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NWZonline.de Region

Kein Handicap für Sinnlichkeit

02.03.2017

Oldenburg Es ist ein ganz besonderer Liebesfilm, in dem die Oldenburgerin Wiebke Hendeß eine Hauptrolle spielt. Selbstbewusst und sinnlich widmet sie sich einem Bereich der Erotik, in dem viele Menschen bei aller Experimentierfreude keine Erfahrungen haben. Wiebke Hendeß ist dabei ganz unbefangen, denn sie hat ein sehr gesundes Verhältnis zu ihrem Körper, weiß ihre Weiblichkeit in Szene zu setzen.

Allerding bedurfte es bei den vier Protagonisten auch einer gehörigen Portion Mut, um in dem Dokumentarfilm „Love & Sex & Rocknrollstuhl“ mitzuwirken, denn die Regisseurin Susanna Wüstneck wagt sich an ein Tabuthema. Der Film erzählt vom Leben mit Behinderung und der Sehnsucht nach Liebe und Leidenschaft. Neben der Oldenburgerin Wiebke erzählen Nicola, Stefan und Emanuel von ihrem Wunsch nach Nähe und einer erfüllten Beziehung. Vor allem machen sie deutlich, dass eine körperliche Behinderung keineswegs ein Handicap für Lust und Sinnlichkeit bedeuten muss.

Wiebke Hendeß weiß dies nicht nur aus eigener Erfahrung. Sie arbeitet, neben ihrer Hauptbeschäftigung als Behindertenberaterin an der Uni Oldenburg, als Sexualberaterin. In vielen Einzel- und Gruppengesprächen, Erotik-Workshops und Seminaren hat sie erfahren, wie problematisch das Thema Partnersuche ist, wenn der Körper nicht auf den ersten Blick dem verbreiteten Schönheitideal entspricht. Wobei die Schwierigkeit oft eher in der Befangenheit als in der körperlichen Beeinträchtigung liegt. „Viele denken bei Behinderung nur an Leid und Verzicht. Das ist aber gar nicht so, und das möchte ich deutlich machen.“

Befangenheit ist da

Dieser Reduzierung auf den Rollstuhl wirkt die Erzählweise des Films entgegen. Die Zuschauer lernen Nicola, Wiebke, Stefan und Emanuel als Persönlichkeiten kennen, mit ihren Hoffnungen und Wünschen, beim Lachen und Spielen, im alltäglichen Leben und beim Erotik-Workshop im „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (ISBB) in Trebel. So erleben die Zuschauer: Auch wenn alle im Rolli sitzen, handelt es sich um ganz unterschiedliche Menschen. Dass diese Individualität deutlich wird, ist Wiebke Hendeß und Susanna Wüstneck wichtig. Denn sie wissen, wie schnell ein Behinderter in der Schublade „asexuelles Wesen“ landet, weil außer Acht bleibt, dass der Rollstuhl, die Prothese oder die Lernschwierigkeit nur ein Aspekt von ganz vielen ist. „Oft werden Behinderte gar nicht als Mann oder Frau wahrgenommen“, sagt Hendeß.

Aus ihren Gesprächen kennt sie aber auch die Befangenheit, die Vorstellung „Mich will ja eh keiner“. Dabei ist die 45-Jährige selbst das beste Beispiel, wie falsch diese Annahme oft ist. Seit zwei Jahren ist sie glücklich mit einem nichtbehinderten Mann liiert, beide sagen: „Wir sind angekommen.“ Die zwei haben sich ganz klassisch auf einer Party kennengelernt.

Aus ihrem Erfahrungsschatz kann Hendeß viele Tipps geben, die für alle Menschen auf Partnersuche gleichermaßen gelten. Zum Beispiel, dass es entspannter läuft, wenn der Beziehungswunsch nicht im Vordergrund steht. Im Kochkurs oder Chor kann der Rollifahrer seinen Charme ganz ungezwungen spielen lassen. Der Sinn für Sinnlichkeit stellt sich so bei der richtigen Würze oder dem treffenden Ton vielleicht ganz von alleine ein. Wer nicht „in freier Wildbahn“ suchen mag, findet Flirt-Gelegenheiten etwa bei Angeboten wie der „Schatzkiste Oldenburg“, die am Freitag, 24. März, ab 19 Uhr, in der Kulturetage die „2. Single-Party für Menschen mit Handicap“ veranstaltet.

Wiebke Hendeß berät Menschen mit und ohne Behinderung zum Umgang mit ihrer Sexualität.

Bleibt der Erfolg bei der Partnersuche aus, legt Hendeß Wert auf ein offenes Wort: „Dann rate ich dazu, zu überlegen, ob der Partnerwunsch realistisch ist.“ Aus ihren Beratungsgesprächen weiß sie, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten sehr gerne einen Partner mit möglichst hohem Schulabschluss oder Studium hätten. Das endet oft in Frust. Daher rät die Beziehungsexpertin bei aller Sehnsucht nach dem Traumprinzen: nicht durch falsche Vorstellungen das Glück verbauen. Und um keine falschen Hoffnungen zu schüren, sollten umgekehrt alle Nichtbehinderten keine Scheu haben, klar zu sagen, wenn eine Beziehung nicht infrage kommt. Oft zögen sich Angehimmelte mit Ausflüchten wie „Ich habe doch eine Freundin“ aus der Affäre, weil sie sich davor scheuen, die Behinderung als Beziehungshindernis zu benennen. Das macht die Sache nicht leichter, weil die Hoffnung bleibt, so Hendeß.

Hören Sie den Reha-Podcast mit Wiebke Hendeß
„Sexualität und Behinderung - welche Möglichkeiten gibt es?“

Amputationen als Fetisch

Doch die Berührungsängste sind da, die Vorstellung, mit einem behinderten Menschen könne man nicht einfach mal Spaß haben. Für ihn sei bei seinem Schicksal eine Trennung besonders schlimm. Falsch, sagt Wiebke Hendeß. Leidvolle Erfahrungen gehören zur Liebe dazu. Für jeden. Ob behindert oder nicht. Daher rät sie Behinderten bei allen Begegnungen mit potenziellen Partnern zu der frühzeitigen Klarstellung: „Du kannst mich auch wieder verlassen.“ Die irrige Annahme einer ewigen Verpflichtung stehe vielen lustvollen Kontakten im Weg.

Hier gibt’s „LOve & Sex ...“ und  Gespräche

Öffentliche Vorführungen des Films „Love & Sex & Rocknrollstuhl“ sind am Freitag, 10. März, 17 Uhr, im BIS-Saal der Universität Oldenburg sowie am Montag, 8. Mai, 19 Uhr, im Cine k der Oldenburger Kulturetage. Beide Veranstaltungen sind kostenlos. Im Anschluss an den 45-minütigen Film ist jeweils ein Publikumsgespräch mit Wiebke Hendeß geplant. Am 8. Mai wird auch die Regisseurin Susanna Wüstneck anwesend sein. Am 10. März gibt es zudem eine Podiumsdiskussion zum Thema Sexualbegleitung unter dem Titel „Stark, selbstbestimmt, sexuell…und behindert!“.

Die DVD zu dem Film kann für 15 Euro inklusive Versand bestellt werden unter lalieproduktion.de. Hier kann sich auch melden, wer weitere öffentliche Filmvorführungen organisieren möchte.

Weil sie das Thema „Sexualität und Behinderung“ aus der Problem-Ecke herausholen möchte, ist Hendeß auch wenig angetan von dem Vorschlag der Grünen, Pflegebedürftigen Sex auf Krankenschein zu ermöglichen. Eine finanzielle Unterstützung von Sexualassistenz sei mitunter durchaus wünschenswert, weil Behinderung oft mit Armut einhergehe. „Sonst hätten manche Menschen gar keine Möglichkeit, die Sexualität als kraftgebenden, inspirierenden und gesunden Lebensbereich zu erfahren.“

Angebotsliste für Sexualbegleitung

Die Finanzierung solle aber nicht auf Rezept, sondern besser über das sogenannte persönliche Budget erfolgen, auf das viele Menschen mit Behinderung einen Anspruch von verschiedenen Leistungsträgern haben. „Ich sehe die Sexualbegleitung auch nicht als Dauerlösung, sondern eher als eine Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und sich auszuprobieren.“

Wie viele Facetten das Thema „Sexualität und Behinderung“ hat, zeigt sich auch daran, dass Amputationen als Fetisch dienen. „Es gibt Menschen, die finden das super-attraktiv. Das war schon bei den alten Griechen so“, sagt Wiebke Hendeß. Auch wenn das nur ein Randaspekt ist, so symbolisiert er doch, dass Menschen mit Behinderungen durchaus selbstbewusst zu ihrem Wunsch nach Lust und Leidenschaft stehen können.

Homepage von Wiebke Hendeß

Sehen sie auch das berührende Interview mit Raul Krauthausen

Irmela Herold Redakteurin / Online-Redaktion
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