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NWZonline.de Ratgeber

„Zu Nutz und Freud für alle Zeit“

06.02.2016

Bremen Die vielbefahrene Parkallee ist nur ein paar Gehminuten entfernt, da taucht das Gebäude zwischen hohen Bäumen auf. Idyllisch gelegen wie das Forsthaus Falkenau aus der gleichnamigen Fernsehserie und gebaut wie ein kleiner Almhof in den Schweizer Bergen: Was für Pastoren das Pfarrhaus ist, das ist für Bürgerpark-Direktoren das Schweizerhaus. Wer dort wohnt, hat sich für ein Leben entschieden, in dem Beruf und Privatleben oft ineinanderfließen. Seit vier Jahren ist Tim Großmann (44) Direktor des Bremer Bürgerparks und hat in dieser Zeit ein besonderes Verhältnis zu Bremens grüner Lunge entwickelt, die in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag feiert.

200 Hektar Grünfläche

Der Bürgerpark ist ein Ort mit faszinierenden Eigenschaften: Er liegt im Herzen der Stadt, doch das scheint schon nach wenigen Metern längst vergessen. Er wirkt wie eine natürlich entstandene Landschaft, steht aber unter Denkmalschutz. Er ist eine echte Konstante im Leben vieler Bremer, obwohl er sich selbst unaufhörlich verändert. Vor allem aber ist er für jeden kostenfrei zugänglich, kommt aber ohne Steuergelder aus. Stattdessen wird er seit seiner Gründung mithilfe von Spenden und privaten Zuwendungen wie Erbschaften und Stiftungsgeldern erhalten. „Das kann kein anderer Park dieser Größenordnung in Deutschland von sich behaupten“, sagt Großmann.

Wohlhabende Bremer Kaufleute fassten 1865 den Plan, auf einem brachliegenden Wiesengrundstück einen Park für alle Bürger zu errichten. Weil der Senat für dieses Vorhaben keine Steuergelder locker machen wollte, gründeten sie ein „Comité zur Bewaldung der Bürgerweide“. Die anfangs 60 Mitglieder entschieden sich für einen Entwurf des Landschaftsarchitekten Wilhelm Benque, der den Bürgerpark als klassischen Landschaftspark konzipierte. „Damit lag er im Trend der Zeit“, sagt Großmann. „Die Ära der Barockgärten mit ihren exakt beschnittenen Bäumen und Hecken war vorbei.“

Die Initiative zählte schon bald 800 Mitglieder. Am 28. Juni 1866 begannen Arbeiter damit, den heutigen Emmasee auszuheben. Der erste Spatenstich markiert die Geburtsstunde des Bürgerparks. Wilhelm Benque wurde erster Parkdirektor.

Heute müssen nicht nur 200 Hektar Grünfläche in Schuss gehalten werden, sondern auch 52 Gebäude und Brücken. Mehr als zwei Millionen Euro kostet das pro Jahr. 30 Mitarbeiter arbeiten im und für den Park. Eine Hauptsaison gibt es nicht: „Der Park beschäftigt uns das ganze Jahr“, sagt Obergärtner Heiko Lustfeld. „Im Frühjahr pflanzen wir, im Sommer mähen wir die Wiesen, im Herbst muss das Laub weggeräumt werden und im Winter der Schnee.“

1500 Baumspenden

Spenden, Stiftungsgelder, Mitgliedsbeiträge für den Bürgerpark-Verein, die jährliche Bürgerpark-Tombola, Benefizkonzerte – das alles hat zwar in den vergangenen Jahren genügend Geld eingespielt, um die laufenden Kosten für den Betrieb des Parks zu decken. „Aber um beispielsweise einen großen Brunnen wie den Markusbrunnen zu sanieren, sind schnell mal 200 000 Euro fällig“, sagt Großmann.

Hinzu kommt: Immer mehr Bäume aus den Anfangsjahren werden morsch und müssen durch neue ersetzt werden. Hierbei helfen seit rund 15 Jahren Baumspender, die ab 450 Euro eine Baum-Patenschaft übernehmen können. Rund 1500 Bäume haben sie dem Park schon gestiftet. Wer welchen Baum gespendet hat, sieht niemand. Der Bürgerpark sei „ein sehr hanseatischer Park“, findet Obergärtner Lustfeld. „Die Bremer genießen ihn und spenden für ihn, ohne das an die große Glocke zu hängen.“

Parkdirektor Großmann ist durchaus zuversichtlich, dass weiterhin genug Geld zusammenkommt, um den Bürgerpark ohne staatliche Zuschüsse zu erhalten. Hoffnung macht ihm vor allem das enge Verhältnis der Bremer zum Bürgerpark. Da gibt es Ehepaare, die ihr erstes Rendezvous im Café am Emmasee hatten oder mit einem Holzboot durch die malerischen Kanalwege gerudert sind. Da sind junge Familien, die den Park lieben, weil er neben den sechs Spielplätzen auch ein Tiergehege und einmal pro Jahr einen riesigen Kindertag bietet. Da sind Naturfreunde, die bei Exkursionen im Park Heilkräuter oder Vogelstimmen entdecken. Oder Klassikliebhaber, die es mit Picknickstühlen zum Open-Air-Konzert „Musik und Licht am Hollersee“ zieht.

Dass der Bürgerpark ein breites Publikum anlocken sollte, war bereits der Wunsch seiner Gründer. „Für Herr und Gesind, Mann, Weib und Kind, zu Nutz und Freud, für alle Zeit“. Diese Worte sind auf einer steinernen Bank eingemeißelt. Sie steht direkt am Emmasee. Dort, wo vor 150 Jahren die Geschichte des Bürgerparks begann.

Wilhelm Benque(1814–1895), Sohn eines Schneidermeisters, durfte wegen guter Schulleistungen eine Gärtnerlehre im Schlosspark von Ludwigslust absolvieren. Das Lehrgeld bezahlte der mecklenburgische Großherzog Friedrich Franz I. Er förderte auch seine weitere Ausbildung in Potsdam. 1833 gehörte Benque zum Mitarbeiterstab von Peter Joseph Lenné bei der Erweiterung des Schlossgartens von Schwerin. Auf Empfehlung von Lenné studierte er an der Berliner Universität und arbeitete in den Parks von Berlin und Muskau.

Nach seiner Rückkehr nach Mecklenburg legte Benque Reformpläne für den Ausbau des Schlossparks in Ludwigslust und zum Obstbau in Mecklenburg vor. Im Zuge der Revolution von 1848 emigrierte er in die USA. In New York war er an der Gestaltung des Central Parks beteiligt. Nach zwölf Jahren in den USA kehrte Benque nach Deutschland zurück und arbeitete zunächst in Kiel.

Benques Konzeptfür den Bremer Bürgerpark, mit dem er 1866 den Wettbewerb für die Anlage des Parks gewann, weist Ähnlichkeiten mit dem New Yorker Central Park auf. Er leitete den Park 20 Jahre lang mit 170 Mitarbeitern. Das Garten-Kunstwerk machte ihn deutschlandweit bekannt. Nach seinen Plänen entstanden ähnliche Parkanlagen unter anderem in Bad Harzburg, Wiesbaden und Dresden.

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