CNDDDDDDDD - Neuerscheinungen
Justus Möser hat im 18. Jahrhundert ein idealisiertes Bild des westfälischen Bauernhofes entworfen. Seitdem pries die deutsche Volkskunde das Landleben, setzte es positiv von der Stadtkultur ab. Natürlichkeit, ein intaktes soziales und inneres Leben, gemüthafte Werte, das alles verband sich mit dem bäuerlichen Dasein. Die Volkskunde wollte, sammelnd und darstellend, das Überlieferte bewahren, ob Trachten oder Hausformen, ob Lieder und Bräuche, nicht zuletzt die Märchen. Es ging um die Ursprünge des Volkslebens. Die Gefahren lagen auf der Hand: einerseits ein Sammeln ohne zu reflektieren, andererseits eine Politisierung mit negativem Höhepunkt im nationalsozialistischem Denken. Manipulierte Wunschbilder beherrschten zeitweise die volkskundliche Szene. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Volkskunde dagegen endgültig zur Sozialwissenschaft. Exakte Untersuchungen zum bäuerlichen Leben und Arbeiten entstanden. Die Gegenstände wurden zu Zeichen, die sorgfältig und kritisch, ohne ideologische Überhöhung zu interpretieren waren. Denken und Handeln sozialer Gruppen auf dem Land sollten entschlüsselt werden.
Der im Oktober 2010 im Alter von 79 Jahren verstorbene Helmut Ottenjann steht für die volkskundliche Forschung im besten Sinn. Sein Name ist mit dem Museumsdorf Cloppenburg untrennbar verbunden, das er als Nachfolger seines Vaters von 1961 bis 1996 leitete. Die Alltagskultur war sein Thema. Helmut Ottenjann war nicht zuletzt ein unermüdlicher Autor, Ergebnis ist eine lange Bibliografie. Der vorliegende Band mit einer repräsentativen Auswahl seiner Aufsätze sollte zum 80. Geburtstag des bedeutenden Forschers erscheinen – er hat ihn nicht mehr erlebt.
Viele Facetten dieser Kultur werden im vorliegenden Band beleuchtet. Schon beim Blättern zeigt sich in den vielen Abbildungen die reiche Überlieferung: Gebäude, Möbel mit ihren Schnitzereien, Kleidung. Am Ende des Bandes steht ein bisher unveröffentlichter Aufsatz von Helmut Ottenjann: „Brautwagenmöbel der Menslager Kirchspielsbauerschaften“. Es war eine glückliche Idee, diesem Aufsatz einen Beitrag von Karl-Heinz Ziessow voranzuschicken: „Kirche und Kirchspiel in Menslage von der Gründung bis 1850“. Ziessow geht auf das Kloster Menslage ein, dann auf die Kirche und ihre soziale wie ökonomische Funktion in vorreformatorischer Zeit. Er zeigt die Veränderungen durch Reformation und Territorialherrschaft.
Die Bestandsaufnahme der Möbel, ihre Dokumentation in Wort und Bild ist Basis für Auswertung und Interpretation. Ottenjann zeigt Wege auf, die eine künftige Forschung zu gehen hat, um Lücken zu schließen. Methode und Richtung sind zu erkennen, wenn Ottenjann Kirchspielkultur-Eigenprägungen herausarbeitet, die ‚Dingsprache hörbar macht. Alles das ist umfassend belegt und für den Leser nachvollziehbar, wenn er die umfassende Bilddokumentation in diesem Beitrag anschaut.
Der vorliegende Band ist eine gelungene Erinnerung an einen verdienten Forscher, gibt Einblick in ein konsequent gestaltetes Lebenswerk. Faszinierend ist es, den Einfluss der ‚großen politischen, sozialen und kunstgeschichtlichen Entwicklungen im ländlichen Raum zu verfolgen, die weniger abgeschnitten waren, als es landläufiger Vorstellung entsprechen mag.
Helmut Ottenjann, Vom Leben auf dem Lande. Kirchspiele und Bauerschaften in der Frühen Neuzeit, Cloppenburg 2011 (Beiträge zur Geschichte des Oldenburger Münsterlandes, Die Blaue Reihe, Bd. 18). 284 Seiten, viele Abbildungen. Christoph Prignitz
