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NWZonline.de Region

Ein Haltepunkt in der Endlosigkeit

05.01.2017

Hooksiel /Harlesiel Das Ehepaar Wilhelm (Name geändert) kommt fast täglich zur „Brücke der Erinnerung“. Der Steg führt ein paar Meter weit in das Wattgebiet und mündet auf einer Plattform mit Blick auf die Inseln Wangerooge und Spiekeroog. „Dort vor den Inseln haben wir vor zwei Jahren die Urne unsere Tochter im Meer versenkt.“

Möglichkeiten der Seebestattung

Begleitete Seebestattung: Bei dieser Form der Bestattung begleiten Angehörige und Freunde das Schiff. Die Urne wird vor ihrem Eintreffen aufs Schiff gebracht. Als letzten Gruß an den Verstorbenen dürfen nur natürliche Materialien ins Meer geworfen werden.

Stille Seebestattung: Diese Form verläuft ohne Begleitung und festen Termin. Der Kapitän übergibt die Urne dem Meer. In der Regel werden mehrere Seeurnen pro Fahrt beigesetzt.

Frau Wilhelm geht noch einmal mit einem Ledertuch über eine Edelstahlplakette, die an einer Stele auf der „Brücke der Erinnerung“ geschraubt ist. Auf der elf mal acht Zentimeter großen Platte sind der Name, Geburts- und Sterbedatum und die Koordinaten der Bestattung ihrer Tochter verzeichnet.

Ort zum Verweilen

Die „Brücke der Erinnerung“ wurde von Dieter Albrecht gebaut und im Frühjahr eingeweiht. Er führt als Senior-Chef die Seebestattungs-Reederei Albrecht. „Ich konnte mir das nicht länger mit ansehen“, erinnert sich der 67-Jährige. „Fast täglich hatte er beobachtet, dass Trauernde sich durch ein Wirrwarr von Wohnmobilen mit Urlaubern einen Weg an den Deich suchten, um dort ein paar Blumen abzulegen. „Da wurde mir klar, die Leute brauchen einen Ort zum Trauern. Die haben keinen Friedhof, wo sie mit ihrer Trauer hin können.“

Auch in Hooksiel gibt es einen Anlauf- und Ankerpunkt für Hinterbliebene nach einer Seebestattung. Dort hat Dirk Huntemann von der Reederei Elbeplan am Ende der Mole des Außenhafens Hooksiel einen Gedenkstein aufstellen lassen. Seit mehr als 20 Jahren richtet auch die Reederei Seebestattungen aus, die Urnen mit der Asche der Verstorbenen finden vor der Insel Mellum in der Nordsee ihre letzte Ruhestätte.

„Angehörige fanden die Seebestattung nach dem Willen des oder der Verstorbenen durchaus in Ordnung, doch hatten sie nie einen Punkt, an dem sie sich später versammeln oder von dem verstorbenen Menschen Abschied nehmen konnten“, begründet Huntemann die Notwendigkeit des Gedenksteins. So ließ er einen Findling aus der Nordsee hinter dem Steinwall mit Blick auf die Nordsee anbringen, an dem sich Angehörige einfinden können.

„Zum Gedenken an die Verstorbenen, die in der See ihre letzte Ruhe fanden“, steht auf der Tafel.

Urnen aus Pappmaché

Im Hafen von Harlesiel legt täglich das Motorschiff „Horizont“ mit einer Trauergesellschaft an Bord ab, um die Überreste eines Menschen auf See zu bestatten. „Da muss es schon sehr stürmisch sein, bevor wir eine Fahrt verschieben“, sagt Kapitän Albrecht. Die meisten werden im Wattenmeer vor den Ostfriesischen Inseln beigesetzt. „Aber wenn es gewünscht wird, fahren wir auch weiter raus bis nach Helgoland.“

Am Ort der Beisetzung angekommen, hält ein Pastor oder – wie in den meisten Fällen – der als Trauerredner ausgebildete Kapitän eine Traueransprache. „Dann wird die Urne mit einer Schlinge in die Nordsee gelassen.“ Sie sollte noch rund fünf Minuten schwimmen, damit die Trauernden ein paar Blumen hinterherwerfen können.

Die oft bunt mit Sonnenuntergängen oder Leuchttürmen bemalten Urnen mit der Asche der Toten sind aus Kreide, Kalk oder Pappmaché gefertigt. „Der Gesetzgeber verlangt, dass die Urnen sich in spätestens 24 Stunden aufgelöst haben.“ Doch meist gehe dies viel schneller.

„Vor allem die Witwen brauchen einen Ort zum Trauern“, hat Albrecht beobachtet. Ihre Männer hätten zu Lebzeiten eine Seebestattung verfügt. „Aber die Frauen brauchen einen Ort, wo sie hingehen können.“ Zwar fahre die „Horizont“ 28 Mal im Jahr zu einer Erinnerungstour auf die Nordsee: „Aber das reicht nicht.“

An den Stelen auf der „Brücke der Erinnerung“ hängen bereits mehr als 400 Plaketten. Albrecht zeigt auf das Schild einer jungen Frau, das weit oben in der ersten Reihe seinen Platz gefunden hat. Sie war schon mit 20 Jahren einer Krankheit zum Opfer gefallen, erinnert sich Albrecht. „Ihre Eltern sagten, dass sie immer sehr klein gewesen sei, darum sollte zumindest ihre Plakette einen Platz weit oben haben.“

Wellen trösten Trauernde

Am Heck der „Brücke der Erinnerung“ leuchtet nachts als sinnbildlicher Wegweiser eine Laterne. Denn Kerzen und offenes Feuer sind im Wattgebiet streng verboten. Dafür gibt es zwei Ständer, in die Blumen gesteckt werden können. Eine Bank mit Blick auf die See lädt zum Verweilen und Nachdenken ein. Über allem steht ein Kreuz, an dem eine Totenglocke angebracht ist. Auf einem Schild steht: „Hast du Sehnsucht, denkst du an mich, setz dich ans Wasser, es tröstet dich.“

„Die gute Erinnerung an einen geliebten Menschen ist wichtig für das eigene Weiterleben“, sagt Albrecht, der seit 35 Jahren Menschen vor allen Küsten der Welt bestattet. Das Ehepaar Wilhelm blickt noch einmal hinüber zu den Inseln am Horizont. Morgen werden sie wiederkommen.

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