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NWZonline.de Region

Aller guten Dinge sind bei ihnen sechs

02.07.2016

Oldenburg Bald kommt Klara und bringt die Führung. Familie Kehmeier aus Oldenburg steht in freundschaftlicher Konkurrenz zu einer anderen kinderreichen Familie: den Kellys.

„Ich war Tourleiter der Kelly-Family, Arthy war Fan und hat auf Konzerten T-Shirts verkauft“, erzählt Sven Kehmeier. Dort lernten sie sich kennen und heirateten drei Monate später. „Joey Kelly war beim Standesamt in Oldenburg dabei.“

Die Kellys, eine Familie bestehend aus zwölf Kindern, von denen die nächste Generation auch zahlreich ist. „Angelo hat fünf, Joey drei – das ist aber kein Wettkampf“, scherzt Sven Kehmeier. Trotzdem schrieb er Angelo scherzhaft, die Kehmeiers gingen nun in Führung.

Wenn die Familie durch die Fußgängerzone läuft, begegnen ihr manchmal Blicke, Menschen flüstern leise Zahlen vor sich hin. Meistens ist Sven Kehmeier (35) schneller: „Brauchst nicht zu zählen, sind fünf.“ Früher habe er als selbstständiger Veranstaltungskaufmann noch hauptsächlich an den Wochenenden gearbeitet und sei montagmorgens mit den Kindern zum Einkaufen gefahren. „Da wird man schon schräg angeguckt.“ „Und jetzt wird es noch auffälliger“, schätzt Arthy (33).

Auffällig, ja. Aber gewiss nicht asozial. Das Gegenteil sei heute der Fall, sagt Prof. Dr. Corinna Onnen von der Uni Vechta, „Die mit vielen Kindern sind eher wohlhabend, kommen aus dem gehobenen Bildungsbürgertum und haben eine sichere Einnahmequelle mit flexiblen Arbeitszeiten“, sagt Onnen. „Wer ein Kind hat, möchte auch etwas reingeben und es fördern.“ Wer nicht viel Geld und keine Zeit habe, wolle in Deutschland auch nicht mehr als ein Kind haben.

Doch woher kommt dann das Bild von der armen Familie mit vielen Kindern? „Einige Sozialhilfeempfängerinnen haben oft mehr als ein Kind“, erklärt Corinna Onnen. Nach fünf bis sieben Jahren Ehe komme oft die Scheidung – da seien schon Kinder im Spiel. Die blieben bei ihrer Mutter, die oft für die Kinder ihren Job aufgab und somit auf der schlechteren finanziellen Seite stehe. „Das ist ein deutsches Phänomen. Zwar gibt es eine finanzielle Sicherung auch für Alleinerziehende, diese berücksichtigt aber nicht, dass Frauen wegen der Familie ihre Erwerbstätigkeit aufgegeben haben und somit das getrennte Elternpaar in der Regel das Gehalt des Ehemannes aufteilen muss.“ Je mehr Kinder, desto ärmer sei die Familie dann.

Jahrelang versuchen Sven und Arthy es, ein sechstes Kind zu bekommen und geben schließlich auf. Arthy hat gerade eine zweite Ausbildung zur Krankenschwester in Teilzeit angefangen. Dann klappt es doch.

Geschwister warten

Das war im April, heute freuen sich beide, haben vieles geregelt und auch die Kinder eingeweiht. Im Garten spielen Thies (10 Jahre), Till (7), die Zwillinge Josefine und Tom (4) sowie Laura (6) mit Hündin Alisha (7).

Die Familie sitzt nun am langen Esstisch. Ob sie sich schon freuen? Till nicht unbedingt, er wollte lieber einen Bruder. Mit dem Neuzugang sind Jungs und Mädels zahlenmäßig wieder ausgeglichen. Die Schwestern freuen sich schon, mit dem Baby zu spielen und zu essen. „Werdet ihr auch wickeln?“, fragt Mutter Arthy. „Oh nein“, kommt sofort die Antwort.

Das Paar führt durchs Haus. Die Zimmer sind aufgeräumt, liegt mal etwas in der Mitte des Zimmers, bückt sich Mutter Arthy und hebt es auf. „Jungs“, seufzt sie und legt es beiseite.

In den 1960er Jahren wird das um 50 Prozent ermäßigte Zugticket für Familien mit mehr als drei Kindern eingeführt. Der nach dem Familienminister Franz-Josef Wuermeling benannte Pass – in der Öffentlichkeit als „Karnickelpass“ abgewertet – habe viele abgestempelt: Menschen mit drei Kindern müssen arm sein, wenn sie ihn benutzen. Ein Ursprung woher das Bild in der Öffentlichkeit stammt, glaubt Corinna Onnen.

Großfamilien gibt es allerdings immer seltener. Laut Statistischem Bundesamt hatte 2014 nur rund jede zehnte Familie mehr als drei Kinder, bei Familien mit Migrationshintergrund waren es 15 Prozent. Die Kleinfamilie ist im Trend: 53 Prozent der Familien hat nur ein Kind, oder anders gesehen, nur 47 Prozent der Kinder hat einen Bruder oder eine Schwester.

„Irgendwie nervig – irgendwie auch cool“, beurteilt Thies, der älteste Sohn, seine vielen Geschwister und zuckt mit den Schultern. Er hat es als erstes gewittert, nachdem er ein Ultraschall-Bild zwischen den Tellern gefunden hatte. Dann hätten die Eltern es auch den anderen erzählen müssen. „Das wäre total toll, wenn jetzt ein Baby kommen würde“, soll Tochter Laura bei der Enthüllung gesagt haben, ohne verstanden zu haben, was eigentlich enthüllt wird. „Da ist schon eins drin“, sagt Sven. Die Kinder jubeln.

„Im nächsten Jahr sind alle in der Schule“, freut sich Sven Kehmeier. „Nicht alle“, bremst ihn seine Frau und deutet auf ihren Bauch. „Na gut, aber wir haben dann vier Kinder auf einer Schule“, sagt der Vater stolz. Klara weiß es noch nicht: Sie wird gebürtiger Schalke 04 -Fan, denn Vater Sven füllt stets bei der Geburt eines Kindes den Mitgliedsantrag aus.

Laden die Kinder Freunde nach Hause ein, sitzen manchmal zehn Kinder am Tisch. „Das ist für Einzelkinder manchmal ungewohnt“, hat Arthy Kehmeier beobachtet. Die Lautstärke auf dem Grundstück kommt und geht. Wenn sie kommt, ist es als würde ein Düsenjet vorbeirollen und wenn sie geht, als wäre er abgeflogen.

Hilfe beim Haushalt bekommt Arthy kaum, auch weil sie es nicht zulässt. „Ich bin da eigen.“ Bevor etwas falsch gemacht wird, macht sie es selbst, erst später in der Schwangerschaft kommt eine Haushaltshilfe. „Die Messlatte ist hoch“, weiß Sven.

1500 Euro für Essen

1500 Euro kosten Essen und Trinken im Monat, rechnet Arthy aus. „Da sind noch keine Fußball-, keine Hallenschuhe oder 20 Euro Kopiergeld pro Kind für die Schule dabei“, seufzt Vater Sven.

Pro Jahr 500 Euro für Vereinsmitgliedschaften gehören dazu: Thies, Till und Tom spielen Fußball, Josefine tanzt Ballett und Laura ist Nachwuchs-Cheerleaderin. „Wir haben im Winter an einem Tag für 700 Euro Kinderschuhe gekauft“, weiß Arthy.

Im Alltag hilft die Oma, die nebenan wohnt. „Sonst haben wir erst Zeit für uns, wenn die Kinder im Bett sind. Sven organisiert sein Berufs-, Vereins- und Familienleben mehrfarbig im Kalender, sonst gibt es Chaos.

Mitgliedschaft im Zeltverein, großes Auto, Zeltplatz mit Freibad: Bezahlbarer, langer und erholsamer Urlaub für die ganze Familie. „Wir wollen uns mal ein großes Wohnmobil kaufen und dann die ganzen Sommerferien durch Europa fahren“, erzählt Arthy von ihren Plänen. Klara ist schon ein Teil davon.


Alle Beiträge finden Sie unter   www.nwzonline.de/ferien-familienzeit 
Sascha Sebastian Rühl
Volontär, 3. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion
Tel:
0441 9988 2003

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