Im Nordwesten - Die Erde ist eine Scheibe, den Klimawandel gibt es nicht und das Coronavirus wurde als biologische Waffe im Genlabor erschaffen: Immer wieder gibt es neue Verschwörungstheorien. Und sie sind kein neues Phänomen – es sind sogar Verschwörungstheorien aus der Antike überliefert. Doch seit Beginn der Corona-Pandemie scheint es immer mehr Menschen zu geben, die wissenschaftlichen Konsens ablehnen. Zum Tag der Wissenschaft im November erklären wir, wie es um das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft steht.
62 Prozent vertrauen der Wissenschaft
Beim Wissenschaftsbarometer 2022, einer repräsentativen Umfrage von Wissenschaft im Dialog, gaben 62 Prozent der Deutschen an, der Wissenschaft und Forschung voll und ganz zu vertrauen. Das klingt vielleicht erstmal nach wenig, ist aber ein deutlicher Anstieg zu vor der Pandemie: 2019 gaben dies nur 46 Prozent der Befragten an. 2020 waren es schon 60 Prozent, 2021 dann 61 Prozent.
Und wie steht es um die Verschwörungstheoretiker und -theoretikerinnen? Eine Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung zu Verschwörungstheorien aus diesem Jahr ergab, dass acht Prozent der Wahlberechtigten der Ansicht sind, geheime Mächte würden die Welt steuern. Hier könnte die sogenannte Reptiloidentheorie eine Rolle spielen, die insbesondere in den USA verbreitet ist. Anhänger dieser Verschwörungstheorie glauben, dass Echsen in Menschenkostümen die Weltherrschaft an sich reißen wollen. Unter anderem seien Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel in Wirklichkeit Echsen.
Soziale Blasen im Netz
Starke Verbreitung finden diese Mythen vor allem durch die sozialen Medien, sagt Prof. Dr. Manfred Weisensee, Präsident der Jade Hochschule: „In den sozialen Medien bekommt man bevorzugt Informationen von Menschen, die das Gleiche denken wie man selbst. Man befindet sich also in einer Blase.“ In diesen Blasen können Meinungen, die nichts mit der Realität zu tun haben, viel Zuspruch finden. Dies trage auch auf Dauer dazu bei, dass das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft schwindet.
Deshalb sei es wichtig, die Medienkompetenz der Menschen schon im jungen Alter zu fördern, so Dr. Weisensee: „Wir müssen lernen, alles, was wir im Netz sehen oder lesen, zu hinterfragen.“ Denn falsche Informationen seien im Internet nicht leicht zu erkennen: „Bei einer heißen Herdplatte merkt man sofort, dass sie gefährlich ist, aber bei Informationen im Netz kann die Gefahr wesentlich subtiler sein.“
Prof. Dr.-Ing. Manfred Weisensee ist seit 2015 Präsident der Jade Hochschule.
Piet Meyer / Jade HochschuleDie richtige Kommunikation
Damit die Leute der Wissenschaft mehr vertrauen, muss die Wissenschaft besser kommunizieren, findet Elmar Bartlmae. Er ist Geschäftsführer und Mitbegründer des European Science Communication Institute (ESCI) in Oldenburg, das Forschende darin unterstützt, effektiver mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren.
„Im Vergleich zu britischen oder amerikanischen Forschenden, fällt es Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen in Deutschland oft schwer, die Dinge knackig und leicht verständlich zu formulieren“, so Bartlmae. Verstehen Menschen das, was ihnen gesagt wird, nicht auf Anhieb, nehmen sie eher eine Abwehrhaltung ein. Deshalb sei es wichtig, Erkenntnisse und Forschungsergebnisse anschaulich und greifbar zu kommunizieren.
Elmar Bartlmae ist Geschäftsführer und Mitbegründer des European Science Communication Institute (ESCI) mit Sitz in Oldenburg.
ESCIWiderstand bei Vorschriften
Das Vertrauen in die Forschung werde auf die Probe gestellt, wenn die Wissenschaft indirekt unseren Alltag beeinflusst, sagt Bartlmae. Deshalb stoßen beispielsweise Klimastudien auf besonders viel Widerstand. „Sie implizieren, dass wir unser Verhalten ändern müssen – weniger Auto fahren, seltener ins Flugzeug steigen.“ Dieses Phänomen kennt auch Prof. Dr. Weisensee: „Je näher etwas an den Menschen herankommt, umso massiver sind auch die Reaktionen.“
Auch hier könne die richtige Kommunikation einen Unterschied machen, sagt Bartlmae: „Forschende, die gut erklären können, sind das A und O.“ Macht man den Menschen gesicherte Erkenntnisse auf einfache Weise verständlich, führe das zu weniger Widerstand und mehr Vertrauen in die Wissenschaft.
