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NWZonline.de Region

„Ich hab’ denen doch nichts getan“

26.06.2015

Oldenburg Sie klagte über Bauchschmerzen. Kopfschmerzen. Schlafstörungen. Ständig rannte sie zur Toilette.

„Was ist los mit Dir?“, fragte ihre Mutter.

Melina* schüttelte nur den Kopf.

Die Mutter brachte Melina ins Krankenhaus. Die Ärzte sagten: „Organisch ist ihre Tochter gesund.“

Die Schmerzen blieben. Melina weinte jetzt häufig. Sie hatte Angst: Sie wollte nicht Bus fahren, sie wollte nicht zur Schule, sie sprach nicht.

„Wovor hast Du denn Angst?“, fragte ihre Mutter.

Melina antwortete nicht.

Sie bekam einen Atemnotanfall; mit Blaulicht musste sie ins Krankenhaus gefahren werden. Die Ärzte stellten eine Diagnose: Schulangst. Sie empfahlen, Melina in die Psychiatrie aufzunehmen.

Drei Monate lang blieb Melina in der Kinderpsychiatrie in Oldenburg-Kreyenbrück.

„Und dort“, sagt ihre Mutter, „ist sie aufgepellt wie so’ne Zwiebel.“ Melina sprach.

Sie sagte: Da ist dieses Mädchen, sie beleidigt mich immer, sie sagt so schlimme Sachen, du bist so hässlich, wie siehst du schon wieder aus, sie hat mich geschlagen und getreten, wenn du jemandem was sagst, passiert was.

Sie sagte: Die anderen Kinder machen auch mit, ich bin so allein.

„Monatelanges schweres Mobbing“, so steht es später in Melinas ärztlichem Attest.

Der Blumenhof in Oldenburg, draußen 90 Jahre alter Klinker, drinnen sanfte Rundungen und viel Licht: die Waldorfschule Oldenburg. Melinas Schule.

An einem Tisch sitzen das Leitungsteam der Schule und der Vorstand des Trägervereins: zwei Lehrer und zwei Eltern, alle vier sehr unglücklich. Mobbing. Bei uns. An der Waldorfschule. Und jetzt auch noch die Zeitung.

Also gut, Martina Wilde vom Leitungsteam hat einen Kurzvortrag vorbereitet:

Die Waldorfschule hat ein Präventionskonzept. Schüler und Lehrer, Lehrer und Eltern arbeiten eng zusammen; es gibt Hausbesuche, Sozialtrainings, Mediationsangebote, eine von geschulten Eltern besetzte Ombudsstelle, regelmäßige Fortbildungen zum Thema Gewaltvermeidung, ein prima Schulklima sowieso.

Soll heißen: Eigentlich passen eine Waldorfschule und eine Geschichte übers Mobbing nicht zusammen.

Andererseits: eben doch.

Eine schnelle Rechnung. Mobbing-Experten von der Universität München schätzen, dass jedes Jahr rund 500 000 Schüler Opfer von Mobbing werden. In Deutschland besuchen derzeit 8,4 Millionen Schüler allgemeinbildende Schulen. Das bedeutet, dass statistisch einer von 17 Schülern zum Mobbingopfer wird. In deutschen Schulklassen sitzen durchschnittlich zwischen 21 (Primarstufe) und 25 Schüler (Sekundarstufe). Rechnerisch gibt es demnach in jeder Klasse mindestens ein Mobbingopfer. Auch an Waldorfschulen.

Mobbing oder Bullying?

Hinter dem Wort Mobbing steckt das englische Verb „to mob“ (anpöbeln, angreifen). Der „Mob“ ist eine aufgestachelte Menge. Wissenschaftler bevorzugen den international gebräuchlichen Begriff Bullying (von „to bully“: tyrannisieren, schikanieren).

„In jedem System gibt es Fälle, die durch das Sicherheitsnetz fallen“, sagt Niels Erlank vom Leitungsteam.

„Wir haben oft Schüler, die es sozial schwer hatten an anderen Schulformen“, sagt seine Kollegin Martina Wilde.

Melina besuchte zuerst eine katholische Grundschule. In der 3. Klasse bekam sie Probleme, „sie war ein zu filigraner Typ“, sagt ihre Mutter.

„Haben Sie sich schon mal mit Waldorfpädagogik beschäftigt?“, fragte Melinas Kinderarzt die Mutter.

Melinas Mutter beschäftigte sich damit. „Ich war begeistert“, sagt sie, „vom ganzheitlichen Blick aufs Kind.“

Melina wechselte die Schule, die Familie wechselte dafür eigens den Wohnort. „Alles war gut“, sagt die Mutter. Die Waldorfschule bestätigt: „unkomplizierter Einstieg, gute Integration“.

Einige Forscher sagen: Mobbing kommt besonders häufig in der 1. und 5. Klasse vor, also in neu zusammengestellten Klassen. Andere sagen: Mobbing passiert oft in der 6. bis 8. Klasse, also in den Pubertät. Mobbing sei vor allem ein Hauptschul-Problem, sagen die einen. Die anderen sagen, es trete an allen Schulformen gleichermaßen auf, allerdings in unterschiedlich subtiler Form.

Professor Dr. Manfred Wittrock, 64 Jahre alt, Sonderpädagoge an der Universität Oldenburg, fasst es so zusammen: „Mobbing findet häufig und viel statt, bei Mädchen wie bei Jungen.“

Ende der 5., Anfang der 6. Klasse traf es Melina.

Mobbing ist ein gruppendynamischer Prozess, erklärt Professor Wittrock: Rollen werden übernommen, Rollen werden zugewiesen, Opferrollen und Täterrollen.

Über die Opfer wisse man, dass sie häufig zurückhaltender sind als ihre Klassenkameraden, kleiner oder größer, dicker oder dünner, weiter oder weniger weit entwickelt, kurz: dass sie anders sind.

Über die Täter wisse man, dass sie nicht so dumm sind, wie gern angenommen. „Im Gegenteil“, sagt Wittrock: „Sie sind sozial kompetent, denn sie sind in der Lage, Schwachstellen ihres Gegenübers zu erkennen und auszunutzen.“

Du bist so hässlich! Wie siehst du schon wieder aus! Melina war jetzt Opfer.

Warum? Sie zuckt mit den Schultern. „Ich hab’ denen doch nichts getan.“

Noch etwas wisse man über Mobbing, sagt Manfred Wittrock: dass häufig beide Seiten nicht mehr aus ihren Rollen herausfänden. Opfer nicht und Täter nicht.

Als Melina nach der Psychiatrie in die Schule zurückkehrte, nahmen Täter und Opfer schnell wieder ihre Rollen ein. Melina bekam jetzt beleidigende SMS-Nachrichten aufs Handy geschickt, „Cybermobbing“ lautet der Fachbegriff dafür.

„Ich kann nicht mehr“, sagte Melina zu ihrer Mutter. Die Mutter meldete Melina von der Schule ab.

Mobbing kann gravierende Folgen haben. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung erinnert sich ein Großteil der Mobbingopfer noch 40 Jahre später an ihre Mobbingerfahrungen. Und schlimmer noch: 20 Prozent aller Selbsttötungen würden durch Mobbing ausgelöst.

Professor Wittrock warnt: Eltern sollten unbedingt darauf achten, ob ihr Kind missmutig werde, freudlos, sich zurückziehe, „das sind gefährliche Zeichen“. Er lächelt milde: „In der Pubertät ist das natürlich schwierig zu deuten.“ Sein Tipp: Familien sollten „natürliche Gesprächssituationen“ schaffen. Das könnten zum Beispiel gemeinschaftliche Mahlzeiten sein.

Das beste Mittel gegen Mobbing ist aber ein gutes Schulklima, glaubt Wittrock, „ein Klima, in dem Gewalt geächtet wird, in dem Anders-sein normal ist“. Seinen Studenten in der Lehrerausbildung rät er, Schulhofzeiten zu beobachten. „Wenn Sie etwas über Gruppenprozesse erfahren wollen, schauen Sie sich eine große Pause an“, sagt er. „Ist das Kind Teil des Ganzen? Kinder verstellen sich nicht, ein Kinderlachen ist ein ganz toller Indikator!“

Hätte jemand bei Melina etwas bemerken müssen?

Melinas Mutter wirft der Schule Vertragsbruch vor und mangelnden Aufarbeitungswillen. Die Schule sagt, die Familie sei zu spät mit den Anlaufstellen der Schule in Kontakt getreten; erst kurz vor Melinas Abmeldung habe man davon erfahren.

Das Verhältnis zwischen Familie und Schule ist zerrüttet. Einig sind sich beide Seiten darin, dass es einfacher gewesen wäre, wenn Melina nicht so lange geschwiegen hätte. „Es ist uns nicht gelungen, ihr Schweigen zu erkennen und richtig zu deuten“, sagt Lehrer Niels Erlank zerknirscht.

Natürlich habe man die Vorfälle anschließend in der Klasse und im Kollegium thematisiert, so Erlank. Regelmäßig überarbeite man das Präventionskonzept; ein Pilotprojekt mit zusätzlichen Assistenzlehrern in den Klassen 1 bis 4 habe man unlängst auf die Klasse 5 und 6 ausgeweitet.

Melina ist jetzt 14, sie geht in die 8. Klasse, in eine andere Schule: ein hübsches Mädchen, selbstbewusst. „Mir geht es super“, sagt Melina. „Ich habe wahre Freunde gefunden. Und wenn ich merke, dass jemand geärgert wird, gehe ich sofort dazwischen.“ Sie lächelt sehr stolz.

* Name geändert

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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