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NWZonline.de Region

Konzentrationslager Esterwegen: Häftling 562 – Auf den Spuren Carl von Ossietzkys

07.05.2014

Esterwegen /Oldenburg Sie gaben ihm eine Nummer, so wie den anderen Gefangenen auch, seine lautete 562.

562 zog jetzt jeden Tag mit den anderen Gefangenen ins Moor. Manchmal sah es so aus, als wolle ihn die feuchte Erde verschlucken; knietief sackte er in den Morast, wenn er den Spaten in den Boden zwang. Meter um Meter trotzte er dem Ödland Entwässerungsgräben ab, das alles sollte einmal Ackerland sein, 50 000 Hektar für 2300 neue Siedler, so wollten es die Nazis. Seine Lunge war angegriffen, immer wieder brach 562 erschöpft zusammen.

Carl von Ossietzky BILD: Uni Oldenburg

Namensgeber der Universität Oldenburg

Carl von Ossietzky wurde am 3. Oktober 1889 in Hamburg geboren. Der Journalist („Weltbühne“) bekam den Friedensnobelpreis zugesprochen, durfte 1936 aber nicht an der Preisverleihung teilnehmen. Am 4. Mai 1938 starb er an den Folgen seiner KZ-Haft.

Die Gedenkstätte Esterwegen ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Mehr Infos unter: www.gedenkstaette-esterwegen.de

„Am liebsten würde ich dich umbringen“, sagte ein Aufseher zu ihm. „Aber von dir wird gesprochen.“

Er war Carl von Ossietzky, der bekannte Journalist aus Berlin. Die Gestapo, die Geheime Staatspolizei der Nazis, hatte ihn in der Nacht des Reichstagsbrands verhaftet, sie warf ihm vor, „in ganz besonders hetzerischer und volkszersetzender Weise Propaganda getrieben“ zu haben. Sie sperrten ihn ins Gefängnis von Spandau, verlegten ihn Konzentrationslager Sonnenburg, verschleppten ihn 1934 schließlich ins neue KZ Esterwegen, weit weg von Berlin. „Schutzhaft“ nannte die Gestapo das.

Die Gefangenen hatten einen Namen für das KZ. Sie nannten es „die Hölle am Waldesrand“.

20 000 Tote

70 Jahre später ist Nummer 562 schon sehr lange tot. Sein Gefängnis ist ebenfalls verschwunden; auf dem Lagergelände stand zuletzt ein Bundeswehrdepot, Zutritt verboten. Was bleibt von einer Hölle, wenn die Hölle einfach abgerissen wurde?

„Eine Herausforderung“, sagt Dr. Andrea Kaltofen, 60 Jahre alt, Geschäftsführerin der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen. Sie lächelt ein bisschen stolz; hinter ihr recken sich zweieinhalb Meter rostroter Corten-Stahl in den Emslandhimmel

15 sogenannte Emslandlager gab es zwischen 1933 und 1945, im Foyer der Gedenkstätte stehen ihre Namen in rostrotem Stahllettern: Aschendorfermoor, Dalum, Wesuwe, Börgermoor, Groß Hesepe. 260 000 Gefangene gingen durch diese Lager: Homosexuelle, Sinti und Roma, religiöse Minderheiten, vor allem aber politische Gegner der Nazis. Einige Häftlinge waren prominent wie der SPD-Politiker Julius Leber, der Arbeiterführer Friedrich Ernst Husemann, der Kabarettist Werner Finck, der Journalist Ossietzky, Nummer 562.

„Das war der Beginn hier“, sagt Andrea Kaltofen, die Geschäftsführerin, „hier erprobten die Nazis ihr System der Konzentrationslager.“ Bereits im Sommer 1933 entstanden die Lager in Esterwegen, Börgermoor und Neusustrum, lange vor Bergen-Belsen, Buchenwald, Auschwitz.

Eine systematische Vernichtung von Menschen gab es nicht in den Emslandlagern, mehr als 20 000 Menschen starben trotzdem. Sie überlebten die zermürbende Arbeit im Moor nicht, die Schläge, den Hunger.

Als der Schweizer Diplomat Carl Jacob Burckhardt Ossietzky 1935 im Auftrag des Roten Kreuzes besuchte, traf er „ein zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gefühllos zu sein schien, ein Auge verschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen“.

„Sagen Sie den Freunden, ich sei am Ende, es ist bald vorüber, bald aus, das ist gut“, bat das zitternde Etwas Burckhardt.

Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald? Das Grauen war hier ganz in der Nähe, nur 45 Kilometer von Oldenburg entfernt. Man hatte es bloß abgerissen.

Erinnern ist nicht einfach. Als in Oldenburg Anfang der 70er-Jahre die Universität gegründet wird, will sie sich den Namen Carl-von-Ossietzky-Universität geben. Ein erbitterter Streit in Stadt und Land beginnt, der erst 1991 mit der endgültigen Namensgebung sein Ende findet. Studenten, die sich für den Namen Ossietzky eingesetzt haben, eröffnen 1985 in Papenburg ein „Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager“ (DIZ). Auf dem ehemaligen Lagergelände in Esterwegen war ja die Bundeswehr, über die Geschichte war bereits Gras gewachsen.

Und dann begann die Strukturreform der Bundeswehr, der Standort Esterwegen wurde geschlossen, der Landkreis Emsland entschied, eine Gedenkstätte zu bauen. Gesamtkosten: 5,8 Millionen Euro, Bund, Land, Stiftung Niedersachsen zahlten mit.

Aber wie gedenkt man, wenn keine Andenken mehr da sind?

Geschichts-Schlaglöcher

Die rostrote Mauer aus Corten-Stahl. Scherenschnittartige Wachtürme. Eine Lagerstraße, 480 Meter lang, oben Bundeswehrpflaster, darunter KZ-Schotter. Roteichen, die Häftlingsbaracken nachformen, Baum an Baum, dicht gedrängt wie früher die Gefangenen. Dazwischen, wie Wunden, grobe Geschichtsschlaglöcher: Mauerreste. Ein Stück Stacheldraht. Ein paar Bretter Häftlingsbaracke. Das Kabel, das den Lagerzaun mit Strom versorgte. Seit Oktober 2011 gibt es die Gedenkstätte Esterwegen, die künstlerische Lagernachbildung trifft ihre Besucher mit Wucht. 65 000 kamen seit der Eröffnung.

In der dunklen Ausstellungshalle steht Kurt Buck, 60 Jahre alt. Er war einer der Studenten an der neuen Universität Oldenburg, die 1974 den Namen Ossietzky wollten, er baute das DIZ mit auf. Jetzt ist er mit dem DIZ in die Gedenkstätte umgezogen. „Wer hier herkommt und fragt: Wo sind die Gaskammern, die Millionen Toten, der muss umdenken“, sagt Buck.

Wer umdenkt, bekommt das hier: 246 Porträtfotos von Gefangenen. Einen Brief: „Sehr liebe Frau und Kinder, ich schreibe heute meinen letzten Brief, um euch wissen zu lassen, dass ich heute um 18.30 Uhr hingerichtet werde.“ Eine Erinnerung von Andrea Kaltofen an einen Ex-Häftling, der nach dem Besuch der Gedenkstätte in einem örtlichen Restaurant immer neue Speisen bestellte; „ich möchte mich einmal in Esterwegen satt essen“, sagte er ihr.

Kein Entrinnen möglich

Das Emsland hat die Gedenkstätte angenommen; die Nachbarn haben sich mit dem fünf Meter hohen Tor aus Corten-Stahl arrangiert. In Oldenburg hat man längst Frieden mit dem Namen Carl-von-Ossietzky-Universität geschlossen. Die Universität feiert in diesem Jahr ihr 40 -jähriges Bestehen, das Motto lautet: „Offen für neue Wege“. Neue Wege können auch zurückführen in die Vergangenheit. Da steht Vizepräsidentin der Uni, Prof. Dr. Gunilla Budde (53), auf der ehemaligen Lagerstraße. Sie sagt: Die Uni wird künftig stärker mit der Gedenkstätte Esterwegen zusammenarbeiten. Bei Forschung und Wissenschaft, aber auch beim Gedenken: Am Wochenende hat die Uni erstmals einen Bus nach Esterwegen geschickt; Uni-Mitarbeiterin Helga Wilhelmer (67) führte 50 Besucher durch die Ausstellung. Fortsetzung soll folgen.

Die Führung beginnt noch vor dem Eingang, rechts zeigt ein rostroter Pfad nach Norden. Er führt schnurgerade ins Moor, kein Abbiegen ist möglich, kein Entrinnen, damals nicht für die Häftlinge, heute nicht für Besucher.

Der Gefangene Nummer 562, Carl von Ossietzky, wurde im November 1936 aus der Haft entlassen, er war todkrank. Am 4. Mai 1938 starb er an den Folgen einer Tuberkulose in einem Berliner Krankenhaus. Draußen saß ein Gestapo-Mann und passte auf.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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