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NWZonline.de Region

Religion: Koscheres Fleisch kommt aus Berlin

03.04.2013

Oldenburg In die Oldenburger Synagoge kommt man nur durch eine Sicherheitsschleuse aus Panzerglas. „Als Jude ist man sensibler, beobachtet die Umwelt und die Leute mehr als andere es tun“, sagt Rabbiner Jona Simon (34) und nennt auch den Grund: In den vergangenen Jahren war es zu Schändungen jüdischer Grabstätten in Oldenburg und Delmenhorst gekommen, Schweineohren wurden vor der Synagoge abgelegt; anonyme Drohbriefe an die Gemeinde geschickt.

Obwohl es immer noch solche und ähnliche Anfeindungen gegen Juden gibt, übt der Glaube eine starke Anziehungskraft aus. Zum Beispiel auf Ari Eisel (71) und seine Frau Edith (77) aus Schortens, die einer Adventistengemeinde angehörten, bevor sie vor rund 15 Jahren konvertierten. „Wir haben uns das nicht leicht gemacht“, sagt Ari Eisel. Etwa zehn Jahre hatte sich das Ehepaar mit der Idee beschäftigt überzutreten, viele Bücher von Theologen über das Judentum gelesen.

Von Kollegen unterstützt

Ari Eisel war damals als Krankenpfleger im Sanderbuscher Krankenhaus beschäftigt und musste manchmal die Schicht tauschen, um an jüdischen Gottesdiensten und Fortbildungen teilzunehmen. Sticheleien oder Anfeindungen im Kollegenkreis habe er nie erlebt. „Meine Kollegen haben mich immer voll unterstützt“, erinnert sich Ari Eisel.

Offene Anfeindungen seien auch selten, erklärt der aus Gütersloh stammende Rabbiner Jona Simon, im Gegenteil: Von der Stadtverwaltung, der Universität, christlichen und muslimischen Glaubensgemeinschaften sowie politischen Parteien erfahre man viel Unterstützung. Das kennen manche Gemeindemitglieder auch anders. Die Mehrheit der stammt nämlich aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, in denen Religion allgemein und Judentum im Besonderen nicht gefördert wurde. Das hat auch die Familie von Alina Treiger, der Ehefrau des Rabbis, in der Ukraine zu spüren bekommen. In ihrer Heimatstadt Poltawa hatten es die Juden schwer, ihren Glauben zu leben; eine Synagoge oder einen jüdischen Seelsorger gab es nicht. Alina Treiger (34) änderte das während der Wendezeit, nachdem sie in Moskau Theologie studiert hatte. Später wanderte sie nach Deutschland aus und wurde Rabbinerin der Oldenburger und der Delmenhorster Gemeinde. Nach ihrer Elternzeit wird Alina Treiger ab Mai wieder ihre theologische Arbeit aufnehmen; ihr Ehemann ist dann für die Gemeinden im Süden Niedersachsens zuständig.

Jehuda Wältermann (47), Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg, freut sich über die Unterstützung der jungen Rabbinerfamile bei seinem wichtigsten Anliegen: „Ich will die Kinder- und Jugendarbeit fördern.“ Seine Tochter Schai (16) hilft schon ehrenamtlich als Madricha (Jugendgruppenleiterin); die beiden Söhne Lior (12) und Mosche (10) bereiten sich auf ihre Bar Mitzwar (hebr. für: Sohn des Gesetzes) vor, mit der sie offiziell in die Gemeinde aufgenommen werden. Weil ihre Mutter Smadar (44) aus Israel stammt, haben auch die Kinder doppelte Staatsbürgerschaft. Schai bekam jetzt die Einberufung zum Wehrdienst bei der israelischen Armee, der für Frauen zwei Jahre dauert. Sie will aber möglicherweise zuvor noch eine Ausbildung machen.

Familie Wältermann hat auch außerhalb der jüdischen Gemeinde viele Freunde und Bekannte. Das liegt unter anderem an dem zweiten Hobby von Jehuda Wältermann und seinen Söhnen, dem Fußballsport. Als lizenzierter DFB-Trainer betreut Wältermann die männliche E-Jugend und die B-Juniorinnen des Post SV Oldenburg.

In Konflikte kommen Juden in Deutschland oft, weil der Alltag christlich geprägt ist. So muss sich Jehuda Wältermann manchmal entscheiden, ob er den Shabbat in der Synagoge oder auf dem Fußballplatz zubringen will. Anders als in Israel hat man es schwer, Lebensmittel einzukaufen, die den jüdischen Speisegesetzen entsprechen, also koscher sind.

Guter Zusammenhalt

„Man muss manchmal Kompromisse schließen“, sagt Diliara Naguieva (40), Grafikdesignerin, Dolmetscherin und stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde. Sie bemüht sich, die jüdischen Gesetze soweit einzuhalten, wie es der Alltag in Deutschland zulässt. Auch Diliara Naguieva stammt aus der ehemaligen Sowjetunion und konnte in dem atheistisch geprägten Land ihren Glauben nicht leben. „Das habe ich erst hier kennen gelernt.“ Am Gemeindeleben schätzt sie besonders den Zusammenhalt der Mitglieder. Dieser Zusammenhalt hilft auch, wenn es um Problemlösungen geht: „Wenn ich nach Berlin fahre, kaufe ich kiloweise koscheres Fleisch zum Einfrieren. Ich versorge dann gleich mehrere Gemeindemitglieder mit“, sagt Rabbi Simon.

Die 613 Ge- und Verbote, die die Juden aus der Thora (den fünf Büchern Mose) ableiten, greifen sehr stark ins Familienleben ein. „Judentum ist eben nicht nur ein Glaube, sondern auch eine Lebensweise“, meint der Rabbiner, und es klingt fast wie eine Warnung: Von christlichen Festen wie Weihnachten oder Ostern, die zur deutschen Kultur gehören, müsse man sich verabschieden, wenn man konvertieren will. Auch wenn das Judentum ähnlich fröhliche Feste, zum Beispiel Channukka und Pessach, kennt, falle es Kindern manchmal schwer, sich darauf umzustellen. Ein Übertritt zum Judentum kommt nach Ansicht von Rabbi Simon und seinen Kollegen ohnehin nur in Frage, wenn die ganze Familie mitmacht.

Anfragen gebe es genug, einige sogar per E-Mail oder SMS, erklärt der Rabbi. Aber nicht alle Wechselwilligen führen Glaubensgründe ins Feld: „Es gab einen, der war einfach mit seinem örtlichen Pastor unzufrieden. Da stimmte die Chemie eben nicht“, sagt Rabbi Simon, der in diesem Fall erfolgreich vermitteln konnte.

Jan Lehmann / freigestellter Betriebsratsvorsitzender / Politikredaktion
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