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NWZonline.de Region

Psychiater gibt Kliniken Mitschuld an Toten

12.02.2015
Frage: Herr Beine, warum verfolgen Sie den Fall Högel?
Beine: Ich werde bei meiner Arbeit immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen, die einen helfenden Beruf ergriffen haben, Patienten töten. Und sie haben den Beruf ganz sicher nicht gewählt, um das zu tun. Warum machen sie es dann? Die Suche nach den Motiven lässt mich seit 25 Jahren nicht mehr los.
Frage: Gab es damals einen besonderen Auslöser?
Beine: Ja, es gab einen Fall. In einer Klinik hat ein Krankenpfleger, den ich kannte, Patienten getötet, die ich kannte. Damals gab es keine wissenschaftliche Untersuchung zum dem Thema. Also bin ich auf den Gedanken gekommen, das zu untersuchen, es wissenschaftlich auszuwerten. Ich habe mir die Gerichtsakten von allen rechtmäßig verurteilten Tätern in Deutschland, Österreich und der Schweiz beschafft. Auch aus anderen Ländern habe ich Akten oder Publikationen zu Fällen gelesen.
Frage: Mit welchem Ziel?
Beine: Ich wollte verstehen, wie der Prozess läuft, dass jemand, der als Krankenpfleger oder Krankenschwester angetreten ist, irgendwann dazu übergeht, schutzbefohlene Menschen in Heimen oder Kliniken, wo ich als Patient eigentlich Hilfe erwarte, zu töten. Ich wollte feststellen, wie Kollegen und Vorgesetzte darauf reagieren, wenn es erste interne Hinweise auf die Taten gibt. Es geht mir darum, solche Tötungsserien in Zukunft zu verhindern.
Frage: Klinik-Morde sind also nichts Seltenes?
Beine: Es ist wahrscheinlich so, dass es mehr als die neun aufgeklärten Tötungsserien im deutschsprachigen Raum und die knapp 40 weltweit bekannt gewordenen Taten gibt, die ich seit 1976 verfolgt habe. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich höher als bei Tötungsdelikten im Allgemeinen. Da kommen auf einen entdeckten Mord zwei bis drei unentdeckte. In den Kliniken ist sie wahrscheinlich schon deshalb höher, weil es – zynisch formuliert – keinen idealeren Tatort gibt. In Krankenhäusern wird auch unter natürlichen Umständen gestorben. Und die Handlungen der Täter sehen bei oberflächlicher Betrachtung erst mal aus wie normale medizinische Verrichtungen.
Frage: Wie werden die Täter zu Tätern?
Beine: Sie werden im Krankenhaus zu Tätern. Ich bin überzeugt davon, dass kein Täter straffällig geworden wäre, hätte er nicht im Krankenhaus gearbeitet. Allen Tätern gemeinsam ist, dass sie ein geringes Selbstwertgefühl, einen Minderwertigkeitskomplex mitbringen. Durch persönliche und kollegiale Konflikte geraten sie in eine Abwärtsspirale, in der ihre persönliche Missempfindung verstärkt wird durch das Leiden der Patienten. Sie können nicht mehr unterscheiden, ob es sich um ihr eigenes Elend oder das der Patienten handelt. Es kommt zu einer Grenzverwischung, zur so genannten projektiven Identifikation. Der Täter spricht mit niemand über seine Taten, ist extrem einsam. Irgendwann nimmt die Unerträglichkeit der Situation so zu, dass aus der lange vorhandenen Tatbereitschaft die erste Tat wird. Diese bringt für den Täter einen kurzfristigen Kick. Aber die Situation hält an. Dem Täter geht es nicht wirklich besser. Die Hemmschwelle sinkt total nach der ersten Tat.
Frage: Warum werden solche Menschen Pfleger?
Beine: Es ist kein Zufall, dass die späteren Täter einen Beruf ergreifen, in dem sie es mit Patienten, Hilflosen, Schutzbefohlenen zu tun haben. Gesundheitsberufe sind mit einem sehr hohen Sozialprestige ausgestattet. Wenn jemand den Beruf aber ergreift, damit er sich im Glanze des Sozialprestiges sonnen kann, damit er davon profitieren kann für sein eigenes Ego, damit es ihm besser geht, dann kann er in einem solchen Bereich nur Schiffbruch erleiden. Weil die Patienten nicht durchgängig so nett und dankbar sind wie erhofft.
Frage: Was muss getan werden, um das zu verhindern?
Beine: Es muss kollegiale Achtsamkeit geben. Bei den Fällen, die ich untersucht habe, ist kein Täter jemals von einem Kollegen oder Vorgesetzten angesprochen worden. Hör mal, ist was mit Dir? Das ist nicht in Ordnung, was Du machst! Obwohl viele Kollegen etwas ahnen oder bemerken. Wenn es Gerüchte gibt, dann erwarte ich, dass Vorgesetzte und Kollegen den Betroffenen damit konfrontieren, um sich nicht mitschuldig zu machen. Wenn man Niels H. früher das Handwerk gelegt hätte, dann wären die Menschen nicht auf diese Art gestorben.
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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