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NWZonline.de Ratgeber

An den Wurzeln der Luftfahrtindustrie

28.04.2018

Vegesack /Lemwerder Er war sieben Jahre alt, als ihn sein Vater zum ersten Mal mitnahm auf den Flugplatz in Lemwerder (Kreis Wesermarsch). Die Faszination für die Flugzeuge, die dort starteten und landeten, ist bis heute geblieben. Franz-Peter Zistler (56) sammelt seit 40 Jahren alles zur Geschichte des Luftfahrtstandortes an der Weser und hat an der Konzeption der Ausstellung „Von Lemwerder in die Lüfte“ mitgewirkt, die bis zum 17. Juni im Schloss Schönebeck in Vegesack zu sehen ist.

Erstflug der Transall

Die Ausstellung beleuchtet die Geschichte des Flugzeugwerks von der Gründung des Unternehmens Weserflug im Jahr 1935, über den Neubeginn 1956 bis zur Werksschließung im Jahr 2010. In den 1960er Jahren beschäftigte das Werk bis zu 2000 Menschen. Sie kamen nicht nur aus Lemwerder und der Wesermarsch, sondern auch aus Vegesack und Bremen-Nord.

Im Mittelpunkt der Schau stehen die Flugzeuge, die in Lemwerder gebaut worden sind. Der erste Auftrag kam aus den USA. Günter Mail, 2. Vorsitzender des Freundeskreises VFW 614 in Bremen, war damals Konstrukteur in Lemwerder, als 1956 die Pläne für das amerikanische Kampfflugzeug RF-84 F auf dem Tisch lagen, die Erläuterungen waren auf Englisch. „Von uns konnte keiner Englisch“, erinnert sich Mail, aber man wusste sich zu helfen.

Der Erstflug einer Transall am 25. Mai 1963 war ein großes Ereignis in Lemwerder. „Das wurde gebührend gefeiert“ weiß Klaus Gawelczyk, Kurator der Ausstellung im Schloss Schönebeck. Er ist in Deichshausen „in Hörweite der Triebwerke“ aufgewachsen und hat im Rechenzen­trum der Vereinigten Flugtechnischen Werke (VFW) gearbeitet, die aus dem Unternehmen Weserflug hervorgegangen sind.

Das militärische Transportflugzeug ist eine Gemeinschaftsentwicklung von Deutschland und Frankreich. „Die Transall ist die Geburtsstunde des Airbus, dessen Wurzeln liegen in Lemwerder“, sagt Zistler. Airbus-Maschinen vom Typ A 300 und A 310 wurden von 1981 bis 1994 in Lemwerder gewartet.

Die erste Transall-Serie (insgesamt 178 Maschinen) wurde bis 1972 an der Weser gebaut. „Die fliegen immer noch“, betont der 56-Jährige. Für die zweite Serie zwischen 1979 und 1985 entstanden die Rumpfmittelteile in Lemwerder. Anschließend verlegte man sich bis 1996 auf die Wartung der Transall-Maschinen.

Tränen in den Augen

30 Jahre lang (ab 1962) ist das US-amerikanische Luftfahrtunternehmen Lockheed Großkunde in Lemwerder. Gebaut und gewartet werden das elegante Business-Flugzeug Jet Star und das Passagierflugzeug Tre Star mit rund 400 Sitzplätzen.

Neun Tre Star-Maschinen aus Lemwerder waren für die Ferienfluggesellschaft LTU im Einsatz. „Tre Star war wohl das größte und schwerste Flugzeug, das je in Lemwerder gebaut worden ist“, sagt Zistler.

Das bemerkenswerteste Flugzeug, das er dort je gesehen hat, war ein fliegendes Krankenhaus für eine kanadische Hilfsorganisation. Das Flugzeug hatte nicht nur mehrere Operationssäle, sondern auch einen Vorlesungssaal an Bord.

Im Auftrag von Lockheed werden in Lemwerder auch etwa 600 Kampfjets vom Typ Starfighter gebaut. Der letzte Jet hob 1981 ab.

Ein besonderes Kapitel in der Geschichte des Flugzeugwerks ist die VFW 614. Der Düsenjet ist das erste nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entwickelte und in Serie in Lemwerder gebaute Passagierflugzeug. Die erste VFW 614 hebt dort am 14. Juli 1971 ab, weitere 19 Maschinen folgen, dann kommt 1977 überraschend das Produktionsende. Zehn fast fertige Maschinen müssen verschrottet werden, so will es die Geschäftsleitung. „Die Flugzeugbauer hatten Tränen in den Augen“, weiß Zistler aus Erzählungen ehemaliger Mitarbeiter.

Mit einer VFW 614 aus Lemwerder flogen auch Bundeskanzler wie Helmut Schmidt. In den insgesamt vier Regierungsmaschinen gab es jeweils zwei Kanzlersitze, die etwas breiter, aber kaum komfortabler als die normalen Passagiersitze waren.

Eine VFW 614 stand von 2002 bis 2014 auf der Besucherterrasse des Bremer Flughafens. Sie soll Ende des Jahres in Hamburg auf dem Airbus-Gelände in Finkenwerder einen neuen Platz finden – sehr zum Leidwesen von Günter Mail. Wenn sich schon kein Platz für das legendäre Flugzeug in Bremen fände, dann wenigstens in Lemwerder, wo auch die ersten Ideen für die Maschine entstanden seien, meint er.

Dem Gedanken kann Klaus Gawelczyk etwas abgewinnen. „Weserflug und seine Nachfolger in Lemwerder haben einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der deutschen Luftfahrtindustrie geleistet“, sagt er. Weserflug gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Entwicklungsrings Nord, bekannt als ERNO. Diese Gesellschaft lieferte 1961 den Entwurf für die VFW 614. ERNO entwickelte sich zum deutschen Raumfahrtzentrum mit Weltgeltung und firmiert heute als Astrium. So gesehen, liegen auch die Wurzeln der europäischen Raumfahrtgeschichte in Lemwerder.

Die Ausstellung „Von Lemwerder in die Lüfte“ ist bis zum 17. Juni im Museum Schönebeck (Im Dorfe 3) in Vegesack zu sehen. In der „Langen Nacht der Museen“ am 2. Juni (ab 18 Uhr) berichten ehemalige Mitarbeiter des Flugzeugwerks von ihrer Arbeit.

Öffnungszeiten: dienstags, mittwochs und samstags 15–17 Uhr und sonntags 10.30–17 Uhr. Der Eintritt für Erwachsene kostet drei Euro, für Kinder ab 6 Jahren einen Euro. Für Gruppen und Schulklassen werden auch Sondertermine mit Führungen angeboten. Infos unter t 0421/66 34 32.

Zur Geschichte des Flugzeugprogramms VFW 614 zeigt der Freundeskreis VFW 614 am 9. September im Lloyd-Industriepark (Richard-Dunkel-Straße) in Bremen eine Dokumentation sowie Originalteile des Jets, der ab 1970 in Lemwerder gebaut wurde. Kontakt: info@freundeskreis-vfw614.de


     www.museum-schloss-schoenebeck.de 
Lore Timme-Hänsel
Redakteurin
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2065

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