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NWZonline.de Region

Der Mörder mit der Ordensbrust

14.06.2014

Aschendorf /Leer /Oldenburg Das Lager ist längst abgerissen, aber die Toten sind noch da; sie liegen unter Bäumen am Ende eines Feldwegs. Regen tropft auf ihr Grab, und der Wind hat mal wieder das Ewige Licht ausgepustet. Jemand müsste kommen und es wieder anzünden, er könnte dann auch das Moos vom Gedenkstein kratzen, aber weit und breit ist kein Mensch zu sehen, es gibt nur Kaninchen, Fasane und eine Rebhuhnfamilie. „Dem Andenken der hier ruhenden Toten“ steht auf dem graugrünen Stein; Namen haben die Toten nicht.

Aber ihr Mörder hat einen Namen: Er hieß Willi Herold und war ein Schornsteinfegerlehrling aus Lunzenau bei Chemnitz, gerade erst 19 Jahre alt. Die Leute in der Gegend haben den Friedhof nach ihm benannt: Herold-Friedhof.

Vielleicht regnete es auch, als der Gefreite Herold vor 69 Jahren die Landstraße hinauflief. Er hatte bei Gronau seine Einheit verloren, nun trottete er allein Richtung Norden, wohin sollte er sonst gehen, in der anderen Richtung stand ja der Feind. Dann sah er etwas im Straßengraben liegen, es war ein verlassenes Luftwaffenauto.

In dem Auto lagen Kisten, in einer Kiste lag eine Hauptmannsuniform. Herold schlüpfte hinein; sie passte ihm tadellos. An der Uniform glänzten Orden, das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse, die silberne Nahkampfspange.

Eine neue Einheit

Kleider machen Mörder, und so begann die Geschichte des falschen Hauptmanns Herold, über die es später in der Zeitung heißen wird, sie sei „so schrecklich und grotesk, dass man das Ganze für eine Greuellüge halten könnte, wäre man sich nicht der Wirklichkeit bewusst“.

Schneidig soll er ausgesehen haben, der falsche Hauptmann, vor allem aber: wichtig. „Herr Hauptmann! Herr Hauptmann!“, rief bald eine Stimme aus der Straßenböschung, sie gehörte einem Gefreiten, der ebenfalls seine Truppe verloren hatte. Weitere Soldaten stießen hinzu, eine neue Einheit entstand: die Kampfgruppe Herold. Im emsländischen Lathen konfiszierten die Männer ein Zwei-Zentimeter-Flakgeschütz.

Die Quellen

Die Recherchen zu Willi Herold basieren auf folgenden Quellen:

„Der Henker vom Emsland“ , Buch von T.X.H. Pantcheff (Schuster-Verlag, 244 S., 17,90 Euro)

„Der Hauptmann von Muffrika“ , Film von Paul Meyer und Rudolf Kersting (DVD: Absolut Medien)

Dauerausstellung in der Gedenkstätte Esterwegen

Mehr Infos unter

Mehr Infos unterwww.gedenkstaette-esterwegen.de

Der Feind stand bereits in Meppen, als die Gruppe am 12. April 1945 das Lager 2 in Aschendorfermoor erreichte. Wo heute der Feldweg zu dem Massengrab unter Bäumen führt, stand vor 70 Jahren eines der 15 Emslandlager.

Das auf 1000 Insassen ausgelegte Lager 2 war völlig überfüllt, 3000 Gefangene drängten sich hier, zumeist politische Häftlinge. Man hatte sie aus den Nachbarlagern evakuiert, um sie vor dem Feind zu verstecken. Unterwegs waren einige Häftlinge geflohen, man konnte sie wieder einfangen, nun quetschten sie sich in die Arrestzellen. Was sollte man mit ihnen tun? Von der Gauleitung aus Oldenburg kam kein Befehl, klagte die Lagerleitung, nur „juristisches Palaver“.

Der frisch eingetroffene Hauptmann Herold meinte: Er könne das doch übernehmen. Er habe unbeschränkte Vollmacht vom Führer.

Immer mehr Tote

Zum Beweis ließ er 40 Männer aus der Arrestbaracke antreten und wählte fünf aus. „Gleichschalten!“, schrie er; die Männer starben durch Genickschuss. Anschließend befahl er, draußen vor dem Lagerzaun eine Grube auszuheben: sieben Meter lang, zwei Meter breit, 1,80 Meter tief.

Aus einem Barackenfenster konnte der Häftling Paul Groß zusehen. Dies ist sein Bericht: „Aus einiger Entfernung vom Fenster konnte ich jetzt 40 Mann zählen, die an die an die Grube geführt wurden. Die Flak-Kanone bellte auf – grauenvoll die Wirkung! 40 Mann wälzten sich in ihrem Blut. Dann knallten die Maschinenpistolen und Karabiner dazwischen.

Provisorisch wurde etwas Erde über die ersten Opfer geworfen, als die nächsten Kameraden zur Mordstätte gejagt wurden. Die Erde hatte wohl die zerfetzten Leichen nicht ganz bedeckt, denn bei der zweiten Ermordung weiterer 38 Mann mussten sich die bedauernswerten Opfer mit dem Rücken zur Grube aufstellen. Unter ,Heil mein Führer‘-Rufen, dieses war ihnen befohlen, brachen sie im Feuer der Henker zusammen.

Die nächsten Opfer, weitere 38 Mann, mussten sich ihr Grab selber schaufeln.“

Als am 16. August 1946 in Oldenburg der Kriegsverbrecherprozess gegen Willi Herold begann, schrieb der Leitartikler der NWZ: „Man hat oft die Groteske skizziert, dass wir auch einen Briefkasten mit erhobenem Arm grüßen würden, wenn man es uns befohlen hätte. Wir haben oft darüber gelacht. Wir hätten es nicht tun sollen (...).“

So einen Hauptmann, das Eiserne Kreuz an der Brust, hinterfragte man nicht, man folgte ihm! Tagelang streifte die Kampfgruppe Herold durch die Gegend, griff weitere entflohene Häftlinge auf, tötete sie. Menschen bedeuteten den selbst ernannten Standrichtern nicht mehr als Kaninchen, Fasane, eine Rebhuhnfamilie, vermutlich weniger. Abends tranken sie Alkohol; im Lager fand ein bunter Abend statt, angeordnet von Hauptmann Herold.

Bei seiner Vernehmung, das Protokoll findet sich im Magazin der Gedenkstätte Esterwegen, gab Willi Herold an: „Im Ganzen sind 162 Mann erschossen worden.“

Am 19. April beschoss die britische Luftwaffe das Lager mit Brandbomben, weitere Gefangene starben, man vergrub sie bei den anderen. Herold zog weiter nach Norden.

Im Westerhammrich in Leer, einmal über die Umgehungsstraße und dann gleich rechts neben dem Radweg,, steht seit Kurzem eine Bronzetafel, „in Erinnerung an fünf niederländische Widerstandskämpfer“. Die Toten sind längst weg, aber ihre Geschichte ist nun wieder da: Hier verurteilte der Standrichter Herold am 25. April 1945 fünf angebliche Spione aus Groningen, es dauerte keine zehn Minuten. Herold hatte sie gegen eine Quittung aus dem Leeraner Gefängnis holen lassen. Die Holländer mussten eine Grube ausheben, Herolds Leute schossen.

War Willi Herold eine grausame Ausnahmeerscheinung? Das personifizierte Böse gar?

„Warum ich nun eigentlich die Leute im Lager erschossen habe, kann ich gar nicht einmal sagen“, erklärte er bei seiner Vernehmung. Ein glühender Nazi sei er nie gewesen.

Der Leitartikler der NWZ  identifizierte Herold 1946 als „eine Erscheinung, die in jenen Jahren geboren wurde, in denen Rechtlosigkeit und vor allem Rechtsunsicherheit ein großes Volk auf einen bejammernswerten seelischen Tiefstand herabgedrückt haben“. Er verwies auf die gleichzeitig angeklagten Nazi-Größen in Nürnberg: „Er ist die Personifizierung ihrer Lehren, ist der zum Massenmörder verzerrte Prototyp einer Jugend, die sie erträumten.“

„Wie ein Krebs“

Scharf ins Gericht ging der Redakteur aber auch mit all jenen, die Herolds Befehle ausführten: „Sie kennen ihn nicht, sie gehorchen der Uniform. Das ist die Folge jenes Kadavergehorsams, jenes Unvermögens selbstständig zu denken, der wie ein Krebs an unseren Seelen gefressen hat.“ Es werde Jahre brauchen, diese „moralische Rückgratverkrümmung“ zu beseitigen.

Willi Herold wurde im Mai 1945 in Wilhelmshaven verhaftet. Er arbeitete wieder als Schornsteinfeger. Im August 1946 machte die britische Militärregierung ihm und seinen Helfern im Oldenburger Augusteum den Prozess; man warf ihnen die Ermordung von 98 Lagerinsassen vor. Die genaue Zahl seiner Opfer wurde nie ermittelt; bei Exhumierungsarbeiten in Aschendorfermoor hatte man insgesamt 195 Leichen gefunden.

Am 14. November 1946 wurde das Urteil im Gefängnis von Wolfenbüttel vollstreckt. Ein Augenzeuge notierte: „Heute Vormittag wurden sie geköpft. Sechs in dreizehn Minuten. Präzisionsarbeit.“

Willi Herold war noch nicht einmal volljährig. Am Ende eines Feldwegs trägt ein Friedhof seinen Namen.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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