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NWZonline.de Region

Kalium-Tote schockieren Oldenburger Klinik

26.11.2014

Oldenburg /Delmenhorst An der Brandenburger Straße sieht es am Dienstagmittag aus, als stehe ein Großereignis bevor: Übertragungswagen von Fernsehsendern parken in der zweiten Reihe, Kameraleute laufen aufgeregt herum und verschwinden dann im Medizinischen Ausbildungszentrum des Klinikums Oldenburg. Die Krankenhausleitung hat in die dritte Etage, in den Hörsaal, zur Pressekonferenz eingeladen.

Es geht um Ex-Krankenpfleger Niels H., der derzeit wegen Mordvorwürfen vor Gericht steht. Mindestens fünf Menschen soll er im Klinikum Delmenhorst totgespritzt haben. Zwischen 1999 und 2002 war Niels H. im Klinikum Oldenburg beschäftigt. Hat er auch dort sein Unwesen getrieben? Die Gerüchteküche brodelt seit langem.

Moderator engagiert

Das Klinikum hat eigens für die Pressekonferenz einen Moderator engagiert. Marcus Röhle ist erfahren im Umgang mit den Medien. Es ist mucksmäuschenstill im Saal, als Klinikum-Geschäftsführer Dirk Tenzer um kurz nach zwölf das Wort ergreift. Zehn Kameramänner stehen in Reih und Glied, Fotografen drücken ab. Die Spannung steigt. Hat Niels H. weitere Menschenleben auf dem Gewissen?

Hintergrundreportage zum Krankenpfleger-Prozess

Tenzer spricht bereits im ersten Satz von einer der „schwierigsten Stunden“ in der Geschichte des Klinikums Oldenburg. Man ahnt, was kommt. Es dauert einige Minuten, bis die entscheidenden Sätze folgen. „Die Untersuchung kommt leider zu dem Schluss, dass Niels H. möglicherweise bereits im Klinikum Oldenburg für Sterbefälle verantwortlich war – zwar nicht in dem Ausmaß wie es in Delmenhorst befürchtet wird und auch nicht mit dem Medikament Gilurytmal. Aber auch bei uns hat es zwölf Sterbefälle gegeben, bei denen alles darauf hindeutet, dass es ein Eingreifen von außen gegeben hat. Darüber sind wir zutiefst erschüttert“, sagt Tenzer. Man merkt ihm das an.

Acht Wochen lang nimmt Gutachter Georg von Knobelsdorff, ein erfahrener Chefarzt aus Hildesheim, alle Sterbefälle im Klinikum Oldenburg unter die Lupe, bei denen Niels H. seine Finger im Spiel gehabt haben könnte. Der Gutachter untersucht 56 Sterbefälle während der Dienstzeit des Ex-Krankenpflegers auf der herzchirurgischen Intensivstation und einen in der Anästhesiepflege. Sein Ergebnis: In sieben Fällen wurde mit Sicherheit beim Sterben nachgeholfen. In fünf Fällen ist dies wahrscheinlich. Die Mordwaffe ist diesmal allerdings nicht das Herzmedikament Gilurytmal wie in Delmenhorst, sondern das Blutsalz Kalium.

Gutachter von Knobelsdorff stellt beim Aktenstudium bei zwölf der schwer kranken Patienten, die reanimiert werden mussten, einen „auffällig erhöhten“ Kaliumspiegel fest. „In sieben Fällen gab es für diese hohen Kaliumwerte keine Erklärung“, sagt er. „Kalium war damals eine normale Infusionslösung.“ Alle Pfleger und Schwestern auf Intensivstationen hätten sich ganz einfach daran bedienen können. Heimlich in eine Infusionslösung gemischt, kann Kalium zu einem Herzstillstand führen. „Wir wissen nicht, ob es sich um einen Fehler oder eine Straftat handelt“, betont von Knobelsdorff.

Tenzer spricht von einem „wahnsinnigen Einzelnen“. Ob die Taten dem Pfleger zur Last gelegt werden könnten, müssten jedoch Richter entscheiden. Tenzer will mit den Angehörigen über Entschädigungen sprechen.

Der Klinik-Geschäftsführer beschreibt Niels H. als beliebt, hilfsbereit und fleißig. Doch in Notfällen verhält er sich „wie auf dem Fußballplatz“, drängt sich vor, ist süchtig nach Anerkennung. Einige Kollegen am Klinikum Oldenburg schöpfen früh Verdacht. Doch die Beweise fehlen.

Und die toten Patienten? Waren laut Tenzer schwer krank, ihr Tod nicht unwahrscheinlich. „Dies machte für die damals Beteiligten ein Erkennen der Situation schwierig“, sagt der Klinik-Geschäftsführer. Das Klinikum Oldenburg stellt Niels H. 2002 trotz seines auffälligen Verhaltens ein gutes Arbeitszeugnis aus. Damit bewirbt er sich in Delmenhorst – mit Erfolg. „Wir waren letztlich froh, dass er weg war“, gibt Tenzer zu. Aus heutiger Sicht hätte sein Haus das Arbeitszeugnis jedoch nicht in dieser Form ausstellen dürfen.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg erklärt am Dienstag, die im Gutachten erwähnten Sterbefälle würden von der Soko „Kardio“ untersucht. Die Ermittlungen würden sich jedoch nicht nur auf die 57 genannten Patienten beschränken. In allen Fällen, in denen sich der Tod eines Patienten nicht eindeutig mit dessen Grunderkrankung erklären lasse, komme eine Exhumierung und anschließende Obduktion in Betracht.

Der Präsident der Polizeidirektion Oldenburg, Johann Kühme, sagt: „Unabhängig von diesem Gutachten werden wir die Maßnahmen durchführen, die erforderlich sind. Die Sonderkommission wird umfassend die berufliche Vita des angeklagten Krankenpflegers beleuchten.“

Polizei ermittelt

Gaby Lübben, Anwältin der Nebenkläger im laufenden Prozess gegen Niels H, lobt die zugesagten Entschädigungen. „Es ist begrüßenswert, dass das Klinikum Oldenburg im Gegensatz zum Klinikum Delmenhorst die Sache aktiv angeht.“ Die Polizei müsse aber umfassend ermitteln und dürfe sich nicht auf die zwölf Fälle beschränken.

In Delmenhorst wird der Tod von 174 Menschen untersucht, die von 2003 bis 2005 während der Schichten des Ex-Krankenpflegers starben. Niels H. soll Patienten der Intensivstation in Lebensgefahr gebracht haben, um sie wiederbeleben zu können. „Nirgendwo kann ein Serienmörder so unbehelligt sein Unwesen treiben wie im Krankenhaus oder Pflegeheim. Denn der Tod ist hier allgegenwärtig“, erklärt Eugen Brysch, Vorstand Deutsche Stiftung Patientenschutz.

An der Brandenburger Straße legt sich die Aufregung gegen 14 Uhr langsam. Die Fernsehteams ziehen ab, im Klinikum Oldenburg gehen die Dinge wieder ihren gewohnten Gang.

Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008
Norbert Wahn
Redakteur
Politikredaktion
Tel:
0441 9988 2097

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