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Nwz-Serie Zum Kriegsende Der langsame Untergang im Nordwesten

Jörg Jung

Im Nordwesten - Die Fenster verbrettert, das Grundstück verwildert – nichts deutet darauf hin, dass in der Villa Möllering im Lüneburger Stadtteil Häcklingen vor 75 Jahren Geschichte geschrieben wurde. Und doch nimmt in dieser Villa am 4. Mai 1945 der britische Feldmarschall Bernard Law Montgomery die bedingungslose Teilkapitulation der Reste der Wehrmacht im Nordwesten Deutschlands und Europas entgegen.

Damit rückt endlich auch das Ende der Kämpfe zwischen Ems und Weser in greifbare Nähe, wo sich Deutsche, Briten, Kanadier und Polen am Küstenkanal bis zuletzt blutige Schlachten liefern. Allein in den 17 Tage andauernden Kämpfen um den alliierten Brückenkopf bei Edewecht verlieren nach Angaben des Edewechter Buchautors Fritz Warnke noch kurz vor Kriegsende knapp 900 Soldaten und Zivilisten ihr Leben.

Für große Teile des Nordwestens ist zu diesem Zeitpunkt der Krieg längst beendet. Bereits am 4. April werden Osnabrück und Meppen weitgehend kampflos eingenommen, Vechta folgt am 12., Cloppenburg am 13. und Delmenhorst am 20. April.

Städten, die trotz der aussichtslosen Lage verteidigt werden, ergeht es wesentlich schlechter. Sögel (10. April), Friesoythe (14. April), sowie Bremen und Edewecht (beide 27. April) erleiden bei der Einnahme schwerste Schäden. Ein schwarzer Tag ist der 19. April für die Stadt Leer. Bei einem Luftangriff wird das Kasernengelände zerstört, wo sich zu diesem Zeitpunkt auch zahlreiche unregistrierte Frauen und Kinder von Marinesoldaten aufhalten. Die Zahl der Toten wird auf 250 bis 750 geschätzt. Und auch die stark befestigten Inseln Helgoland (18. April) und Wangerooge (25. April) werden durch massive Bomber-Angriffe völlig verwüstet.

Gnadenlose Härte

Später veröffentlichten Tagebucheinträgen ist zu entnehmen, dass es viele Kommandeure der Alliierten schlicht leid sind, wegen fanatischer Nazis noch kurz vor Kriegsende Soldaten zu verlieren. In der Folge reagieren die Befehlshaber auf deutsche Gegenwehr zunehmend mit gnadenloser Härte und zum Teil auch mit Vergeltungsaktionen. So befiehlt der kanadische Major General Christopher Vokes sowohl die Zerstörung Friesoythes als auch die die Zerstörung des Stadtzentrums von Sögel mittels mehrerer Lkw-Ladungen Dynamit wegen (vermeintlicher) Angriffe von Zivilisten auf seine Truppen.

Letztlich ist es jedoch mutigen Zivilisten wie dem Edewechter Pastor Wilhelm Schulze zu verdanken, dass nicht weitere Städte im Nordwesten in den letzten Kriegstagen in Schutt und Asche gelegt werden. Der damals 33-jährige Pastor hatte sich bereit erklärt, unter Einsatz seines Lebens, mit dem kanadischen Angebot, Bad Zwischenahn zu verschonen, durch die Hauptkampflinie zu gehen, um die Übergabe des Ortes auszuhandeln.


Angesichts des Schicksals von Friesoythe und Edewecht und der in Ahlhorn bereitstehenden Bomber der Alliierten gelingt es kriegsmüden Bürgern auch in anderen Orten, das Militär zum kampflosen Abzug zu bewegen. So hissen nach Recherchen des Historikers Heiko Pannbacker in Jever am 3. Mai 1945 Johann Lünemann, Edgar Hinrichs und Max Rühlmann auf der Turmspitze des Schlosses die weiße Fahne und bewahren dadurch die Stadt vor der bevorstehenden Bombardierung durch die Alliierten. Und auch in Oldenburg bleibt es NSDAP-Oberbürgermeister Heinrich Rabeling überlassen, mit Kanadiern und Briten in allerletzter Sekunde die kampflose Übergabe der Stadt auszuhandeln.

Hochburg der Nazis

Und so kann ausgerechnet die braune Gauhauptstadt den Faschismus weitgehend unbeschadet überstehen. Die Stadt, in der die Nationalsozialisten bereits am 7.  Januar 1932, fast ein Jahr vor der Ernennung von Hitler zum Reichskanzler, die Mehrheit im Stadtrat errungen hatten.

Überhaupt war auch das Land Oldenburg das erste im Deutschen Reich, in dem die NSDAP eine absolute Mehrheit hatte. Mit 48,38 Prozent der Stimmen waren die Nazis eindeutige Sieger bei den Landtagswahlen am 29. Mai 1932 gewesen. Hochburg der Nazis war dabei der protestantische Norden.

Um die denkmalgeschützte und dennoch seit Jahren dem Verfall preisgegebene Villa Möllering in der Lüneburger Heide tobt derweil seit vielen Jahren ein Streit um den Erhalt des Hauses. Während der Besitzer das Gebäude am liebsten abreißen lassen würde, möchte ein Verein die Villa gern als Kulturdenkmal herrichten lassen. Die Initiative scheitert bislang nicht nur am Geld. Auch von der rechten Seite äußert sich Protest: Die Kapitulation sei kein Tag der Befreiung, sagen Kritiker, die auch schon vor der Villa für deren Abriss demonstrierten.

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