• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Ratgeber

Mit eisernem Dreschflegel auf Kreuzzug

18.08.2018

Wiefelstede Im August des Jahres 1218 belagert ein Kreuzritterheer die Hafenstadt Damiette am Nildelta in Ägypten. Mit dabei sind mehrere Tausend Friesen, die entscheidenden Anteil an der Eroberung der Stadt hatten. Friesen in Ägypten vor 800 Jahren? Wie sind sie denn dort hingekommen?

Es ging es um die Frage, wem Jerusalem gehört. Kreuzritter des ersten Kreuzzuges hatten die Stadt im Jahr 1099 erobert, doch 90 Jahre später hatte Sultan Saladin die Stadt für die Muslime wieder zurückgewonnen. Der Papst rief die Ritter des Abendlandes auf, Jerusalem erneut zu erobern und sandte Erlasse in alle Bistümer. Als ein solcher Erlass Paderborn erreichte, schickte der Bischof Wanderprediger aus, die in den Dorfkirchen von der Kanzel zum Kreuzzug aufrufen sollten.

Prachtvolle Stadt

Bei den Friesen war ein Mann namens Thomas Olivier besonders erfolgreich. Von der Weser bis weit in die heutigen Niederlande konnte er die Friesen für die Idee begeistern. Nicht nur den Ablass aller Sünden, auch reiche Beute stellte er den zukünftigen Kämpfern in Aussicht.

So rüsteten die Friesen ihre Schiffe und trafen sich am 31. Mai 1217 in Holland. 90 friesische Schiffe sollen es gewesen sein. An der Rheinmündung stieß das niederrheinische Kontingent mit weiteren hundert Schiffen dazu. Elf Monate sollte ihre Hinreise dauern.

In Lissabon waren sie zu Gast bei König Alfons, genannt „der Dicke“, er überredete sie, die Maurenfestung Setúbal zu erobern. Dabei erbeuteten die Friesen so viele Schätze, dass ihnen Zweifel kamen, ob eine Weiterfahrt noch lohnend sei. Fast die Hälfte der Seeleute meinte, genug für das Christentum gekämpft zu haben, und segelte nach Hause. Das werden sie bereut haben: Im ersten Winter, nachdem sie wieder daheim waren, überflutete die bis dahin schlimmste Sturmflut das Land. Die Marcellusflut vom Januar 1219 ließ Deiche an Jade, Ems und in Holland brechen, 36 000 Menschen starben.

Die anderen Kreuzritter erreichten die Festung Akkon im April 1218. Auch Kreuzritter aus Österreich und Ungarn waren eingetroffen, ein Heer aus England war noch unterwegs. In Akkon regierte der Franzose Jean de Brienne, er lebte schon acht Jahre dort und kannte die örtlichen und politischen Gegebenheiten. Sultan Saladin war tot, dessen Bruder Saphadin, mittlerweile 83-jährig, regierte über ein Reich von Damaskus über Jerusalem bis Kairo. Jerusalem galt als uneinnehmbar. Jean de Brienne befahl, das Reich des Sultans in Ägypten anzugreifen. Der Auftrag lautete, die Hafenstadt Damiette, die die Zufahrt nach Kairo versperrte, zu erobern.

Die Friesen zeigten sich überwältigt vom Anblick der Stadt, so viel Pracht hatten sie nicht erwartet. Die Wehranlagen flößten Ehrfurcht ein: Hinter einer niederen Vormauer mit Wassergraben erhob sich eine mittlere Mauer mit 28 Türmen, im Inneren der Stadt stand eine weitere, noch höhere Burganlage. Gegenüber auf der anderen Seite des Nils stand das Prachtstück der ausgeklügelten Verteidigung: der Burjas-silsilah – ein massiver Turm mit 300 Mann Besatzung. Zwischen Turm und Stadt spannte sich die eiserne Kette, die jedem Schiff die Einfahrt verwehrte. Wer die Stadt einnehmen wollte, musste zuerst diesen Turm erobern.

Geschenk abgelehnt

Acht Wochen lang scheiterten alle Angriffe, der Mut der Kreuzritter sank. Dann kam die Stunde von Thomas Olivier, er hatte nicht nur Theologie, sondern auch Wehrtechnik studiert. Er ließ zwei Schiffe zusammenbinden und darauf eine breite Sturmleiter anfertigen. Schutzplanen sollten Pfeilbeschuss und das „griechische Feuer“ abwehren, eine Teermasse, die an allem haften blieb und auch im Wasser weiterbrannte. Zusätzlich ließ er ein spezielles Löschmittel aus Säure, Salz und Kies herstellen.

Am 24. August 1218 begann der entscheidende Angriff. Ein Ritter Heinrich aus Lübeck sprang als Erster von der Sturmleiter auf den Turm, neben ihm Hayo, ein Bauernsohn aus Fivelgo (ein Bezirk im Groninger Land). Da Hayo sich kein Schwert leisten konnte, hatte er sich daheim beim Schmied seinen Dreschflegel mit eisernen Zacken bewehren lassen. Mit dieser furchterregenden Waffe drosch er auf die Muslime ein, schlug eine Bresche für nachfolgende Kämpfer, und als Krönung seiner Tat eroberte er das Banner des Propheten von der Spitze des Turms. Doch noch war nicht viel gewonnen, die Stadt blieb in der Hand der Muslime.

Statt sofort mit der Belagerung zu beginnen, verfielen die Kreuzritter in „Faulheit und Streit“ wie Thomas Olivier berichtete. Der greise Sultan Saphadin war bei der Nachricht über die Niederlage tot umgefallen, sein 38-jähriger Sohn und Nachfolger Al-Kamil machte den Kreuzrittern ein Friedensangebot, er bot ihnen die Stadt Jerusalem als Geschenk an. Jean von Brienne wollte annehmen, doch der Legat des Papstes, Kardinal Pelagius von Albano, setzte auf eine militärische Lösung. Darüber zerstritten sich die Ritter.

Die Friesen interessierte das nicht mehr, die meisten von ihnen segelten im Frühjahr 1219 nach Hause. Später erhielten sie ein Dankesschreiben von Papst Honorius. Im November 1219 eroberten die Kreuzritter doch noch die Stadt Damiette, aber im Juli 1221 mussten sie beim Marsch auf Kairo eine vernichtende Niederlage einstecken. Al-Kamil nahm Damiette wieder in Besitz. Die Eroberung des Turms durch die Friesen blieb der einzige Glanzpunkt eines ansonsten erfolglosen Kreuzzuges.

Der AutorDr. Hans-Joachim Schepker (66) ist Ethnologe und Geograf. Er wohnt in Wiefelstede (Kreis Ammerland) und arbeitet als Dozent für Politik und Kulturgeschichte. Im Isensee-Verlag ist sein Buch „Hoffnungsvoll ins Ungewisse – Auswanderergeschichten aus acht Jahrhunderten“ (220 Seiten, 12,90 Euro) erschienen. Darin beschreibt er die Ereignisse des fünften Kreuzzuges aus der Sicht eines englischen Kreuzritters.

Der Kreuzzug in Kürze:
24. August 1218: Friesen erobern den Turm von Damiette
September 1218: Kardinal Pelagius von Albano erreicht Damiette und beansprucht den Oberbefehl über alle Kreuzritter.
16. Januar 1219: Die Marcellusflut verwüstet Friesland und weitere Gebiete an der Nordseeküste.
März 1219: Ein Großteil der friesischen Flotte verlässt Damiette.
August 1221: Kardinal Pelagius zieht mit verbliebenen Kreuzrittern gegen Kairo und wird im Nildelta vernichtend geschlagen.

Weitere Nachrichten:

Isensee-Verlag

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.