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NWZonline.de Region

Die Letzte macht die Tür zu

24.12.2015

Schwichteler /Lanz Irgendwann kommende Woche, wahrscheinlich an Silvester, wird Schwester Cherubine Kemper die Pforte des Christinenhofs in Cappeln-Schwichteler abschließen – und gehen. Sie wird vielleicht noch einige Tage im Pfarrhaus wohnen, um sich auszuruhen von den anstrengenden Wochen, die hinter ihr liegen. Aber nicht mehr lange, dann besteigt Schwester Cherubine einen Zug, der sie nach Süden bringt. Ihr Ziel ist das Kloster Ilanz in der Schweiz, das Stammhaus ihres Ordens.

Wenn Schwester Cherubine die Tür hinter sich abgeschlossen hat, endet eine mehr als 80-jährige Epoche, sind die Ilanzer Dominikanerinnen im Oldenburger Münsterland Geschichte.

„Ich muss sortieren, was hierbleibt, was mitgeht, was verschenkt wird.“ Nachdenklich betrachtet Schwester Cherubine ein Bücherregal im Obergeschoss. So wenig Zeit, die übrig ist – und noch so viel zu tun.

Bis gestern waren zwölf Mitschwestern aus Ilanz zu Besuch. Es wurde viel geredet, gelacht, gebetet. Jetzt ist Schwester Cherubine allein, mit ihren 75-Jahren, der starken Erkältung und der ganzen Büroarbeit.

Nach über 25 Jahren muss Schwester Cherubine den Christinenhof und Südoldenburg verlassen. Traurig ist sie schon ein bisschen.

„Abschied ist nicht mein Thema, das kann ich nicht gut“, sagt die Ordensschwester tapfer. „Für mich war das wichtigste hier, für die Menschen da zu sein.“

Die Menschen im Dörfchen Schwichteler sind auch für sie da. Beim Abschiedsgottesdienst Mitte Dezember ist die St. Marien-Kirche voll besetzt. Schwester Cherubine ist so gerührt, dass ihr die Stimme versagt. Die Dankesworte muss sie verlesen lassen.

„Unsere personelle Situation lässt eine Fortführung des Konvents nicht zu“, begründete die Generalpriorin der Ilanzer Dominikanerinnen, Schwester Annemarie Müller, den Weggang aus Schwichteler.

„Jahrelang habe ich versucht, eine Nachfolgerin zu finden“, sagt Schwester Cherubine. „Aber es gibt keine Schwestern mehr hier.“

Natürlich spielt Geld eine Rolle. Die Einnahmen reichen nicht, um den Christinenhof zu halten. „So ein Haus kann man nicht kostendeckend führen“, sagt Schwester Cherubine. Trotz rund 4000 Gästen im Jahr.

Seit 1934 waren über 80 Schwestern in Schwichteler tätig. Das Kloster war Krankenhaus, später Altenheim, auch Waschhaus und Entbindungsstation. Seit eineinhalb Jahren ist Schwester Cherubine die letzte Ordensfrau hier.

Unten im Haus wird es plötzlich etwas lauter. Eine Seniorengruppe trifft sich wöchentlich auf dem Christinenhof. Normalerweise zu Gymnastik und Gedächtnistraining. Heute einfach nur zu Kaffee und Kuchen.

In einem anderen Raum versammeln sich jüngere Menschen zum Gesprächskreis. „Die Ü 27“, schmunzelt Schwester Cherubine, die überall mit strahlenden Augen begrüßt wird. „Ich komme später zu euch“, sagt sie. 25 Jahre gelebte Nächstenliebe machen sich bezahlt.

800 Jahre alt

Der Orden der Dominikaner, auch Predigerorden, besteht seit 800 Jahren. Gründer und Namensgeber ist der heilige Dominikus, der 1170 in der kastilischen Ortschaft Caleruega geboren wurde.

Die Brüder des Ordens waren vom Papst beauftragt, die Ketzerei zu bekämpfen und den Glauben zu predigen. Sie erhielten dazu die Erlaubnis, als Wanderprediger ein Leben in religiöser Armut zu führen. Dominikaner waren an Inquisition und Hexenverfolgung beteiligt.

Alle Brüder und Schwestern des Ordens tragen Verantwortung und haben ein Mitspracherecht auf allen Ebenen. Obere werden nur auf Zeit gewählt. Die Mitglieder leben in Klostern zusammen.

Am 1. Februar 1989 erhält Schwester Cherubine von ihrer Ordensgemeinschaft den Auftrag, im Schwichteler Kloster eine Bildungsstätte einzurichten. Sie nennt sie „Christinenhof“, alter Name der Klosterlandwirtschaft.

„Da hing ein Zettel an der Tür: Bitte nicht stören, wir meditieren“, erinnert sich Schwester Cherubine an die Anfangszeit. Das hat sie geärgert. „Das ist nicht dominikanisch. Ich wollte etwas mit Menschen zu tun haben.“

Mit einem Gesundheitskurs fängt es an, später kommen Pflegebegleitung, Trauergruppen, Yoga und vieles andere dazu. Zuletzt sind es 250 Kurse jährlich. Das Kloster wird renoviert, die ehemaligen Klosterzellen zu Gästezimmern umfunktioniert, ein Wintergarten als Seminarraum angebaut.

„Irgendwann hat hier alles angefangen zu leben“, erzählt Schwester Cherubine. Sie besorgt Geld und Helfer. Wünsche kann man ihr offenbar schwer abschlagen. Chauffeur oder Gärtner nötig? Ein oder zwei Anrufe genügen.

Oder wie es in einem Büchlein über die Kirchengemeinde St. Marien heißt: „Das richtige Gespür für die Programmgestaltung und das kaufmännische Geschick von Schwester Cherubine ließen die Besucherzahlen schnell steigen.“ Die kleine Bildungsstätte wird schnell über Südoldenburg hinaus bekannt.

„Ich hab Karriere gemacht“, sagt Schwester Cherubine mit einem schelmischen Lächeln.

In einem Seminarraum stehen zwei merkwürdige Engelsfiguren. Jede hat nur einen Flügel. Kaputt gegangen. Schwester Cherubine mag die Engel, weil sie zu ihrem Thema passen. „Man kann nicht alleine in den Himmel kommen.“ Die Nachbarn sind wichtig, die Mitreisenden.

„Man kann die Nachbarschaft nicht erst pflegen, wenn man sie braucht“, mahnt Schwester Cherubine. Die Nachbarn in Schwichteler haben ihr ein selbst gemachtes Buch zum Abschied geschenkt. „Wir werden dich vermissen“, steht da.

Schwester Cherubine kommt 1940 in Havixbeck im Münsterland zur Welt. Die Eltern sind Wirtsleute, arbeiten bis spätnachts in der Kneipe, versorgen frühmorgens das Vieh, gehen dann in die Kirche. Das imponiert der Tochter. „Meine Eltern haben über Religion nicht gesprochen, aber sie gelebt. Das fehlt heute.“ Außer vielleicht in Südoldenburg.

Das junge Mädchen will eine Hotel-Ausbildung machen. Doch die Mutter ist besorgt, bittet einen bekannten Dominikaner um Hilfe. „Ich muss wohl sehr wild gewesen sein.“ Die Monate bei den Dominikanern im Kloster Walberberg verändern alles.

„Die Dominikaner sind Menschen, die mitten im Leben stehen, nicht so weltfremd“, sagt Schwester Cherubine. Mit 19 Jahren tritt sie 1959 ins Kloster Ilanz ein, wird zur Krankenschwester ausgebildet und später in Zürich auch zur Röntgenassistentin. Sie arbeitet in Luzern (Schweiz) und Strunz (Österreich), bis sie nach Schwichteler gerufen wird, vor über 25 Jahren.

Und jetzt?

Die Dominikaner haben ihren Besitz an den Christinenhofverein übertragen. Die Caritas will dort künftig unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Syrien unterbringen. Schwester Cherubine ist glücklich darüber. „Für mich ist jeder Mensch wichtig, die Religion ist nicht entscheidend.“ Sie freut sich auch, dass ihre treuen Mitarbeiterinnen übernommen werden.

Und Schwester Cherubine?

Macht sich bald auf den Weg vom norddeutschen Flachland in die Schweizer Berge, ins 700 Meter hoch gelegenen Ilanz im Kanton Graubünden. Sie wird vorher noch ihre Schwester in Havixbeck besuchen und weiterfahren, wenn sie bereit ist für den Schritt.

Schwester Cherubine freut sich auf ihre 120 Mitschwestern, auf mehr Zeit für Besinnung und Gebet, auf den Urlaub, der lange fehlte. Eine konkrete Aufgabe hat sie noch nicht. „Im Mutterhaus ist alles ganz genau geregelt. Irgendwas macht jeder“, sagt sie. Mit 75 ist sei eine der Jüngeren in Ilanz.

Einen Tag später ruft Schwester Cherubine noch einmal an. „Ich werde alle Abschiedsbriefe persönlich beantworten“, sagt sie. Die Unzähligen. Nach Weihnachten.

Dann wird Schwester Cherubine abschließen – und gehen.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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