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NWZonline.de Region

Inklusion: „Das sollte kein Kind durchmachen“

25.07.2014

Rastede /Oldenburg Fünf plus fünf ist zehn. Man sagt: Das weiß doch jedes Kind.

Stimmt aber gar nicht. Laura zum Beispiel wusste es nicht. Sie hatten es ihr wieder und wieder gesagt, aber wenn sie dann fragten: „Laura, wie viel ist fünf plus fünf?“, dann schwieg Laura. Oder sie riet drauflos: Sechs? Zwölf?

Ihr Vater holte zehn Äpfel. Erst legte er fünf auf den Tisch, dann noch einmal fünf. Er fragte: „Wie viele Äpfel sind das jetzt?“ Laura wusste es nicht. „Wieso versteht du das nicht?“, fragte Frank Radtke, Lauras Vater. „Erkläre ich das zu kompliziert?“

Er versuchte es mit zehn Bonbons, mit Fingern, mit Papier und Stift. Ohne Erfolg.

Irgendwann, nach vielen Tests, gab es eine Diagnose: dissoziierte Intelligenz. Laura hat ein Problem mit logischen Verknüpfungen. Ein Fachmann erklärte es den Eltern so: Wenn Sie von Wiefelstede nach Oldenburg fahren, nehmen Sie den direkten Weg. Laura nicht. Sie fährt Umwege und Schleifen. Irgendwann kommt auch Laura in Oldenburg an, aber es dauert.

Ein Neuanfang

In der Grundschule nahmen die anderen Kinder den direkten Weg. Sie rechneten bis 100, Laura hing bei fünf plus fünf fest. Sie weinte viel.

Ein Fördergutachten stellte fest, dass Laura „Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung“ im Bereich Lernen hatte. Nach drei Jahren in der Grundschule wechselte sie auf die Förderschule am Voßbarg in Rastede.

„Es war, als hätte jemand den Stöpsel gezogen“, sagt Frank Radtke. Plötzlich war der Druck weg, der Stress, Laura weinte nicht mehr. „In Deutsch ist sie nun die Beste in der Klasse“, berichtet stolz Kirsten Radtke, Lauras Mutter.

„Laura, magst Du uns das Märchen vorlesen?“, fragt Herr Mödden. Laura mag. Sie liest, sie lächelt.

An der Wand kleben Fußballposter, auf einem Tisch liegen „Star-Wars“-Sammelkarten. Ein ganz normales Klassenzimmer, 6. Jahrgang, nur die Zahl der Kinder ist kleiner: Zehn Mädchen und Jungen sitzen da in Hufeisenform um Herrn Mödden.

Herr Mödden hat eine Märchen-Ralley vorbereitet. Die Kinder sollen Aufgaben lösen, Gruppenarbeit: „Die meisten Märchen beginnen mit . . . ?“

„Herr Mödden, guck’ mal, wie schön ich schreiben kann!“, ruft Jens*.

„Wie sind die Regeln hier?“

„Ach ja: Ich melde mich.“

Jens’ hat Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Bereich Emotionale und soziale Entwicklung. Später wird Jens mit seiner Gruppe auf dem Flur arbeiten dürfen, „die Auszeit braucht er“.

Laura schreibt auf ihren Aufgabenzettel: „Es war einmal.“ Die Lösung kann sie selbst kontrollieren, hinter der Tafel hängt ein Lösungszettel.

Hans Mödden, 39 Jahre alt, sagt: Es geht um Konzentration. Um Selbstständigkeit. Um gegenseitige Hilfe. Vor allem aber: um Erfolg.

„Jetzt reicht’s!“

„Wenn die Kinder hier ankommen, sind sie down“, sagt Mödden. „Sie haben so viele Misserfolge erlebt. Wir sagen: Komm’ erst mal an, fang’ Dich wieder. Wir versuchen, die Kinder wieder aufzubauen.“

In Niedersachsen gibt es 171 Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen, 13 900 Schüler werden dort von 2080 Lehrern unterrichtet. Aber nicht mehr lange.

In § 4 des Niedersächsischen Schulgesetzes heißt es unter der Überschrift „Inklusive Schule“: „In den öffentlichen Schulen werden Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam erzogen und unterrichtet.“ Die Inklusion soll Förderschulen überflüssig machen. Die erste Förderschule, die abgeschafft wird, ist die Förderschule Lernen. In die Klassen 1 bis 4 werden seit Sommer 2013 keine neuen Schüler mehr aufgenommen. Ihre Förderung soll jetzt an den Regelschulen stattfinden.

Kirsten Radtke, Lauras Mutter, hält das für eine Katastrophe. „Laura wäre untergegangen an der Regelschule“, sagt sie. Ihr Mann meint: „Ihr Leben wäre vermurkst.“

Das Niedersächsische Kultusministerium verweist auf eine aktuelle Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Darin stehe, „dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Grundschulen signifikant höhere Kompetenzwerte im Lesen, Zuhören und in Mathematik aufweisen als vergleichbare Schüler an Förderschulen.“ Besonders ausgeprägt seien die Effekte für Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen.

Aber stellen die Studien auch die richtigen Fragen? Wen fragen sie überhaupt?

Hans Mödden, der Förderschullehrer, sagt: „Sie fragen nicht die Kinder. Die Frage an die Kinder müsste lauten: Wie gern gehst Du zur Schule?“

Laura Radtke, 12 Jahre alt, sagt: Ich gehe gern zur Schule.

Lauras Mutter war neulich in Hannover. Sie hatte eine Online-Petition gestartet: „Jetzt reicht’s! Erhalt der Förderschule Lernen in Niedersachsen.“ 10 610 Menschen haben unterzeichnet; Kirsten Radtke hat die Liste nun an Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU) übergeben.

Im Schulgesetz, § 4, steht nämlich auch: „Welche Schulform die Schüler besuchen, entscheiden die Erziehungsberechtigten.“ Der Leiter der Schule am Voßbarg, Bernhard Schrape (60), berichtet: „Mehr als 99 Prozent unserer Schüler sind auf Elternwunsch hier.“

Andererseits: Förderschule ist Aussonderung, „das war sie schon immer“, räumt Schrape ein. „Deutschland hat nun einmal ein Schulsystem, das sehr leistungsorientiert und selektierend ist – und unsere Sorge ist, dass die Bedingungen nicht für alle gleich sind.“

Ganz oben in der Oldenburger Universität, 4. Stock, gibt es einen Inklusions-Experten: Dr. Holger Lindemann, 43 Jahre alt, Diplom-Pädagoge, Leiter der Arbeitsgemeinschaft „Inklusion an Oldenburger Schulen“. „Es ist verständlich, dass Eltern sagen: Mein Kind braucht einen Raum, wo es vor bestimmten Auseinandersetzungen beschützt wird“, sagt er. „Aber verhindere ich nicht bestimmte Lernerfahrungen, wenn ich mein Kind so behüte? Ist das nicht ein Stück Erziehung zur Unselbstständigkeit?“

Lindemann sagt: „Alle Kinder brauchen Unterstützung. Die Frage muss also lauten: Wie kann ich die individuelle Förderung sicherstellen, die jedes Kind braucht?“

Das Land Niedersachsen antwortet so: In jeder Grundschulklasse unterrichtet nun auch ein Förderlehrer aus dem Bereich Lernen – zwei Schulstunden pro Woche.

„Das ist viel zu wenig!“, empört sich Kirsten Radtke. „An der Förderschule hat Laura den ganzen Schultag über professionelle Begleitung!“

Auch Lindemann bemängelt, dass bislang eine „unabhängige Bedarfsberechnung“ fehle. Er weiß, dass sich Schule ändern muss für eine funktionierende Inklusion, „weg vom Konkurrenzgedanken, hin zur individuellen Höchstleistung“; er ahnt, dass Schulen bei der Umsetzung von Inklusion Fehler machen werden. Er sagt aber auch: „Inklusion ist Menschenrecht – wir müssen damit anfangen!“ Von jetzt auf gleich werde nicht alles perfekt sein: „Lassen Sie erst mal zehn Jahre ins Land gehen. Wenn alle mitmachen, wird es gelingen.“

Suche nach Stärken

Zehn Jahre? Das ist eine ganze Schullaufbahn.

Laura würde nach der Schule gern Polizistin werden. Oder Krankenschwester. Ob das was werden kann, wird man sehen, sagt ihr Vater: „Sie macht jetzt erst einmal ihren Hauptschulabschluss.“

Ihre Chancen stehen gut. Bernhard Schrape, der Leiter der Schule am Voßbarg, rechnet vor, dass 90 Prozent seiner Schüler in die 10. Klasse gehen und dort den Hauptschulabschluss schaffen. Bis dahin wird Laura gemeinsam mit ihren Lehrern nach Stärken suchen, „auch unabhängig von Lesen, Schreiben, Rechnen“, sagt Schrape. Sie suchen im Schulgarten, in Schüler-Firmen, in der Schüler-Band, in Betriebspraktika, bei der Märchen-Ralley.

Das Ende der Förderschule betrifft Laura nicht, sie wird ihren Abschluss am Voßbarg machen. Ihre Mutter kämpft trotzdem für den Erhalt: „Ich weiß ja, wie Laura gelitten hat damals. Das sollte kein Kind durchmachen.“ Inklusion braucht Zeit? Kirsten Radtke hat einen Vorschlag: „Lasst Regelschule und Förderschule so lange parallel laufen!“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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