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NWZonline.de Region

Anerkennung für Opfer kommt erst spät

08.11.2018
Frage: Die Staatsanwaltschaft hat wegen der Krankenmorde in Wehnen Ermittlungen aufgenommen, und gleich wieder eingestellt, weil keiner der Verantwortlichen mehr lebt. Warum ist das Verfahren dennoch für die Angehörigen so wichtig?
Harms: Die Angehörigen begrüßen eine gesellschaftliche und öffentliche Bestätigung der Krankenmorde in Wehnen. Bislang sind die ja nur historisch untersucht. Und jetzt bekommen die Angehörigen eine Bestätigung durch die Justiz, das ist für sie wichtig. Es kommt einer Art Rehabilitation gleich. Die Gesellschaft sagt: Ja, die Morde haben stattgefunden, und ja: Ihr seid die Geschädigten. Für die Angehörigen ist z.B. bitter, dass einer der Verantwortlichen, Wilhelm Oltmanns vom Vorstand des Landesfürsorgeverbandes, in Varel mit einem Straßennamen geehrt wurde, während sie um Anerkennung kämpfen mussten.
Frage: Die Krankenmorde fingen bereits vor Beginn des Krieges an?
Harms: Ja, die begannen schon in den 30er Jahren, und sie dauerten auch noch über den Krieg hinaus, bis 1947.
Frage: Wie kam es überhaupt zu den Ermittlungen?
Harms: Es ist Anzeige erstattet worden, und zwar von einem Friedensverein in Berlin. Der Vorstand des Vereins hatte den Film „Ich werde nicht schweigen“ gesehen, übrigens der bisher einzige TV-Spielfilm überhaupt, der sich mit der nationalsozialistischen Euthanasie auseinandersetzt, und das am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen. In Oldenburg gab es mehrere Vorführungen des Films, dann wurde er 2018 auch im Fernsehen ausgestrahlt, und es gab ein großes Echo für die Gedenkstätte, die in Wehnen zur Erinnerung an die Opfer der Krankenmorde besteht. Eine konkrete Folge war eine Anzeige wegen Mordverdachts gegen das Personal der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen.
Frage: Das waren aber nicht die ersten Ermittlungen?
Harms: Die allerersten Ermittlungen hat die Oberstaatsanwaltschaft Hannover 1948 aufgenommen, als die letzten Krankenmorde gerade mal ein Jahr zurücklagen. Es ist eine umfangreiche Ermittlungsakte entstanden, die aber nicht zur Anklage geführt hat. Warum das Verfahren eingestellt wurde, ist nicht nachvollziehbar.
Frage: Hätte man damals nicht alle Täter vor Gericht stellen können?
Harms: Genau, außer dem Direktor der Anstalt, der sich 1948 durch Suizid der Verantwortung entzogen hat, lebten noch alle Verantwortlichen. Nachdem die Krankenmorde historisch aufgearbeitet wurden, haben sich Angehörige entschlossen, Anzeige zu erstatten. Das war 1990. Einer der Beschuldigten in dem Verfahren war ein Arzt. 1992 sind die Ermittlungen eingestellt worden. Die nächsten Ermittlungen sind 1997 ebenfalls nach einer Anzeige durch Angehörige erfolgt. Auch die sind eingestellt worden. All diese Ermittlungen erfolgten zu einer Zeit, als man juristisch die Auffassung vertreten hat, dass man auch bei systematischen Massenmorden eine konkrete Tat braucht, für die ein konkreter Täter verantwortlich gemacht wird.
Frage: Bei Nazi-Verbrechen gibt es mittlerweile die Auffassung, dass auch ein Schreibtischtäter für das Funktionieren der Mordmaschinerie verantwortlich war. Im Fall Wehnen offenbar zu spät?
Harms: Das hat der Staatsanwalt, der die Ermittlungen jetzt führte, auch deutlich gemacht. Dass er es für richtig hält, unter diesen Aspekten die Ermittlungen erneut zu eröffnen. Es gibt eine Person, die noch lebt, aber fast 100 Jahre alt und dement ist. Gleichwohl wurde sie von der Staatsanwaltschaft gehört. Das war das vollständige und endgültige Ergebnis der Ermittlungen.
Frage: Was können wir daraus lernen?
Harms: Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, aber für die strafrechtliche Verfolgung der NS-Krankenmorde zu langsam.
Frage: Demnach kam es auf ein Symbol an?
Harms: Genau. Die Anerkennung für die Opfer ist sehr, sehr spät gekommen. Nebenbei gesagt: Es gibt keine Anerkennung der Euthanasieopfer als Verfolgte des Nazi-Regimes. Es gibt nur eine Art Ersatzregelung. Für die Angehörigen der Opfer ist das schwer zu akzeptieren.

Euthanasie

Der Medizinhistoriker Dr. habil. Ingo Harms hat mehrere viel beachtete Studien zur Euthanasie in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Wehnen veröffentlicht. Dort starben in den 30er und 40er Jahren 3000 Patienten – sie verhungerten.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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