Westerstede - Das gibt es wirklich nur auf dem Lande: Du kommst nach Hause und eine Kuh steht vor der Tür. Und nicht nur das. Hinten, im Garten, macht sich gerade eine Herde von 88 Rindviechern über deinen Garten her. Alles ist platt getrampelt, alles weggefressen – und alles vollgesch…..!
Was andere zur Verzweiflung treiben würde, wurde für Belinda Berger zur Inspiration. „Na klar,“ dachte sich die gerade aus England nach Deutschland zurückgekehrte Künstlerin, „ich lebe jetzt auf dem Lande. That‘s life – Country Life!“ So entstand die Idee für eine Keramikserie, mit der sie weltweit bekannt wurde.
Wir treffen uns in Linswege, einem kleinen Ortsteil der ammerländischen Gemeinde Westerstede. Hier hat sich Belinda Berger ein über 250 Jahre altes, wunderschönes Ammerländer Bauernhaus gekauft. Eine historische Stellmacherei gehört auch dazu. Wo früher landwirtschaftliches Gerät aus Holz hergestellt wurde, entstehen heute feine Kunstwerke aus Keramik und Porzellan. Schnell wird klar, dass die Produkte mit der üblichen Töpferware nur wenig zu tun haben.
Stilvolles Ambiente
Im einzigartigen Ambiente der Galerie, zwischen rustikalen Fachwerkregalen, präsentiert sich die ganz eigene Welt der Belinda Berger. Da gibt es Geschirr für den täglichen Gebrauch, das alles andere als „alltäglich“ ist, Deckenlampen aus keramisch nachgeformten Häkeldeckchen und Holzscheiten oder leuchtende Wärmflaschen aus durchscheinendem Porzellan.
Vorbild für ihre originellen und oft skurrilen Kreationen sei die englische Keramikkunst, erklärt Berger, frei nach dem Motto: Erlaubt ist was gefällt. „Ich möchte Neues schaffen,“ betont sie, „das darf auch ruhig mal crazy sein!“
Überhaupt England. Ihr Sehnsuchtsort. In der blauen Sofaecke der Galerie gibt es – na klar – Tee und British Cupcakes. Eigentlich stamme sie aus Nordrhein-Westfalen, plaudert die Lady. Dort arbeitete sie zunächst als Metallbildhauerin in der eigenen Werkstatt. Später zog sie mit ihrer kleinen Tochter für einige Jahre nach England, um Kunst und Keramik zu studieren. Sie wäre gern dort geblieben. Aber ihre Tochter zog es zurück nach Deutschland.
Und das Ammerland? Warum nicht! „Hier blühten gerade Rhododendren,“ die Künstlerin lächelt, „das hat mich sofort an Cornwall erinnert.“
Bestens bekannt
Ihr Atelier im dörflichen Linswege ist inzwischen weithin bekannt. Belinda Berger schmunzelt, wenn sie an die Kühe denkt und daran, wie vor rund zwanzig Jahren alles begann. Tatsächlich brachte ihr die Serie „Country Life“ den internationalen Durchbruch. Liebenswerte Viecher vom Lande, frech platziert auf Tellern, Tassen und Schüsseln – das hatte die Keramikwelt noch nicht gesehen! Führende Kunstmessen im London, New York und Philadelphia rissen sich damals um die originelle Kollektion. Fernsehen und Lifestyle-Magazine berichteten und sogar im Kochbuch von Tim Mälzers tauchen ihre fröhlichen Tischgenossen auf.
„Der Erfolg hat mich selbst überrascht,“ gibt Berger offen zu. Die Symbiose aus Kunst, Keramik und britischem Humor kommt offenbar an. Aber mal ehrlich: Wer könnte diesen liebenswerten Viechern widerstehen? Sie nimmt eine Suppenschüssel aus dem Regal. Mittendrin sitzt bereits ein Ferkel und wartet auf Futter. Gleich daneben, auf einer großen Servierplatte, träumt eine Kuh von Butterblumen. Pferde, Hühner, Schafe und Hasen erobern das Geschirr, klettern über Tellerränder, Teekannen und Zuckerdosen oder dienen als Griffe für Becher und Kuhmilchkännchen.
Fast wie Porzellan
Durch das feine Material und die elfenbeinfarbene Optik wirkt das Steingut fast wie Porzellan. Auf Farbe verzichtet die Künstlerin, das könnte kitschig wirken. Höchstens mal ein bisschen Gold für die Flügel der „Engelschweine“, auch so eine nette Idee. Sie selbst frühstücke übrigens am liebsten mit der Schweinchen-Butterdose, verrät sie, „da hat man schon morgens ein Schmunzeln im Gesicht.“
Wir werfen einen Blick in die Werkstatt. Belinda Berger arbeitet nicht an der Töpferscheibe, sie stellt ihre keramischen Produkte im Gießverfahren her. Dafür fertigt sie eine spezielle Gipsform an, in die sie flüssige Steingutmasse, den sogenannten Schlicker, füllt. Schon nach kurzer Zeit kann der abgebildete Rohling entnommen und versäubert werden. „Tierfigur und Untergrund müssen im noch feuchten Zustand miteinander verbunden werden und anschließend etwa zwei Wochen lang an der Luft trocknen,“ erklärt sie.
Auch der anschließende Brand ist ein aufwändiger Prozess. Zuerst der Schrühbrand, dann der Glasurbrand und zum Schluss noch mal der Brand für das Signet. So vergehen rund drei Wochen, bis so ein Unikat fertig ist!
„Country life“
„Country life“ ist aber nur eine ihrer erfolgreichen Kreationen. Immer wieder experimentiert die Künstlerin mit neuen Ausdrucksformen in der Gebrauchs- und Objektkeramik. Demnächst will sie versuchen, ihre Werke mit Aktmalerei in Öl zu kombinieren. „Ich brauche Abwechslung, sonst wird‘s langweilig!“
Privat würde sie gern noch mal in ihre Wahlheimat nach Cornwall reisen. „Meine Tochter und ich haben damals sogar an einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung teilgenommen,“ erinnert sich die 58-Jährige. Aber das ist eine andere Geschichte…
