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NWZonline.de Region

Drahtseilakt zwischen Büro und Kind

27.07.2016

Ganderkesee /Wildenloh „Mama!“ Emma stapft mit ihren rosa Socken vor dem Schuhregal hin und her. Sie blickt sich suchend um. Die Fünfjährige findet ihre Lieblingsschuhe nicht.

Christina Drümecker erspäht die blauen Sandalen. Schnell über die Füße gestreift. Los. Wie jeden Mittwoch muss es schnell gehen. Die Mutter muss zur Arbeit. Emma ist fröhlich. Heute ist der einzige Tag in der Woche, an dem ihre Mama sie in den Kindergarten bringt. Die 43-Jährige ist im Zwiespalt. Traurig, Emma abzugeben. Gleichzeitig freut sie sich auf ihre Arbeit.

Christina Drümecker ist in einer Führungsposition bei den Volksbank-Filialen in Ganderkesee und Delmenhorst. „Meine Arbeit ist mir extrem wichtig, aber meine Tochter genauso“, erklärt die Mutter. Daher ist sie froh, dass sie es trotz Führungsposition schafft, für ihre Tochter da zu sein.

Vor einem halben Jahr wurde die Quote für Frauen in Führungspositionen eingeführt. Familienministerin Manuela Schwesig zog kürzlich eine Zwischenbilanz. Die Zahl weiblicher Chefs stieg um 3,86 Prozentpunkte auf 25,83 Prozent. Ungebrochen ist der Wunsch von Frauen nach Kindern. Laut einer Forsa-Studie, die die Zeitschrift „Eltern“ herausbrachte, wünschen sich 86 Prozent der Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren Nachwuchs. Bei gleichaltrigen Männern sind es sogar 88 Prozent.

„Für mich gehört ein Kind zum Leben dazu“, sagt Christina Drümecker. Sie blickt auf das Bild von Emma auf ihrem Schreibtisch und lächelt. Es hat lange gedauert, bis Emma in ihrem Leben Platz fand. Bereits acht Jahre nach Ende ihrer Ausbildung in Magdeburg leitete die zielstrebige Schwanewederin dort den Bereich des Kundenberaterservices.

Die Liebe zu ihrem Partner Markus Kasch zog sie in den Nordwesten. Seit 2008 arbeitet sie in Ganderkesee. Die Bankerin pendelt jeden Tag 40 Minuten aus Schwanewede. Mit 37 Jahren wurde Christina Drümecker Mutter.

„Das durchschnittliche Alter bei der Geburt von Kindern hat sich von 25 Jahren im Jahr 1980 auf inzwischen knapp 31 Jahre erhöht“, erklärt Dr. Michael Feldhaus, Professor für Mikrosoziologie an der Universität Oldenburg. Die Ausbildungszeiten seien länger geworden. Es bestehe das Bedürfnis, sich erst beruflich zu etablieren.

„Das zeitliche Fenster zur Realisierung des Kinderwunsches ist recht klein geworden“, schildert Feldhaus. Eine Reihe von Faktoren spielten zusammen. Zuerst braucht man einen passenden Partner. Zwei Lebensverläufe müssen miteinander synchronisiert werden. Das sei oftmals ein Problem. „Hinzu kommen weitere Faktoren: die beruflichen Unsicherheiten, Angst vor der Zukunft und so weiter“, so der Soziologe mit Schwerpunkt Familienforschung.

Ein kleines Häuschen steht im Herzen des Ortes Wildenloh. Dort wohnt Verena Fröhling. Stolz präsentiert sie ihr renoviertes Zuhause. Die 37-Jährige hatte mit einer unvorhergesehenen Situation zu kämpfen. Als ihr Sohn Joscha 18 Monate alt war, zerbrach ihre Partnerschaft. „Die Anfangszeit mit einem kleinem Kind, das sehr viel geschrien hat, und die Trennung waren hart“, erinnert sich die 37-Jährige. Mit am schwierigsten war es, Arbeit und Kinderbetreuung zu koordinieren.

Problem Kinderbetreuung

Ihr Arbeitgeber, die Oldenburgische Landesbank, zeigte sich flexibel. „Ich konnte problemlos die Stunden reduzieren“, sagt sie und wirkt erleichtert. Sie arbeitet 32 Stunden in der Woche als Sachbearbeiterin in der Wertpapierabteilung. Verträumt blickt die Mutter in den Garten. In den hat sie ebenfalls viel Zeit investiert. Viele bunte Blumen blühen. Auf dem Rasen liegt ein Fußball.

„Alleinerziehend 40 Stunden zu arbeiten, ist nicht zu leisten. Ich möchte Zeit für mein Kind haben. Kindergärten und Schulen decken die Betreuungszeit nicht ab“, sagt Verena Fröhling. Anfangs brauchte sie eine Tagesmutter. Spontan einen Kitaplatz zu bekommen: unmöglich.

„Kinderbetreuung stellt nach wie vor ein Problem dar, auch wenn schon viel verbessert wurde“, schildert Heike Loers, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsplatz der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven. Eltern wollen ihre kleinen Kinder nicht sofort in die Vollzeitbetreuung geben. „Sie möchten auch was von den Kindern haben“, erklärt sie. Daher nehme die Zahl der Teilzeitstellen zu. „Derzeit sind es 25 Prozent aller Stellen“, weiß Loers.

„Oma ist oben“, sagt Emma in Schwanewede und setzt einen Fuß auf die Treppenstufe. „Bleib noch kurz hier“, bittet ihre Mutter sie. Christina Drümecker hat Glück. Ihr Partner Markus Kasch ist selbstständig und arbeitet vor Ort. Wenn Emma krank ist, ist er da. Um Kind und Karriere managen zu können, brauchen die Mütter Organisationstalent und Unterstützung.

Ein Großelternpaar wohnt um die Ecke. Drei Mal die Woche ist Emma bei ihnen. „Ohne die Großeltern könnte ich nicht Vollzeit arbeiten gehen“, sagt Drümecker.

Ohne Hilfe schafft es auch die alleinerziehende Mutter Verena Fröhling nicht. „Vollzeit zu arbeiten und Karriere zu machen, geht nicht, wenn man allein lebt“, sagt sie. Die 37-Jährige war besonders zu Beginn auf die Hilfe ihrer Familie angewiesen. Dass der Achtjährige nun seit zweieinhalb Jahren ein Mal die Woche und jedes zweite Wochenende Zeit mit seinem Vater verbringt, erleichtert der Alleinerziehenden das Leben. Wenn sie von ihrem Sohn spricht, strahlt sie. „Wir sind ein tolles Team“, erklärt die Mutter.

„Wenn Joscha länger als zwei Tage weg ist, fehlt er mir sehr“, sagt sie. Dann ist es ganz still in der Wohnung. Alles liegt an seinem Platz. So wie jetzt. Joscha ist in der Ferienbetreuung der Spielefeuerwehr. Dann hat die Alleinerziehende Zeit für ihr Pferd. „Ich fahre aber nur hin, wenn Joscha nicht da ist oder ein Babysitter aufpasst“, erklärt sie.

Unterstützung notwendig

Zeit für Hobbys findet Christina Drümecker nicht, sagt sie. „Wenn neben der Arbeit Zeit ist, geht die Familie vor“, erklärt sie. Das Wochenende ist Familienzeit. „Gerade bei Abendterminen ist es ein stetiger Drahtseilakt“, sagt Drümecker.

„Um Karriere zu machen, müsste ich studieren“, sagt Verena Fröhling. Doch sie verbringt lieber Zeit mit ihrem Kind. Ein zweites wollte sie nie, das wäre ihr auch organisatorisch zu schwierig. Das sieht Christina Drümecker ebenso: „Das kann ich den Großeltern nicht zumuten“, sagt sie und lacht.

Sie steht vor dem Kindergarten, kommt direkt aus dem Büro. Emma stürmt auf sie zu. Jetzt ist Mama-Zeit. Darauf freut sich die Fünfjährige schon den ganzen Tag.


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Anna Lisa Oehlmann Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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