HAMBURG - Nach 20 Jahren erfolgreicher Musikgeschichte hat die deutsche Band Fettes Brot im September ihr neues Album 'Teenager vom Mars' veröffentlicht. Derzeit ist das Trio um König Boris, Dokter Renz und Björn Beton auf großer Deutschland-Tour (für die noch Karten erhältlich sind). Trotz des Tour-Stresses hat sich König Boris Zeit für ein ausführliches Interview genommen und über Schlager, Fremdenfeindlichkeit und die jüngere Musik-Generation gesprochen.

Zwischen den Alben 'Auf einem Auge blöd' und 'Teenager vom Mars' liegen 20 Jahre, wie würdest du eure musikalische Entwicklung beschreiben?

Boris: Ich kann das natürlich nicht so leicht überblicken wie ein Außenstehender, aber ich denke, früher war es eher so eine Art langsames Antasten und Entdecken und heute sind wir zielstrebiger und genauer. Wir haben uns auch im Songwriting verbessert und wissen jetzt besser, wie man das angeht. Was sich in den Jahren allerdings nicht verändert hat, ist die Lust, Neues auszuprobieren und auch mal an unsere Grenzen zu gehen.

Wie geht ihr mir Kommentaren wie 'Die Brote sind nicht mehr die, die sie mal waren und das hat mit Hip-Hop nichts mehr zu tun' um?

Boris: Wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss man sowas auch aushalten können, und es ist ja nicht so, dass diese Kommentare von jetzt auf gleich kommen, sondern sie begleiten uns schon von Beginn an. Man gewinnt halt Leute dazu - und die Leute, denen es nicht gefällt, setzten dann für ein Album aus, aber die alten Lieder, die sie mögen nimmt ihnen ja niemand weg. Und zum Thema Hip-Hop kann ich nur sagen, dass wir das machen, worauf wir Lust haben und uns keine Gedanken machen, ob es vielleicht noch Hip-Hop ist oder nicht.


In 'Teenager vom Mars' reagiert ihr mit Unverständnis auf die Welt und kontert mit Quatschideen, aber wie sollte man den ganzen Fremdenfeindlichen Leuten im wahren Leben begegnen?

Boris: Das ist eine sehr gute Frage und ich bin natürlich nicht schlauer als andere Menschen und kann ihnen nicht vorschreiben, wie sie auf so etwas zu reagieren haben. Meine Stimme wird eben nur lauter gehört, da ich in der Öffentlichkeit stehe, wenn ich Musik mache - aber man sollte die ganze Sache schon sehr ernst nehmen und alles, was solche Leute sagen, hinterfragen, da es meistens an den Haaren herbeigezogene Sachen sind und menschenverachtender Mist ist. Und wenn ein paar Leute meinen, bei ihren Demos Flüchtlingsunterkünfte beschädigen oder gar zerstören zu müssen, muss die Politik knallhart sein und solche Leute bestrafen.

Bei 'Alle hörn jetzt Schlager' rechnet ihr mit der Schlagermusik und ihren Fans ab. Was stört euch am meisten?

Boris: Ich bin einfach verwundert darüber, dass in einer Zeit, wo Kriege herrschen, Länder pleite gehen und einfach alles drunter und drüber geht, sich ein großer Teil der deutschen Bevölkerung darauf einigt, dass diese 'Heile Welt Schlagermusik' jetzt super ist. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Leute sich mit der Musik in eine heile Welt flüchten wollen und nicht einsehen, was auf den Straßen und auch in anderen Ländern abgeht. Ich finde einfach, dass diese Musik nichts aussagt, und eben genau das sollte Musik meiner Meinung nach tun - Musik sollte etwas zum Geschehen sagen und die Leute auf Missstände aufmerksam machen. Selbstverständlich sollte es auch Lieder geben, zu denen man einfach mal ausgelassen feiern kann, aber nicht nur und es gibt auch sehr gute Schlager, wie 'Griechischer Wein' von Udo Jürgens.

Beim Song 'Meine Stimme' habt ihr euch mit Fatoni, Felix Brummer und Kryptic Joe prominente Unterstützung geholt - warum diese drei?

Boris: In erster Linie haben wir Leute gesucht, die eine gute Stimme haben und auch durch ihre Inhalte auffallen. Und bei denen war genau das der Fall. Außerdem sind die drei genau das Gegenteil von dem, worüber wir gerade gesprochen haben: Sie nehmen deutlich Bezug auf unsere jetzige Zeit und haben eine klare Meinung zu dem, was grade abgeht.

Welches sollte 'Das letzte Lied auf der Party' sein?

Boris: (lacht) Das ist situationsbedingt, und die Entscheidung kann ich niemandem abnehmen.

Wie schafft ihr es, noch so viel Zeit für eure Fans zu finden?

Boris: Man darf nicht vergessen, dass wir den Fans das alles hier zu verdanken haben und deswegen geben wir ihnen auch gerne etwas zurück. Das läuft meistens total entspannt ab. Und es hat noch nie jemandem geschadet, wenn man sich die Zeit für Autogramme oder Fotos nimmt.

Auf Festivals gehört ihr mit über 20 Jahren Bühnenerfahrung zu den 'alten Hasen', wie begegnet man da der 'jüngeren Generation' wie zum Beispiel Kraftklub?

Boris: Die netten Jungs von Kraftklub haben wir ja damals als Vorgruppe mit auf Tour genommen, wo sie noch nicht so bekannt waren. Wir haben es nie bereut und freuen uns sehr, dass sie so durchgestartet sind. Um es allgemein zu formulieren: Ob eine Band schon 20 Jahre Erfahrung hat oder nicht, ist nebensächlich. Wenn die Musik gut ist, feiert man diese und wenn nicht, dann eben nicht und jeder macht weiter wie zuvor.

Beim Deichbrand-Festival hat es das Wetter ja nicht ganz so gut mit euch gemeint. Wie schafft man es, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und weiter so eine geile Stimmung zu verbreiten?

Boris: Vielen Dank, ich nehme das mal als Kompliment. Man muss die Situation halt wie beim Fußball einfach Volley nehmen, und wenn der Regen so fällt, dass wir nach zwei Liedern komplett nass sind, hat das eben einen gewissen Witz an sich. Und es stand ja auch kurz vorm Abbruch, aber wenn da 40 000 Leute für dich im strömenden Regen stehen, dann jammerst du nicht, weil du nass wirst, sondern ziehst das durch und versuchst möglichst viel Spaß mit den Leuten zu haben.

Euer Tourabschluss ist ein Heimspiel vor gut 13 000 Leuten, wie hätte dein Teenager-Ich darauf vor 20 Jahren reagiert?

Boris: Ich hätte es für einen schlechten Scherz gehalten. Zu der Zeit haben wir niemals damit rechnen können, dass es irgendwann so groß wird und wir Hallen mit weit über 10 000 Leuten füllen werden.