund 30 geschichtsinteressierte Menschen, nicht einmal zur Hälfte aus Vechta. Vor ihnen liegen Kirche und Vollzug, Totenkeller und Museum, Geschichte und Gegenwart.

 Die Klosterkirche

Zunächst lenkt Thölke die Blicke der Gäste auf die Fassade der Klosterkirche, errichtet in den Jahren von 1727 bis 1731, norddeutscher Barock, im Dreiecksgiebel das Wappen derer von Galen, darunter der heilige Josef mit dem Jesuskind und rechts und links „die Franziskaner schlechthin“: Franz von Assisi und Antonius von Padua. Schon nach wenigen Sätzen ist klar: Elisabeth Thölke steckt voller Geschichten und Detailkenntnisse, ein Skript braucht sie nicht. Ein paar Worte noch zu dem Gebäude links, dem Konvent, in dem einst die Mönche wohnten und heute die Justizvollzugsanstalt untergebracht ist, dann geht es hinein in die helle, warme Kirche.

Seit 1642 waren die Franziskaner in Vechta ansässig, zuständig auch für die religiöse Betreuung der Soldaten in der Zitadelle. 1727 begann der Bau der Kirche. „Die war sehr gut ausgestattet, die Franziskaner hatten viel Zuspruch“, sagt Thölke. Nur dass von der ganzen Pracht wenig geblieben ist. „Daran ist Napoleon schuld.“ 1812 löste er per Dekret den Konvent auf.

Nach Abzug der Franzosen beschloss der Herzog von Oldenburg: „Die Kirche reißen wir ab, und aus dem Kloster machen wir ein Gefängnis.“ Vom ersten Teil seines Vorhabens hat er nach Protesten abgelassen, den zweiten aber realisiert. Drei Jahre später, im Oktober 1816, wurden 15 weibliche Gefangene von Oldenburg nach Vechta verlegt, zunächst in das Zeughaus der Zitadelle, später dann in das neue Gefängnis.

Die Klosterkirche wurde ab 1818 von Katholiken und Protestanten gemeinsam genutzt – eine der seltenen Simultankirchen. Es gab zwei Altäre, zwei Sakristeien und zwei Aufgänge zur Kanzel. „Ökumene war noch kein Begriff“, sagt Thölke. In ihrem heutigen Zustand präsentiert sich die Klosterkirche seit 1960.

Das Schmuckstück ist der barocke Hochaltar, der einst die ehemalige Zisterzienser-Klosterkirche in Amelungsborn bei Holzminden zierte und der in Vechta im Laufe der Jahre um zwei Figuren komplettiert wurde: einem Matthäus, nachgeschnitzt von einem Künstler aus Hannover, und einem Markus, „der 50 Jahre beim Oberkirchenrat im Keller lag“ und restauriert werden konnte. Finanziert wurden diese Arbeiten unter anderem von den Beiträgen, die die Teilnehmer an den Führungen entrichten und die von Elisabeth Thölke komplett gespendet werden.

 Der Totenkeller

Durch sonst verschlossene Türen geht es hinab in den Keller. Vor uns eine hölzerne Tür mit der Inschrift „SMDM-DFS“. Die ersten Buchstaben der Wochentage, könnte man meinen, doch weit gefehlt: „Sancta Memoria Dei Mortuorum – Dei Franciscana Societas“ heißt soviel wie „Die heilige Erinnerung an die in Gott Verstorbenen – Die Gott geweihte Gemeinschaft der Franziskaner.“ Thölke öffnet die Tür. Der Boden ist uneben, der Putz bröckelt. Oben Rundbögen, „ein Kreuz-Grad-Gewölbe“, darunter Rohre und Kabel. Rechts und links „zugemauerte Backofengräber“. Das also sind sie, die Katakomben von Vechta.

Thölke selbst spricht nur vom Totenkeller der Franziskaner. 120 bis 150 Mönche sind dort bestattet, ihre Namen stehen in einem Totenbuch. Bruno Holtmann aus Quakenbrück zum Beispiel, bestattet am 10. Oktober 1770. Er wurde, wie verstorbene Mitbrüder auch, nach der Trauerfeier in ein Habit gehüllt. Die Ordenstracht wurde mit Nägeln auf einem Brett befestigt, das dann ins Grab geschoben wurde. Thölke leuchtet mit der Taschenlampe in eine Öffnung in der Wand, die sterblichen Überreste sind gerade so zu erahnen. Bitte keine Fotos, soviel Pietät muss sein.

 Der Strafvollzug

Und überhaupt: „Handys aus“. Darum hatte Petra Huckemeyer, die stellvertretende Leiterin der Justizvollzugsanstalt, bereits eingangs der Führung gebeten, unter Hinweis auch auf das gefängnisinterne Ortungssystem. Nun lotst Huckemeyer uns durch das kleine Museum, in dem 200 Jahre Vechtaer Gefängnis-Geschichte dokumentiert werden, und führt uns dann in das einstige Refektorium der Franziskaner, heute ein Konferenzraum, und damit geradewegs hinein in die Gegenwart. Vechta ist „die zentrale JVA für Frauen in Niedersachsen“, mit 320 Haftplätzen an vier Standorten, erzählt Huckemeyer.

Inhaftiert sind lebenslänglich verurteilte Frauen ebenso wie Mütter mit ihren Kindern. „Die Jüngste ist 14, unsere Älteste 78.“ Viele haben Drogenerfahrungen, viele auch Missbrauchserfahrungen. „Drogenkranke Frauen fallen nicht vom Himmel, die werden dazu gemacht.“

Im Schnitt sind die Frauen zwölf Monate in der JVA. In dieser Zeit sollen sie „auf ein Leben ohne Straftaten in sozialer Verantwortung“ vorbereitet werden. „Sie sollen lernen, sich zu mögen und Nein zu sagen zu Drogen und Männern, die ihnen nicht guttun.“ Dabei, so die Hoffnung, helfen die vielfältigen Therapie-Angebote. „Morgen sind sie wieder unsere Nachbarn.“

Worte, die nachklingen auf dem Weg zum Ausgang. Elisabeth Thölke, die sich in den letzten Minuten zurücklehnen konnte, schließt nach gut zwei Stunden die letzte Tür hinter uns.

Die nächsten Führungen durch Klosterkirche, Konvent und Katakomben finden Samstag, 10. Februar, 10 Uhr, und am Donnerstag, 15. März, 16 Uhr, statt.

Eine Teilnahme ist nur möglich nach Anmeldung bei der Tourist-Info Nordkreis Vechta unter Telefon  04441/85 86 12. Die Teilnahme an einer öffentlicher Führung kostet fünf Euro.

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