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NWZonline.de Region

Das Boot: „Buch wie ein Orkan“

26.10.2016

Oldenburg Beim Piper-Verlag war man skeptisch. Zu lang, zu verworren,„faschistischer Dreck“ – so lautete das Urteil derjenigen, die vonden fünf Leitz-Ordnern Lothar-Günther Buchheims gehört oder daringelesen hatten. Der Verlag schickte das Manuskript zurück. DerCheflektor, Walter Fritzsche, wollte es dann doch noch einmalsichten. Obwohl ihm der Zweite Weltkrieg „zum Hals heraus“ hänge,wie er sagte.

Zunächst fristeten darum die fünf Ordner ein feuchtes Dasein imWäschekorb seines Badezimmers. Aber Fritzsche las es dann doch – undwar danach vom Verkaufserfolg überzeugt. So sehr, dass eineorangefarbene Banderole die Erstausgabe zierte: „Ein Buch wie einOrkan“. In den nächsten Jahren wurde „Das Boot“ in Deutschland eineMillion und weltweit drei Millionen Mal verkauft. Es erlebte über 40Auflagen und wurde in 18 Sprachen übersetzt.

Persönliche Widmung

Die Erstausgabe steht im Bücherschrank Friedrich Grades. Gradehatte als Leitender Ingenieur an der siebten Feindfahrt von U 96teilgenommen, die im Mittelpunkt des Romangeschehens steht. Der Bandenthält eine persönliche Widmung Lothar-Günther Buchheims.

„Das Boot“ kam nicht aus dem literarischen Nichts. Wenige Jahrenach dem Krieg, 1953, hatte der Oldenburger Gerhard Stalling Verlagmit einigem Erfolg das Buch „Die Wölfe und der Admiral“ von WolfgangFrank herausgebracht, der im Krieg wie Buchheim Angehöriger einerPropagandakompanie der Kriegsmarine war. Fünf Jahre späterveröffentlichte der ehemalige Oberbefehlshaber der U-Boote, KarlDönitz, seine Biographie. In den 1960er Jahren wurde durch denEichmann-Prozess in Jerusalem und den Auschwitz-Prozess in Frankfurteine ganze Reihe von Büchern zum U-Boot-Krieg angestoßen.

Keines dieser Bücher aber hatte den Erfolg, den Herbert A. Werner1970 mit seinem Buch „Die eisernen Särge“ erzielen sollte. DieSchilderung des ehemaligen U-Boot-Kommandanten nahm die bildhafteund lebendige Erzählweise Lothar-Günther Buchheims vorweg. Vor allemaber fand sich bei Werner erstmalig die These von denU-Boot-Männern, die von der eigenen Führung „verraten“ worden seien.Das Buch wurde schnell zum ersten U-Boot-Bestseller überhaupt. Eserschien sowohl auf Deutsch und Englisch und wurde in gleichvierzehn Ländern veröffentlicht. Der Autor wurde Medienstar: Alleinin den USA absolvierte Herbert A. Werner 127 Fernseh- undRadiointerviews.

Lothar-Günther Buchheim musste spätestens da seine Arbeit an „DasBoot“ aufgenommen haben. Bereits sein erstes U-Boot-Buch, „Jäger imWeltmeer“ (1943), hatte einen erfolgreichen Vorreiter: DerKriegsberichter Harald Busch hatte 1942 „U-Boot auf Feindfahrt“veröffentlicht. In Aufmachung, Umfang und Format waren beide Büchersehr ähnlich, in einigen Fotos sogar identisch.

Kontroverse Diskussion

Der gewaltige Sofort-Erfolg von „Das Boot“ führte zu eineraufgeregten gesellschaftlichen Diskussion über die Männer derU-Boot-Waffe, vor allem über deren Leben und Sterben imzeitgenössischen Kontext von Nationalsozialismus und Krieg. ImMittelpunkt des Diskurses stand, wie zuvor bei Herbert A. Werner,der Autor: Lothar-Günther Buchheim. Und wie Werner transportierteBuchheim das Bild einer von ihrer eigenen Führung verratenen und zumTode verurteilten U-Boot-Waffe. So lautete der Arbeitstitel zunächstauch nicht „Das Boot“, sondern „Das geduldete Leben“.

Daneben setzte Buchheim, besonders in der zentralen Figur des„Alten“, den Mythos von der besonderen Mannhaftigkeit derU-Boot-Fahrer auf subtile Art und Weise fort. Immerhin entstammtedieser Mythos der Propaganda der Kriegsmarine, deren Teil derLeutnant zur See, der Kriegsberichter Lothar-Günther Buchheim, aktivgewesen war.

In seinem Buch füllen die literarischen Figuren des „Alten“ unddes „Leitenden“ den Vordergrund. Deren Vorbilder auf U 96,Kapitänleutnant Heinrich Lehmann-Willenbrock aus Bremen und derLeitende Ingenieur (LI), Oberleutnant zur See Friedrich Grade ausOldenburg, blieben hingegen weitgehend unbekannt. Das privateTagebuch des „LI“ zur 7. Feindfahrt von U 96, der Grundlage von „DasBoot“, stellt nun die realen Männer von U 96 neben ihre fiktionalenIdentitäten. Die Veröffentlichung des Tagebuchs in dieser Zeitung,auf den Tag genau 75 Jahre nach der Feindfahrt, ermöglicht eine neueDiskussion der Frage, wie der einzelne U-Boot-Fahrer im Kontext vonNationalsozialismus und Krieg verstanden werden kann. DieAufzeichnungen Grades werden zeigen, dass Lothar-Günther Buchheimmit seinem Welterfolg „Das Boot“ nicht die letzte Antwort daraufgegeben hat.

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