Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Tabuthema Sex & Behinderung Kein Handicap für Sinnlichkeit

Oldenburg - Es ist ein ganz besonderer Liebesfilm, in dem die Oldenburgerin Wiebke Hendeß eine Hauptrolle spielt. Selbstbewusst und sinnlich widmet sie sich einem Bereich der Erotik, in dem viele Menschen bei aller Experimentierfreude keine Erfahrungen haben. Wiebke Hendeß ist dabei ganz unbefangen, denn sie hat ein sehr gesundes Verhältnis zu ihrem Körper, weiß ihre Weiblichkeit in Szene zu setzen.

Allerding bedurfte es bei den vier Protagonisten auch einer gehörigen Portion Mut, um in dem Dokumentarfilm „Love & Sex & Rocknrollstuhl“ mitzuwirken, denn die Regisseurin Susanna Wüstneck wagt sich an ein Tabuthema. Der Film erzählt vom Leben mit Behinderung und der Sehnsucht nach Liebe und Leidenschaft. Neben der Oldenburgerin Wiebke erzählen Nicola, Stefan und Emanuel von ihrem Wunsch nach Nähe und einer erfüllten Beziehung. Vor allem machen sie deutlich, dass eine körperliche Behinderung keineswegs ein Handicap für Lust und Sinnlichkeit bedeuten muss.

Lade ...

Wiebke Hendeß weiß dies nicht nur aus eigener Erfahrung. Sie arbeitet, neben ihrer Hauptbeschäftigung als Behindertenberaterin an der Uni Oldenburg, als Sexualberaterin. In vielen Einzel- und Gruppengesprächen, Erotik-Workshops und Seminaren hat sie erfahren, wie problematisch das Thema Partnersuche ist, wenn der Körper nicht auf den ersten Blick dem verbreiteten Schönheitideal entspricht. Wobei die Schwierigkeit oft eher in der Befangenheit als in der körperlichen Beeinträchtigung liegt. „Viele denken bei Behinderung nur an Leid und Verzicht. Das ist aber gar nicht so, und das möchte ich deutlich machen.“

Befangenheit ist da

Dieser Reduzierung auf den Rollstuhl wirkt die Erzählweise des Films entgegen. Die Zuschauer lernen Nicola, Wiebke, Stefan und Emanuel als Persönlichkeiten kennen, mit ihren Hoffnungen und Wünschen, beim Lachen und Spielen, im alltäglichen Leben und beim Erotik-Workshop im „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (ISBB) in Trebel. So erleben die Zuschauer: Auch wenn alle im Rolli sitzen, handelt es sich um ganz unterschiedliche Menschen. Dass diese Individualität deutlich wird, ist Wiebke Hendeß und Susanna Wüstneck wichtig. Denn sie wissen, wie schnell ein Behinderter in der Schublade „asexuelles Wesen“ landet, weil außer Acht bleibt, dass der Rollstuhl, die Prothese oder die Lernschwierigkeit nur ein Aspekt von ganz vielen ist. „Oft werden Behinderte gar nicht als Mann oder Frau wahrgenommen“, sagt Hendeß.

Lade ...

Aus ihren Gesprächen kennt sie aber auch die Befangenheit, die Vorstellung „Mich will ja eh keiner“. Dabei ist die 45-Jährige selbst das beste Beispiel, wie falsch diese Annahme oft ist. Seit zwei Jahren ist sie glücklich mit einem nichtbehinderten Mann liiert, beide sagen: „Wir sind angekommen.“ Die zwei haben sich ganz klassisch auf einer Party kennengelernt.

Aus ihrem Erfahrungsschatz kann Hendeß viele Tipps geben, die für alle Menschen auf Partnersuche gleichermaßen gelten. Zum Beispiel, dass es entspannter läuft, wenn der Beziehungswunsch nicht im Vordergrund steht. Im Kochkurs oder Chor kann der Rollifahrer seinen Charme ganz ungezwungen spielen lassen. Der Sinn für Sinnlichkeit stellt sich so bei der richtigen Würze oder dem treffenden Ton vielleicht ganz von alleine ein. Wer nicht „in freier Wildbahn“ suchen mag, findet Flirt-Gelegenheiten etwa bei Angeboten wie der „Schatzkiste Oldenburg“, die am Freitag, 24. März, ab 19 Uhr, in der Kulturetage die „2. Single-Party für Menschen mit Handicap“ veranstaltet.

Bleibt der Erfolg bei der Partnersuche aus, legt Hendeß Wert auf ein offenes Wort: „Dann rate ich dazu, zu überlegen, ob der Partnerwunsch realistisch ist.“ Aus ihren Beratungsgesprächen weiß sie, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten sehr gerne einen Partner mit möglichst hohem Schulabschluss oder Studium hätten. Das endet oft in Frust. Daher rät die Beziehungsexpertin bei aller Sehnsucht nach dem Traumprinzen: nicht durch falsche Vorstellungen das Glück verbauen. Und um keine falschen Hoffnungen zu schüren, sollten umgekehrt alle Nichtbehinderten keine Scheu haben, klar zu sagen, wenn eine Beziehung nicht infrage kommt. Oft zögen sich Angehimmelte mit Ausflüchten wie „Ich habe doch eine Freundin“ aus der Affäre, weil sie sich davor scheuen, die Behinderung als Beziehungshindernis zu benennen. Das macht die Sache nicht leichter, weil die Hoffnung bleibt, so Hendeß.


Hören Sie den Reha-Podcast mit Wiebke Hendeß „Sexualität und Behinderung - welche Möglichkeiten gibt es?“

Amputationen als Fetisch

Doch die Berührungsängste sind da, die Vorstellung, mit einem behinderten Menschen könne man nicht einfach mal Spaß haben. Für ihn sei bei seinem Schicksal eine Trennung besonders schlimm. Falsch, sagt Wiebke Hendeß. Leidvolle Erfahrungen gehören zur Liebe dazu. Für jeden. Ob behindert oder nicht. Daher rät sie Behinderten bei allen Begegnungen mit potenziellen Partnern zu der frühzeitigen Klarstellung: „Du kannst mich auch wieder verlassen.“ Die irrige Annahme einer ewigen Verpflichtung stehe vielen lustvollen Kontakten im Weg.

Weil sie das Thema „Sexualität und Behinderung“ aus der Problem-Ecke herausholen möchte, ist Hendeß auch wenig angetan von dem Vorschlag der Grünen, Pflegebedürftigen Sex auf Krankenschein zu ermöglichen. Eine finanzielle Unterstützung von Sexualassistenz sei mitunter durchaus wünschenswert, weil Behinderung oft mit Armut einhergehe. „Sonst hätten manche Menschen gar keine Möglichkeit, die Sexualität als kraftgebenden, inspirierenden und gesunden Lebensbereich zu erfahren.“

Angebotsliste für Sexualbegleitung

Die Finanzierung solle aber nicht auf Rezept, sondern besser über das sogenannte persönliche Budget erfolgen, auf das viele Menschen mit Behinderung einen Anspruch von verschiedenen Leistungsträgern haben. „Ich sehe die Sexualbegleitung auch nicht als Dauerlösung, sondern eher als eine Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und sich auszuprobieren.“

Wie viele Facetten das Thema „Sexualität und Behinderung“ hat, zeigt sich auch daran, dass Amputationen als Fetisch dienen. „Es gibt Menschen, die finden das super-attraktiv. Das war schon bei den alten Griechen so“, sagt Wiebke Hendeß. Auch wenn das nur ein Randaspekt ist, so symbolisiert er doch, dass Menschen mit Behinderungen durchaus selbstbewusst zu ihrem Wunsch nach Lust und Leidenschaft stehen können.

Homepage von Wiebke Hendeß

Sehen sie auch das berührende Interview mit Raul Krauthausen

Lade ...
Dr. Irmela Herold
Dr. Irmela Herold Online-Redaktion
Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Die Mitglieder vom BSV Kickers Emden stimmen am Donnerstagabend für die Ausgliederung der ersten Herren in eine GmbH.

POSITIVES VOTUM Mitglieder geben Grünes Licht für die Kickers-Emden-GmbH – Rießelmann spricht von „Happy End“

Lars Möller
Emden
Stellten die Ausweitung des Konzeptes „Wilhelmshaven sicher“ auf den Busverkehr der Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft vor: (v.li.) Frank Rademacher (Geschäftsführer Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft Wilhelmshaven), Polizeidirektor Heiko von Deetzen, Projektleiter und Polizeihauptkomissar Tim Bachem und Oberbürgermeister Carsten Feist.

POLIZEIPRÄSENZ IM BUSVERKEHR Hausrecht der Polizei stärkt ab sofort Sicherheit in Bussen

Lutz Rector
Wilhelmshaven
Kommentar
Klimaaktivisten der Gruppe „Fridays for Future“ in Saarbrücken werfen Bundeskanzler Scholz vor, bei seinem Besuch in der vom Hochwasser betroffenen Region und in seiner Ansprache „die Klimakrise fahrlässig ausgeblendet“ zu haben.

UMWELTPOLITIK Durch mehr Klimaschutz gibt’s nichts zu verlieren

Jana Wolf Büro Berlin
Eine junge Lehrerin schreibt Mathematikaufgaben an eine Schultafel. Niedersachsen will 390 Schulen im Land nach Sozialindex stärker fördern.

NEUES PROGRAMM FÜR 390 SCHULEN Wie Niedersachsen mehr Bildungsgerechtigkeit herstellen will

Stefan Idel Büro Hannover
Hannover
Lara und Philipp Schumacher wollen gemeinsam mit ihren drei Kindern ein neues Leben auf Mallorca beginnen. Dafür bereiten sie seit Jahren alles vor – und der letzte, mehrmonatige Aufenthalt vor der Auswanderung begann mit einem herben Rückschlag.

BETROGEN UND ENTTÄUSCHT Emder Familie kämpft nach Betrug auf Mallorca um ihren Traum

Aike Sebastian Ruhr
Emden