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Folgen der Pandemie: Corona-Krise: Sozialexperte warnt vor Armut

21.04.2021
Die Landesarmutskonferenz Niedersachsen warnt vor einer Verschärfung der Armut im Land als Folge der Corona-Pandemie. Er gehe davon aus, dass es für 2020 mindestens einen vollen Prozentpunkt an zusätzlicher Armutsquote geben werde, sagte der Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz, Klaus-Dieter Gleitze, der Deutschen Presse-Agentur. Dabei sei schon fast jeder sechste Niedersachse betroffen.
Frage: Die Corona-Pandemie hat uns fest im Griff. Aber was bedeutet die Krise für arme Menschen?

Klaus-Dieter Gleitze: Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass vor dem Virus nicht alle gleich sind. Zu Anfang hieß es, das Virus sei der große Gleichmacher. Das ist aber definitiv nicht der Fall. Wer arm ist, der ist in der Krise im Prinzip noch ärmer dran als der Rest. Was übrigens sogar der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung explizit so formuliert, der im Mai im Kabinett verabschiedet wird. Dabei beschönigt der sonst eigentlich die Lage immer etwas.

Frage: Wie wirkt sich das konkret aus?

Gleitze: Dazu eine Zahl, um das an einem praktischen Beispiel zu verdeutlichen: Paprika, ein Grundnahrungsmittel und notwendig für eine gesunde Ernährung, ist seit Jahresbeginn um 178 Prozent teurer geworden. Das hat mich umgehauen. Frische Lebensmittel haben sich sehr stark verteuert, das ist für Menschen, die wenig Geld haben, eine Katastrophe. 30 Prozent, manche sagen sogar noch mehr, haben keine Rücklagen, die können keine zwei Monate überbrücken. Für Menschen, die von Armut betroffen sind - in Niedersachsen bedeutet das 1049 Euro im Monat für Alleinstehende, das entspricht 60 Prozent des mittleren Einkommens - ist das ein Desaster.

Frage: Wie hat sich in der Pandemie die Zahl der Menschen entwickelt, die in Armut leben?

Gleitze: Vor Beginn der Pandemie lag die Armutsquote bei 16 Prozent - das war ein voller Prozentpunkt mehr als im Jahr davor. Ohne Corona-Effekte schon ein Anstieg auf einen Rekordwert, das ist bemerkenswert - vorsichtig formuliert. Es ist eigentlich ein Skandal, so eine hohe Armutsquote in Deutschland zu haben. In Niedersachsen sind das 1,25 Millionen Menschen, fast jeder sechste Niedersachse ist betroffen. Und das nach einem zehnjährigen Dauer-Konjunkturhoch. Man kann sich ausrechnen, was das in der Pandemie bedeutet. Alle wissen, dass Insolvenzen sprunghaft ansteigen werden, wenn die Antragspflicht ab Ende April wieder greift. Arbeitsmarktexperten gehen davon aus, dass wir am Jahresende 1,3 Millionen Langzeitarbeitslose haben werden - fast eine Verdoppelung im Vergleich zum März 2020.

Frage: Was bedeutet das für die Armutsquote?

Gleitze: Wenn ich das an der Zahl der Langzeitarbeitslosen aufhänge, die Insolvenzen mit einbeziehe, außerdem die Branchen, die sich strukturell nicht erholen werden, die ganzen Soloselbstständigen, die in ihren Jobs nicht mehr arbeiten werden, dann gehe ich davon aus, dass es 2020 mindestens einen vollen Prozentpunkt an zusätzlicher Armutsquote geben wird.

Frage: Wen trifft das Armutsrisiko ganz besonders?

Gleitze: Ganz besonders stark trifft es Alleinerziehende. Da haben wir eine ganz erhebliche Armutsquote von über 40 Prozent, und das sind zu 90 Prozent Frauen. Das liegt unter anderem an der mangelhaften Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Arbeitgeber sind immer noch nicht geneigt, auf die familiäre Situation Rücksicht zu nehmen.

Frage: Gibt es weitere Gruppen?

Gleitze: Was im Moment vielleicht noch ein bisschen unterschätzt wird, ist die Armutsgefährdung im Alter, die um 1,2 Prozentpunkte zugenommen hat: Bei den über 65-Jährigen sind mittlerweile 15,4 Prozent armutsgefährdet. Das liegt an durchbrochenen Erwerbsbiografien, teils mit Phasen von Arbeitslosigkeit, so dass die Rentenanspruchzeiten nicht so sind wie früher. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass es in den letzten 20 Jahren reale Zuwächse nur in den höheren Lohngruppen gab und die Inflation dagegen rechnet, kann man sich vorstellen, was für eine Welle an Altersarmut sich am Horizont abzeichnet.

Frage: Was bringt denn der Mindestlohn in dieser Lage?

Gleitze: Man soll ja nicht immer nur auf der Politik rumhacken: Wenn das Realität werden sollte, was man aus SPD-Kreisen hört, dass der Mindestlohn auf 12 Euro angehoben wird, dann wäre das schon ein substanzieller Fortschritt. Man geht davon aus: Wenn man Altersarmut vermeiden, also eine armutssichere Rente haben will, dann muss man einen Stundenlohn von ungefähr 12,50 Euro haben, dabei aber 45 Jahre arbeiten. Dann ist man knapp über der Armutsgrenze im Alter. Das ist sinnvoll und das fordern wir auch!

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