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NWZonline.de Ratgeber

Wangerooges Traum von der Raumfahrt

20.07.2019

Wangerooge „Senkrecht schießt die Rakete empor, hoch, immer höher scheint sie sich in die blaue Himmelskuppe bohren zu wollen. So steigt sie 1500 bis 1800 Meter hoch.“ Euphorisch schildert der Protokollant der Stadtverwaltung Osnabrück den Start der ersten deutschen Postrakete am 15. April 1931 im Ochsenmoor am Dümmer See. Diese öffentliche Vorführung, bei der 188 Postkarten befördert werden, ist der Durchbruch für Reinhold Tiling, der seit drei Jahren mit Feststoffraketen experimentiert. Dafür hat der Raketenpionier ein Übungsgelände auf der Insel Wangerooge gepachtet, wo seine Flugobjekte bis zu zwölf Kilometer weit fliegen.

Explosion in Werkstatt

Die Entwicklung der mehrstufigen Kammerraketen ist schlagartig vorbei, als am 10. Oktober 1933 eine Explosion die Werkstatt auf Gut Arenshorst bei Osnabrück erschüttert. „Die Rakete war ihnen unter der Presse krepiert... Brennend und hilferufend stürzten sich die drei ins Freie… und sprangen in den Teich neben dem Preßhaus “, schreibt Gisbert Freiherr von Ledebur nach dem Unglück an Kapitän Fedder, Badedirektor auf Wangerooge. Reinhold Tiling, seine Assistentin Angelika Buddenböhmer und Schmiedegeselle Friedrich Kuhr erliegen am folgenden Tag im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen.

Tiling hatte seine Kammerrakete 1928 zum Patent angemeldet. Im Sommer 1929 wird in Meppen die erste Rakete gestartet. Seinem Freund, Kapitän Fedder auf Wangerooge, schreibt Tiling damals: „4000 Versuche, 57 Modelle, drei Patente – ein arbeitsreiches Jahr!“

Das Land Oldenburg stellt Tiling Übungsgelände auf Wangerooge zur Verfügung. Am 20. Mai 1931 schließt Tiling mit Amtshauptmann Ross in Jever darüber einen Vertrag. „Nicht weitergehen! Raketenversuche! Lebensgefahr!“ steht auf Schildern in den Dünen. Die Raketenversuche müssen 14 Tage vorher in den „Nachrichten für Seefahrer“ und den „Nachrichten für Luftfahrer“ bekannt gemacht werden.

In den Ostdünen werden nördlich des „Fliegerschlösschens“ am 30. November 1931 21 Raketen unterschiedlicher Bauart und Reichweite gezündet. Im folgenden Sommer reist „Fox tönende Wochenschau“ zum Raketenschießen nach Wangerooge, wo am Pfingstsonntag staunende Badegäste das Spektakel verfolgen. Die Badeverwaltung stellt drei Hilfskräfte und unterstützt die Versuche mit einem Betrag von 125 Euro aus dem Kurtaxfonds.

Aber die Forschungen Tilings werden auch durch Geldmangel ausgebremst. „Fahrt nach Wangerooge verschoben. Wir haben kein Geld,“ vertraut die technikbegeisterte Angelika Buddenböhmer ihrem Tagebuch an.

Und es gibt Bedenkenträger, wie Carl Kraemers vom Berliner Tierschutzverein. Der bezieht sich auf Zeitungsberichte, wonach Reinhold Tiling bei seinen Versuchen Hunde oder Katzen einsperren will. Das Innenministerium in Oldenburg möge „…mit allen Mitteln verhindern, dass lebende Tiere in solchen Raketen fortgeschleudert werden.“

Tiling entwickelt zwei Raketenflugzeuge: das Flugmodell Tilling-Ledeburg (FTL) und das Kreiselmodell Tiling Ledeburg (KTL). Durchmesser und Länge der mehrstufigen Pulverladung bestimmen Flughöhe und -weite. Tilings Anspruch: „Ein Raketenflugzeug muss wie ein Geschoss starten und als (Gleit)-Flugzeug landen können.“ Dieses Prinzip wird bis 2011 von der amerikanischen Weltraumagentur NASA beim „Space-Shuttle“ angewandt.

Experimentiert wird auch mit dem Druck, mit dem das Pulver zusammengepresst wird, und Trennschichten zwischen den einzelnen Stufen, die nacheinander zünden. Laienhaft muten die Berichte an, wenn Angelika Buddenböhmer notiert: „Bei Friseur Garbs Parfümzerstäuber gekauft, um damit dem Pulver 0,2 % Wasser zuzusetzen.“

Interesse im Ausland

Die Raketenversuche Tilings verfolgen die Kapitalgeber, vermittelt vom Erfinderhaus Hamburg, und die Marine. Aber so richtig überzeugt sind die staatlichen Stellen (noch) nicht. Anders dagegen das Ausland: England zeigt Interesse an den Patentrechten und will vier Millionen Reichsmark zahlen. Ein Berliner Waffenlobbyist bekundet Kaufabsichten von China und bahnt Gespräche und Vorführungen auf Wangerooge an.

Bei Gesprächen in Berlin kommt es auch zu einem Zusammentreffen zwischen Reinhold Tiling und Wernher von Braun, Konstrukteur von Hitlers „Geheimwaffe“ V 2 und späterer Wegbereiter der bemannten Raumfahrt. „Ich glaube, diese beiden genialen Männer hätten sich gegenseitig viel geben können“, hält Gisbert von Ledebur fest.

Im Sommer 1933 – inzwischen waren die Nationalsozialisten an der Macht – schoss Reinhold Tiling von einer einmotorigen Propellermaschine zwei Raketen ab, eine hinaus auf die Nordsee, eine weitere auf ein markiertes Bodenziel.

„Aufs Höchste beeindruckt sprachen die Herren der Marine Herrn Tiling ihre Hochachtung aus“, erinnert sich von Ledebur.

Aber nach vier Wochen kommt aus Berlin die Ernüchterung: „Solche halsbrecherischen Feuerwerkskunststücke machen wir nicht mit!“, schreibt das Marinewaffenamt.

Reinhold Tiling hat noch viele Visionen. So will er mit einer Raketen-Postverbindung die Post nach Wangerooge und zu anderen Ostfriesischen Inseln einrichten. Als Startplatz wird die Hofstelle Bremer bei Friederikensiel auserkoren, auf Wangerooge der Flugplatz. Am 19. Mai 1931 wird auf Wangerooge der Luftbahnhof eingeweiht. Auch der bemannte Raketenflug, der New York von Europa aus innerhalb einer Stunde erreicht, schwebt Tiling als Fernziel vor.

An das Wirken des Raketenpioniers erinnert eine kleine Ausstellung im Inselmuseum auf Wangerooge, das sich Anfang der 30er Jahre für kurze Zeit wie der Raumfahrtbahnhof Cape Canaveral in den USA fühlen durfte.

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