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NWZonline.de Region

Galionsfiguren Aus Harriersand: Ganz weit vorne

19.11.2016

Harriersand Schnitzen in anderen Dimensionen: Claus Hartmann arbeitet mit bis zu vier Meter langen Holzstämmen. Zunächst übernimmt er die Umrisse seines Entwurfes auf dem Holz, dann beginnt er mit einer großen Benzinmotorsäge den Kopf- und Schulterbereich in seinem Garten auf der Weserinsel Harriersand im Landkreis Osterholz auszuschneiden. Nach einer Woche Arbeit mit der Motorsäge kann man die grobe Form einer Galionsfigur erkennen. Nur noch wenige Menschen gehen dieser Profession nach.

„Das ist eine sehr kleine Szene. Es gibt nur ein paar Hundert Segelschiffe weltweit“, sagt Hartmann. Er hatte schon früh ein Talent zum Schnitzen. „Kunst war immer mein bestes Fach und ich kann auch gut mit Maschinen umgehen.“ Dennoch hat der heute 58-Jährige erst etwas anderes gelernt, da er nicht vom Künstlerleben überzeugt war. Erst als er während seines Studiums von zwei Schiffsbildhauern hörte, die in den 1970er und 1980er Jahren Galionsfiguren angefertigt haben, kam er auf die Idee, es selbst zu versuchen. Seit mittlerweile 22 Jahren fertigen Claus und Birgit Hartmann die Figuren für verschiedene Schiffe an.

„Und nicht nur auf Deutschland bezogen, mittlerweile haben wir uns über die ganze Welt ausgebreitet“, sagt der Künstler. Somit zählt zu den jüngsten Auftraggebern des Paares die indonesische Marine. Für ein Schulschiff kreiert Hartmann eine 450 Kilogramm schwere Figur, die die mythologische Figur „Bima Suci“ darstellen soll. Dabei symbolisiert die Galionsfigur, die in diesem Fall aus Bronze und nicht aus Holz ist, mehr als nur ein Schmuckstück am Schiff - „Bima Suci“ repräsentiere Kraft, Entschlossenheit, aber auch Verbindung und Teamgeist, erklärt der Schiffsbildhauer. „Also alles das, was bei der Navy von ihren Kadetten erwartet wird.“

Die meisten Figuren sind allerdings aus dem lebendigen Arbeitsstoff Holz. Nachdem er die grobe Form seiner Figur mit der Benzinmotorsäge ausgeschnitten hat, wechselt Claus Hartmann zu einer kleineren, handlicheren Motorsäge und beginnt die Feinheiten herauszuarbeiten. „Das ist alles ein Maschinenprozess, und am Ende wird es dann so glatt geschliffen wie der Auftraggeber das möchte.“ Galionsfiguren, die ein Schiff zieren sollen, müssen anschließend grundiert werden, denn die Farbe muss vor Sonnenlicht und Seewasser geschützt sein.

An den Entwürfen arbeitet das Künstlerpaar in Rücksprache mit den Auftraggebern teils bis zu einem halben Jahr. Danach geht alles ganz schnell: „Dann bin ich auf niemand anderen angewiesen als auf mich selber und auf gute Maschinen.“ Ein hoher Maschinenverschleiß bleibt nicht aus: Im Herbst hatte er bereits die dritte kleine Fräse für dieses Jahr in Gebrauch.

Dabei arbeitet Hartmann parallel an drei oder vier Projekten gleichzeitig. Mittlerweile gingen knapp 40 Galionsfiguren aus der Werkstatt auf der Insel Harriersand in die Welt hinaus. Da jede Figur unterschiedlich ist, gibt es keine festen Preise. Je nach Aufwand und Detailarbeit schwankt der Betrag. Die mit Galionsfigur ausgestatteten Schiffe fungieren dabei wie eine fahrende Visitenkarte. So kommen viele Aufträge über Kontakte zustande.

Obwohl er nicht viele Auftraggeber in Deutschland hat, arbeitete Hartmann auch schon für das Schulsegelschiff der deutschen Marine, die „Gorch Fock“. Für das Marineschiff hat er eine Galionsfigur angefertigt. „Es ist auch manchmal so, dass ein Schiff die Galionsfigur verliert.“ Insgesamt hatte die „Gorch Fock“ bereits sechs Figuren - jeweils ein stilisierter Albatros - an der Spitze des Schiffs, die erste riss 1958 ab, wie ein Sprecher sagt.

Hartmann erklärt sich den Verlust der Galionsfiguren mit der besonderen Nutzung des Schulschiffs. Anders als Passagierschiffe meide die „Gorch Fock“ vermutlich nicht jeden Sturm, um die Besatzung auf genau solche Situationen vorzubereiten. Auch Hartmanns Albatros ereilte ein trauriges Schicksal - seine Figur ging 2003 in der stürmischen Biskaya verloren.

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