Oldenburg - Die Angst sitzt immer im Nacken: Beim Kohlfahrt-Spielchen, im Sportverein, bei der Arbeit oder auf dem Amt – was tun, wenn plötzlich jemand den Stift rüber reicht und sagt: „Schreib mal auf“? Wie kräftezehrend der Graus vor dieser ganz alltäglichen Situation ist, kann nur nachvollziehen, wer selbst Analphabet war oder ist. Allerdings: Das sind viele.
7,5 Millionen Menschen in Deutschland haben Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Eine Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2011 offenbarte, wie hoch die Zahl tatsächlich ist, bis dahin gingen Schätzungen von rund vier Millionen funktionalen Analphabeten (siehe Info-Kasten) aus.
Jedem siebten Erwachsenen in Deutschland sitzt damit tagtäglich die Panik im Nacken, dass er auffliegt, seine Schwäche offenkundig wird, alle Umstehenden ihn peinlich berührt anschauen. Das ist vor allem deshalb so tragisch, weil es Hilfe gibt. Menschen, die dieselben Qualen durchlebt haben und heute voller Mitgefühl erzählen, wie schrecklich das Leben ohne und wie schön es mit Schrift ist. Vor etwa fünf Jahren haben Brigitte van der Velde (63) und Ernst Lorenzen (60) die ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg gegründet, die sich jeden ersten Montag im Monat in der Volkshochschule (VHS) in der Karlstraße 25 in Oldenburg trifft.
Ständiges Versteckspiel
Die Begegnung mit den beiden macht deutlich, wie unbegründet eventuelle Vorbehalte gegenüber Menschen mit Lese- und Schreibschwäche sind. Brigitte van der Velde hatte wegen einer Hirnhautentzündung früh Lernschwierigkeiten, Ernst Lorenzen kam anfangs in der Schule nicht so gut mit und wurde in die letzte Bank verbannt. Fatale Weichenstellungen für das Selbstwertgefühl. „Das ist ein Systemfehler, dass der Lese- und Schreiblernprozess im Prinzip im dritten Schuljahr als abgeschlossen gilt. Wer bis dahin nicht soweit ist, für den ist der Zug abgefahren, der hängt immer hinterher“, sagt Bildungsmanager Achim Scholz vom Grundbildungszentrum der VHS Oldenburg.
Die Gründer der Selbsthilfegruppe machen deutlich, wie viel Kraft das permanente Versteckspiel kostet. „Ich habe ständig versucht vorherzusehen, wo Gefahren lauern“, sagt Brigitte van der Velde, die heute Frührentnerin ist und früher 25 Jahre in einer Fabrik für Elektroartikel in der Wesermarsch am Band gearbeitet hat. Einmal gelang das nicht, eine Kollegin fiel aus, kurzfristig sollte van der Velde einspringen und ein Protokoll führen. „Das hat mich kalt erwischt, ich wurde ohnmächtig.“ Viele Jahre hat sie sich durchs Leben laviert, doch mit der zunehmenden Automatisierung in der Arbeitswelt war ihr irgendwann klar: „Ich kann das nicht bedienen, ich schaffe das nicht.“ Statt sich zu outen und eine Entlassung zu riskieren, kündigte sie ihren gut bezahlen Job selbst, „um der Peinlichkeit zu entgehen“.
Der Verlust der Stelle belastet die Ehe, als diese scheitert, ist für Brigitte van der Velde klar: „Ich ziehe da hin, wo ich zur Schule gehen kann.“ So kam sie nach Oldenburg, besuchte zweimal die Woche einen Abendkursus bei der Volkshochschule. Über ihre erste Stunde im „Alphakurs“ mit 45 Jahren sagt sie: „Der ganze Druck, die unendliche Scham, all die Hemmungen und Verletzungen, die Peinlichkeiten und der Seelenschmerz waren von mir gewichen in dieser ersten Stunde meines neuen Lebens.“ Sie ließ ihren Tränen in der Runde freien Lauf.
Meine erste Stunde im Alphakurs (von Brigitte van der Velde aus dem Jahr 2009)
Die Erleichterung, das große Glücksgefühl über sein neues Leben mit Spaß an der Schrift kennt auch Ernst Lorenzen: „Manchmal sitze ich abends am Schreibtisch und denke: Das ist ja ein Traum.“
Freude über erste Erfolge
39 Jahre hat er als Bau- und Möbeltischler gearbeitet, allerdings vertraute er sich schon in der Ausbildung seinem Chef und dem Berufsschullehrer an. Den Spießrutenlauf vor Kunden und Kollegen bewältigte er mit einer Mappe, die als Spickzettel diente, von dem er abschrieb. „Das heißt natürlich, dass man ganz viel zu Hause nacharbeiten muss, weil alles viel länger dauert.“ Mit 55 Jahren wurde Lorenzen durch Krankheit voll erwerbsunfähig. So hatte er Zeit, einen Intensivkursus bei der VHS zu besuchen: „Das ist unfassbar, was da in den ersten Wochen und Monaten passiert“, erinnert er sich an seine Erfolgserlebnisse. „Nach zwei, drei Monaten habe ich meiner Tochter in Berlin zum ersten Mal in meinem Leben einen Brief geschrieben.“
Hören Sie die Geschichte von Brigitte van der Velde und Ernst Lorenzen in einem NDR-Beitrag
Die beiden Mutmacher sagen aber auch, dass das Lernen im Erwachsenenalter Geduld braucht. Deshalb sei die Gruppe so wichtig, die Bestätigung gibt und immer wieder vor Augen führt: Anderen geht es genauso, es ist kein Zeichen von Dummheit, wenn man nicht lesen und schreiben kann. Alle in der Gruppe kennen den Frust am Fahrkartenautomaten, verpasste Förderchancen wegen unausgefüllter Formulare oder das schmerzliche Gefühl, bei Vertragabschlüssen übervorteilt zu werden.
Wie fahre ich mit dem Zug, wenn ich nicht lesen kann? (Rückblick von Brigitte van der Velde, 2009)
Unterstützung wichtig
Mit ihren Erfahrungen sind van der Velde, die vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung 2012 als Botschafterin ernannt wurde, und Lorenzen deutschlandweit als Vortragende gefragt, beispielsweise bei der Frankfurter Buchmesse. Sie halten Workshops und vermitteln Integrationsberatern bei den Arbeitsagenturen, wie sie gravierende Lese- und Rechtschreibschwächen bei ihren Kunden erkennen und diese sensibel zur Sprache bringen. Denn: Die Betroffenen seien auf Ermutigung und Hilfe aus dem Umfeld angewiesen, durch Kollegen, Freunde oder aus dem Familienkreis, sagt van der Velde. „Viele wünschen sich, darauf angesprochen zu werden.“ Mit Unterstützung und den nötigen Informationen fänden sie den Weg in die Selbsthilfegruppe und einen Alphabetisierungskurs. Und in gemütlicher Runde können sie lernen, dass man über verkorkste Wörter wunderbar lachen kann. Die ABC-Selbsthilfegruppe ist zu erreichen unter Tel. 0176/9074 8649.
Hilfreiche Links
ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg
Alphabetisierung und Grundbildung an der VHS Oldenburg
