Borkum/Norderney - Mit Bodenschätzen und Rohstoffen sind die ostfriesischen Inseln nicht gerade gesegnet. Größtes Kapital sind dort die kilometerlangen Strände, die jährlich Millionen Urlauber anlocken. Entscheidend für deren Versorgung ist der sichere Nachschub von wertvollem Trinkwasser. Praktischerweise lagern große Vorräte mit dem wichtigsten Lebensmittel im Untergrund der Inseln, die von salzigem Meerwasser umgeben sind. Dadurch werden selbst große Urlaubsgebiete wie Borkum und Norderney unabhängig vom Trinkwassernetz am Festland.
Bis zu 1,5 Millionen Liter fließen auf Borkum in den Wintermonaten täglich durch die Wasserhähne. „Im Sommer müssen wir einen drei- bis vier mal höheren Verbrauch sicherstellen“, sagt Stadtwerkdirektor Axel Held von den städtischen Wirtschaftsbetrieben. Denn zur Hochsaison wohnen rund 30.000 Menschen auf der Insel, morgens und abends wollen sie fast gleichzeitig duschen.
Durchlässiger Untergrund der Inseln
Als Speicher für die wertvollen Trinkwasserressourcen kommen geografische und geologische Besonderheiten ins Spiel. Im sandigen und durchlässigen Untergrund der Inseln haben sich große Hohlräume gebildet, die sich immer wieder mit versickerndem Regen füllen. In diesen Süßwasserlinsen verdrängt das Niederschlagswasser das schwerere Salzwasser – und schwimmt wie die Fettschicht einer Suppe obenauf.
Zuvor wird das Wasser auf dem Weg von den sandigen Dünentälern bis in den 60 Meter tiefen Untergrund auf natürliche Art vorgereinigt. Über Brunnen kommt es aus der Süßwasserlinse an die Oberfläche. Vor der Einspeisung ins Trinkwassernetz wird es mit Sauerstoff aufbereitet und gefiltert, jedoch ohne Zusatz von Chlor. „Deshalb schmeckt hier auf Borkum unser Tee so gut“, sagt Held. Mit dem Härtegrad 2 sei das Wasser zudem nicht so kalkhaltig wie in manchen Großstädten – damit lässt sich bei weniger Waschpulver auch Geld sparen.
Langeoog, Spiekeroog und Norderney
Ähnlich autark wie Borkums Trinkwasserversorgung sind auch Langeoog, Spiekeroog und Norderney. Dort können sich jährlich bis zu 2,5 Millionen Kubikmeter Wasser neu in der Süßwasserlinse ansammeln, verbraucht werden 850.000 Kubikmeter von Urlaubern und Bewohnern. Trotz steigender Gästezahlen auf Norderney stagniert der Wasserverbrauch in den vergangenen Jahren und ging sogar zurück. Das soll an einem bewussteren Umgang mit der Ressource liegen, glaubt Wassermeister Oliver Rass: „Heiße Tage, Wochen und auch Monate sind jedenfalls kein Problem. Solange es zwischendurch mal regnet, werden Durststrecken wieder ausgeglichen.“
Keine Sorgen müssen sich auch die Inseln Baltrum und Wangerooge machen. Sie sind über Pipelines an das Festlandnetz des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbandes (OOWV) angeschlossen.
Die größte Gefahr geht jedoch wie schon seit Jahrhunderten vom Meer aus: Falls der Meeresspiegel als Folge des Klimawandels höher ansteigt als bisher berechnet, könnten schwere Sturmfluten Dünen zerstören, Salzwasser könnte in die Gebiete zur Trinkwassergewinnung strömen. Wenn es soweit käme, wären aber vor allem auch die bewohnten Gebiete massiv bedroht.
