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NWZonline.de Region

Das Leiden der Anderen

16.09.2017

Delmenhorst /Kumlu An einem Taxistand in Bremen fällt an einem warmen Sommertag ein Mann um. Er heißt Adnan Tüter, Vater von zwei kleinen Kindern, fünf und sechs Jahre alt. Herr Tüter kam vor 17 Jahren aus der Türkei nach Deutschland; dort war er ein Lehrer, hier arbeitet er als Taxifahrer.

Die Kollegen am Taxistand wählen den Notruf. Ein Rettungswagen bringt Adnan Tüter ins Krankenhaus Bremen-Mitte. Der Arzt wird nicht schlau aus dem Fall, auf den Diagnosezettel schreibt er „Hyperventilationssyndrom“ und ein paar unleserliche Wörter. Er schickt Herrn Tüter nach Hause, er wohnt in Delmenhorst.

Aber etwas stimmt nicht mit Herrn Tüter, er hat Sehstörungen, ihm ist schwindlig, alles kribbelt, das Sprechen fällt ihm schwer. „Das ist nicht mein Mann“, sagt Mariya Tüter, die Ehefrau.

Die Familie fährt ihn ins städtische Klinikum. Herr Tüter will nicht, „lasst mich“, ruft er, „fahrt mich nicht dahin!“. Die Ärzte im Klinikum untersuchen ihn, sie stellen einen Schlaganfall fest. Herr Tüter kommt auf die Intensivstation. Drei Tage und Nächte wacht seine Frau an seinem Bett, dann fährt sie nach Hause, sie will duschen, etwas essen, ein wenig schlafen.

Es ist der 15. Juni 2004. In den frühen Morgenstunden klingelt in Delmenhorst bei Familie Tüter das Telefon. Das Klinikum ist dran, Herr Tüter hatte einen Herzstillstand. Er starb um 5.57 Uhr, „trotz aller Bemühungen“, wie das Klinikum später schreibt. Adnan Tüter war 47 Jahre alt.

Ein Strafverfahren von 332

Zwölf Jahre vergehen. Es sind schwere Jahre für Mariya Tüter, die Witwe. Aber irgendwie geht das Leben weiter, sie arbeitet als Luftsicherheitsassistentin, ihre Kinder gehen zur Schule. Sie sind längst groß, als im April 2016 plötzlich eine Polizistin vor der Tür steht. Sie sagt zu Frau Tüter: Alles deutet darauf hin, dass Ihr Mann ermordet wurde, ermordet von Niels Högel.

Lesen Sie alles zum Prozess gegen Niels Högel in unserem Spezial

Heute weiß man, dass der Krankenpfleger mindestens 90 Klinikpatienten getötet haben soll. Adnan Tüter könnte ein 91. Opfer sein. Doch vorerst bleibt er eines der insgesamt 332 Strafverfahren gegen Högel wegen Mordverdacht, es fehlt der Beweis.

Mindestens 90 getötete Patienten

Niels Högel soll mindestens 90 Patienten in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst getötet haben, das haben die Ermittlungen der Sonderkommission „Kardio“ ergeben. Die Ermittler gehen zudem von einem großen Dunkefeld aus. Einige Angehörige werden nie eine Antwort bekommen: 132 Patienten, die während einer Högel-Schicht verstorben sind, wurden feuerbestattet; ihre Leichen können nicht mehr untersucht werden.

Mehr zum Fall:

Mehr zum Fall:nwzonline.de/krankenpfleger-prozess

Es gibt zwei Möglichkeiten, den Mord nachzuweisen.

Möglichkeit 1: Der Mörder gesteht den Mord. Aber Högel kann sich angeblich nicht an Adnan Tüter erinnern.

Möglichkeit 2: Man findet die Tatwaffe.

Der Gerichtsbeschluss

Högel tötete seine Opfer mit Medikamenten, im Klinikum Delmenhorst spritzte er ihnen zumeist eine Überdosis des Herzmittels Gilurytmal; der tödliche Wirkstoff darin heißt Ajmalin. Der menschliche Körper baut Ajmalin schnell wieder ab, aber wenn ein Patient bald nach der Ajmalin-Vergiftung stirbt, bleiben Rückstände des Wirkstoffs im Gewebe nachweisbar, auch viele Jahre nach dem Tod. Bei Adnan Tüter setzte die Herzstörung um 2.30 Uhr ein, dreieinhalb Stunden später war er tot. Die Polizei sagt, sollte Ajmalin die Herzstörung ausgelöst haben, wäre ein Nachweis wahrscheinlich.

Das Amtsgericht stellte einen Exhumierungsbeschluss für die Leiche von Adnan Tüter aus. Es braucht dafür nicht die Zustimmung der Familie, aber Mariya Tüter erklärt sich ausdrücklich einverstanden. „Ich will wissen, was geschehen ist“, sagt sie.

Insgesamt 134 Leichen haben die Högel-Ermittler in den vergangenen zweieinhalb Jahren ausgegraben. Bei Adnan Tüter gibt es allerdings ein Problem.

Ein halbes Jahr, bevor er am Taxistand zusammenbrach, starb ein Freund von ihm. Der Freund wurde auf eigenen Wunsch in der Türkei bestattet. „Warum macht er das? Was soll das?“, empörte sich Mariya Tüter.

Ihr Mann blickte sie lange an. Dann sagte er: „Wenn mir etwas passieren sollte, möchte ich auch in der Türkei beerdigt werden.“ Im Familiengrab, in Kumlu, Region Hatay.

Ein halbes Jahr später ist er tot, und Mariya Tüter sagt: „Es ist sein Wunsch.“ Noch am Todestag wird der Leichnam überführt, am nächsten Tag wird er beigesetzt.

In einem fremden Land

Die Umsetzung eines richterlichen Exhumierungsbeschlusses ist eine hoheitliche Aufgabe. Im Fall von Adnan Tüter soll sie aber in einem fremden Hoheitsgebiet erfolgen. Dafür muss die Staatsanwaltschaft ein Rechtshilfeersuchen erstellen.

In seinem Büro im Oldenburger Bahnhofsviertel sagt Oberstaatsanwalt Dr. Martin Koziolek: „Rechtshilfeersuchen – das klingt schon ein bisschen nach Hilflosigkeit.“

Innerhalb der Europäischen Union gibt es Verträge, die die Rechtshilfe regeln. Mit manchen Staaten „läuft es fast wie im eigenen Land“, schwärmt Koziolek. Beispiel Polen: Auch dort gab es eine Exhumierung eines mutmaßlichen Högel-Opfers, die Polen schickten schnell Gewebeproben nach Deutschland. (Das Ergebnis war negativ, aber Högel gestand die Tat.)

In der Türkei, außerhalb der EU, ist die Sache komplizierter. Dort gilt der „diplomatische Geschäftsverkehr“, eine Kommunikation nach festen Regeln.

Das geht so: Die Staatsanwaltschaft setzt ein Schreiben „an die zuständigen Behörden in der Türkei“ auf mit der Bitte, „die Ausgrabung und Leichenöffnung des verstorbenen Adnan Tüter (...) zu genehmigen und vorzunehmen“. „Eilt!!“, schreibt der Staatsanwalt oben drüber, er bittet „höflichst um eine bevorzugte Behandlung“.

Das Schreiben geht an das Justizministerium in Hannover. Das Justizministerium schickt es an das Bundesamt für Justiz in Bonn. Das Bundesamt gibt es weiter an das Auswärtige Amt in Berlin. Das Auswärtige Amt übermittelt es an die deutsche Botschaft in Ankara. Die deutsche Botschaft übergibt es dem türkischen Justizministerium in Ankara. Das Ministerium ist nun für die Weiterleitung im eigenen Land zuständig, „der genaue Geschäftsweg innerhalb der Türkei ist hier nicht bekannt“, teilt das niedersächsische Justizministerium auf Nachfrage mit.

Das Rechtshilfeersuchen im Fall Tüter trägt das Datum 6. Juni 2016. 15 Monate später weiß in Deutschland niemand, wo es sich derzeit befindet.

Die deutschen Behörden bieten den türkischen Behörden an, sämtliche Kosten zu tragen. Sie bieten ihnen an, deutsche Beamte zur Unterstützung zu schicken. Sie bieten an, die rechtsmedizinische Untersuchung der Gewebeproben zu übernehmen.

Martin Koziolek, der Sprecher der Staatsanwaltschaft, sagt: „Was die tun, wissen wir nicht. Ob die was tun, wissen wir nicht. Wir können nur höflich nachfragen.“ Wie häufig nachgefragt werden darf, auch das ist geregelt.

In ihrer Reihenhauswohnung in Delmenhorst sagt Mariya Tüter, 45 Jahre alt: „Ich hatte immer im Kopf, da stimmt was nicht. Aber ich dachte, die hätten in Bremen etwas falsch gemacht!“

Das stimmt auch, in Bremen-Mitte gab es eine Fehldiagnose. Aber sie kostete Adnan Tüter allenfalls indirekt das Leben: weil er so nach Delmenhorst kam.

Mariya Tüter will eine starke Frau sein. Sie sagt sich wieder und wieder: Nein, ich werde nicht weinen! Aber dann platzt es doch wieder aus ihr heraus: Ich war es, die ihn nach Delmenhorst geschickt habe! Ich war es, die zum Duschen und Essen nach Hause gefahren ist! Ohne mich könnte mein Mann noch leben!

Das ist natürlich Unfug, aber so denken Menschen, und jetzt ist es Mariya, die umfällt. Ihre Nerven versagen. Seit Monaten ist sie arbeitsunfähig, sie braucht Unterstützung, Medikamente. „Ich kann mit dieser Ungewissheit nicht leben“, sagt sie.

Jemand rät ihr, zur Opferhilfe zu gehen. Dort fragt man sie: Sind Sie denn ein Opfer? Können Sie das beweisen?

Ein offener Fall

Die Rechtsanwältin Gaby Lübben aus Delmenhorst, die mehr als 70 Nebenkläger im Fall Högel vertritt, sagt: „Ohne Nachweis werden ihr alle Möglichkeiten genommen.“ Mariya Tüter kann dann nicht als Nebenklägerin am nächsten Högel-Prozess teilnehmen. Sie kann kein Schmerzensgeld und keinen Schadenersatz fordern.

Mariya Tüter sagt, sie möchte doch nur das hier, die Antwort: Nein, Ihr Mann wurde nicht ermordet!

Wir forschen nach. Mithilfe eines türkischen Rechtsanwalts erfahren wir: Das Rechtshilfeersuchen ist am 15. August 2017 bei der Staatsanwaltschaft in Antakya eingegangen, der Hauptstadt der Region Hatay. Einen Monat später soll sie nach Reyhanli weitergeleitet worden sein, wo die untergeordnete Justizbehörde sitzt. Aber offenbar gibt es dort ein Problem: Angeblich ist die genaue Lage der Grabstelle von Adnan Tüter unbekannt.

Reyhanli liegt 40 Kilometer Luftlinie von Aleppo entfernt, einer durch die IS-Milizen verwüsteten syrischen Stadt. Das Auswärtige Amt rät dringend von Reisen in das türkisch-syrische Grenzgebiet ab. Mariya Tüter weiß, wo das Grab ist; vor Ort helfen kann sie nicht. Sie ist ja nicht einmal offiziell über den Stand der Dinge informiert. Sie will jetzt ein Schreiben aufsetzen mit der exakten Beschreibung der Grabstelle.

Staatsanwalt Koziolek sagt: Mord verjährt nicht, „es bleibt für uns ein offener Fall“. Auch wenn es Jahre dauern sollte, bis die Türkei antwortet.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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