Ganderkesee/Landkreis - Pilotprojekt für Erdkabel, wichtiger Baustein für die Stromversorgung und Lehrbeispiel für Bürgerbeteiligung beim Netzausbau: Das alles und noch mehr ist die 380-kV-Höchstspannungsleitung von Ganderkesee nach St. Hülfe bei Diepholz, deren offizielle Inbetriebnahme am Mittwoch mit einem Festakt am Umspannwerk Ganderkesee gefeiert wurde. Mit 15 Jahren Planungs- und fünf Jahren Bauzeit ist die 61 Kilometer lange Stromtrasse für den Netzbetreiber Tennet „ein ganz besonderes Projekt“, wie Geschäftsführer Tim Meyerjürgens in einer Videobotschaft betonte.
Bei einer Übertragungskapazität von 3,3 Gigawatt kann über die Stromleitung Ganderkesee-St. Hülfe die Leistung von zwei Großkraftwerken transportiert werden. „Die Leitung ist ein zentrales Projekt der Energiewende“, sagte Meyerjürgens. „Als wichtige Nord-Süd-Trasse bringt sie erneuerbare Energien Richtung Süden und verringert so deutlich die Abschaltung von Windenergieanlagen.“
Landrat Dr. Christian Pundt hob die Bedeutung der Leitung für die Versorgungssicherheit hervor. Insbesondere vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges müsse sichergestellt werden, dass nicht ein plötzlicher Blackout ganze Regionen lahmlege. „Darauf müssen wir uns noch viel stärker einstellen.“
Viel Öffentlichkeitsarbeit
Ausdrücklich lobte Pundt die Öffentlichkeitsarbeit von Tennet. Das tat auch Ganderkesees Bürgermeister Ralf Wessel: Bürger, Rat und Verwaltung seien bei Planung und Bau der Trasse „immer mitgenommen“ worden. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagte Wessel. Zugleich habe die Gemeinde Ganderkesee mit dem Projekt „ein Stück Weg zur Energiewende geebnet“, freute er sich.
Auf rund 13 Kilometern verläuft die Stromtrasse unter der Erde – die übrigen 48 Kilometer wurden als Freileitung mit insgesamt 125 Masten gebaut. Vier Kabelübergangsanlagen, drei davon im Landkreis Oldenburg, sorgen jeweils für die Übergänge von der unter- zur oberirdischen Leitung. Das Pilotprojekt verschaffte Tennet wertvolle Erfahrungen für Erdverkabelung im Drehstrombereich. Insbesondere die Kombination von Freileitungs- und Erdkabelabschnitten konnte erfolgreich umgesetzt werden. Beim Einsatz von Erdkabeln im Höchstspannungsbereich gebe es allerdings im Netzbetrieb deutliche Nachteile, räumte die Programmleiterin Netzausbau bei Tennet, Dr. Maren Bergmann, ein.
Erst große Widerstände
Zugleich habe das Unternehmen viele neue und wichtige Erkenntnisse für eine frühzeitige Bürgerbeteiligung gesammelt, so Bergmann. In der Planungsphase gab es große Widerstände in der Bevölkerung. Mit der Teilverkabelung wuchs die Akzeptanz, zugleich tauchten neue Probleme auf, etwa bei den Ausgleichszahlungen für die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen. Erfahrungen, die bei der Planung der Höchstspannungsleitung Ganderkesee-St. Hülfe gewonnen wurden, flossen letztlich ins Niedersächsische Erdkabelgesetz und auch ins Erneuerbare-Energien-Gesetz ein.
