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NWZonline.de Region

Klinik-Chef: „Man hätte die Taten erkennen können“

12.12.2014
Frage: Herr Tenzer, das Klinikum Oldenburg macht derzeit bundesweit Schlagzeilen – wie ist die Stimmung in Ihrem Haus?
Tenzer: In erster Linie sind die Mitarbeiter bedrückt wegen der Taten, die ein Einzelner hier im Haus begangen hat.
Frage: Und was sagen Ihre Patienten?
Tenzer: Wir erfahren viel Zuspruch dafür, dass wir so offen mit dem Thema umgehen. Grundsätzlich haben die Patienten weiterhin großes Vertrauen zu uns, und das auch zu Recht. Wir haben keine Anzeichen dafür, dass uns Patienten wegen der Vorfälle, die ja sehr lange zurück liegen, meiden.
Frage: Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen zwei Ihrer Mitarbeiter wegen des Verdachts auf Totschlag durch Unterlassen – hat Sie das überrascht?->
Tenzer: Wir haben letzte Woche erste Informationen an die Ermittlungsbehörden weitergegeben. Wir waren uns bewusst, dass das weitere Ermittlungen auslösen könnte.
Frage: Welche Fehler hat das Klinikum im Umgang mit Niels H. gemacht?
Tenzer: Zunächst einmal: Wenn das Gericht die Schuld von Niels H. feststellen sollte, war es ein einzelner Fehlgeleiteter, der diese Taten begangen hat. Man hat diese Taten nicht erkennen müssen – man hätte sie aber vielleicht erkennen können. Dazu gehört auch ein bisschen Zufall.
Frage: Es gab bei einigen verstorbenen Patienten erhöhte Kaliumwerte, die damals bereits auffielen. Warum ist man dem nicht nachgegangen?
Tenzer: Man ist den erhöhten Kaliumwerten nachgegangen! Es gab interne Untersuchungen in verschiedenste Richtungen, man hat aber keinen Grund für die Erhöhung gefunden. Man hat seinerzeit nicht die richtigen Schlüsse gezogen. Man hat nicht den Schluss gezogen, dass eine Einzelperson dahintersteckte und vorsätzlich Patienten schädigt.
Frage: Warum zieht man solche Schlüsse nicht? Hat das mit einer Kultur des Wegschauens zu tun, wie sie Patientenschützer den Kliniken mitunter vorwerfen?->
Tenzer: Der Vorwurf ist mir bekannt – aber dass absichtlich weggeguckt wird, das glaube ich nicht. Weder in unserem Haus noch insgesamt. Im Klinikum hat man ja hingeguckt – man hat nur nicht die richtigen Schlüsse gezogen. Mit Kenntnisstand heute war das sicherlich eine Fehleinschätzung.
Frage: Mit Kenntnisstand heute war auch das gute Zeugnis für Niels H. ein Fehler, mit dem er sich in Delmenhorst bewerben konnte . . .
Tenzer: . . . .grundsätzlich hat natürlich das Arbeitszeugnis nichts mit seinen mutmaßlichen Taten zu tun. Wir haben damals ein normales Arbeitszeugnis ausgestellt für ihn, etwas anderes durften wir auch gar nicht ausstellen. Es gibt sehr harte Regeln in Deutschland, in denen höchstrichterlich entschieden ist, was in Arbeitszeugnissen stehen darf. Wir hatten hier im Haus keine hieb- und stichfesten Beweise gegen Herrn H., und Vermutungen sind in Arbeitszeugnissen nicht statthaft.
Frage: Arbeitszeugnisse sollen aber auch wahrhaftig sein. Wie wahr ist es, wenn man einem Mann, dem man nicht länger vertraut, Zuverlässigkeit attestiert?
Tenzer: Da bin ich der falsche Ansprechpartner, ich kenne Niels H. nicht persönlich. Aber er wurde mir von vielen Zeugen bei meinen internen Ermittlungen als durchaus hilfsbereiter, freundlicher und kollegialer Mensch beschrieben, der auch noch fachlich versiert war. Das machte es sicher für die damals Beteiligten schwierig. Vor dem Hintergrund kann man viele Formulierungen in dem Zeugnis nachvollziehen, wenngleich sie vor dem, was wir heute wissen, einen anderen Geschmack bekommen.
Frage: Sie haben selbst herausgefunden, dass es zwölf Todesfälle durch Fremdeinwirkungen gegeben hat. Wäre diese Ermittlungsarbeit nicht Sache der Behörden gewesen?->
Tenzer: Wir haben ja Anfang September auch schon Untersuchungen angestellt und festgestellt, dass wir keine erhöhten Todesraten hatten und keinen erhöhten Gilurytmal-Verbrauch. Dann haben wir gesagt, wir wollen letzte Sicherheit, und haben dieses Gutachten in Auftrag gegeben – mit dem schrecklichen Ergebnis, das uns nachhaltig erschüttert. Welche Rolle die Ermittlungsbehörden in den letzten zehn Jahren gespielt haben, vermag ich nicht zu beurteilen.
Frage: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus den Todesfällen für das Klinikum?
Tenzer: Wir wissen, dass zwölf Patienten durch einen äußeren Einfluss verstorben sind, sieben davon sicher durch Kalium. Der Umgang mit Kalium ist schon vor vielen Jahren geändert worden – in fast allen Krankenhäusern, weil es früher immer wieder zu versehentlichen Vergiftungen mit Kalium durch die simple Verwechslung mit Natriumchlorid gekommen ist. Bei uns allerdings nicht. Deshalb ist Kalium heute blau eingefärbt. Das sieht beim Spritzen jeder sofort.
Frage: Gibt es weitere Maßnahmen?
Tenzer: Wir haben zum Beispiel ein Whistleblowing-System eingeführt, um es Mitarbeitern möglich zu machen, anonym Auffälligkeiten zu melden. Wir haben ein weiteres System entwickelt, mit dem wir unerwartete Todesfälle systematisch aufarbeiten, mit dem wir Medikamentenverbrauch und Sterbestatistiken noch genauer anschauen können.
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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