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NWZonline.de Region

Ovelgönnerin Erobert Männerdomäne: Muddis an die Maschinen!

06.06.2015

Oldenburg /Berne Ein notorisches Summen ist aus der Fertigungshalle zu hören. Kaltes Licht lässt die großen Maschinen bei der Firma Benken in Oldenburg silbern schimmern. Das Kreischen der Geräte wird nur unterbrochen von den kurzen Zurufen der Mitarbeiter – Männerstimmen. Die Fertigungshalle ist eine Männerdomäne.

Doch einige Gänge entlang und hinter großen Maschinen versteckt steht in einer Ecke der Halle eine Frau hinter der CNC-gesteuerten kleinen Kantbank. „Am Anfang war es schwierig. Da haben die Kollegen mich gar nicht akzeptiert, und jetzt sind wir die besten Freunde“, sagt Marion Lüttmann aus Ovelgönne (Wesermarsch). Schrauben, Bohren, Verdichten, Versiegeln, Endmontage – das sind dort die Aufgabenfelder. In ihrem Arbeitsbereich ist die Mutter die einzige Frau. Sie habe sich durchgebissen, sagt die 47-Jährige und legt ein Stahlteil in der Kantbank zurecht. Sie arbeitet als Maschinen- und Anlagenbedienerin für Metall- und Kunststofftechnik. Die fertigen Teile gehen in die Automobil- und Fahrradindustrie. Seit April 2014 ist sie fest angestellt.

Dabei konnte die 47-Jährige vorher weder bohren noch sägen. Nach der Schule hatte sie zunächst Apothekenhelferin gelernt, geheiratet und Kinder bekommen. „Jetzt sind sie groß und ich habe Zeit“, sagte sich Lüttmann. Sie wollte wieder arbeiten. Die Agentur für Arbeit riet zur Umschulung als Köchin oder Altenpflegerin. „Das kam für mich nicht in Frage. Malen und Tapezieren hätte ich mir eher vorstellen können.“ Ein Metallberuf sei gar keine Option gewesen. „Das ist zu schwer“, dachte Lüttmann. Doch sie ging zur Infoveranstaltung im August 2013. Ausbilder Jochen Beneken erzählte im Ausbildungszentrum „Halle 21“ in Brake vom Bohren, Senken und Feilen – aber auch von Wirtschafts- und Sozialkunde, technischen Zeichnungen.

Lüttmanns Interesse war geweckt. „Ich fange das an und ziehe das durch“, nahm sie sich vor. War zunächst die heimische Werkstatt Rückzugsort ihres Mannes, nutzte auch Lüttmann sie nach ihrer Umschulung immer häufiger. Seitdem werde die Tür dazu abgeschlossen. „Die Rollen sind nun vertauscht: Mein Mann ist Bäcker und ich arbeite im Metallbereich.“

Die Ovelgönnerin ist eine von zehn Frauen zwischen 30 und Anfang 50, die an dem EU-Projekt „FiT – Frauen in Technik“ erfolgreich teilgenommen haben. Die Zeit & Service Beschäftigungsförderungsgesellschaft des Landkreises Wesermarsch startete es im September 2013. Finanziert wurde die 16-monatige Umschulung auch von der N-Bank. Im Januar bestanden die Frauen vor der Industrie- und Handelskammer (IHK) Oldenburg ihre Prüfungen zur Maschinen- und Anlagenführerin. Inzwischen sind acht der zehn Frauen in ein Arbeitsverhältnis gewechselt, zwei befinden sich noch im Bewerbungsverfahren.

Ausbildungsleiter Beneken war positiv vom Ehrgeiz der Frauen überrascht, hatte er doch am Anfang erst Bedenken. „Frauen und Technik – da treffen sich zwei Welten“, dachte er. Doch die Teilnehmerinnen seien ehrgeiziger und entschlossener gewesen als ihre männlichen Vorgänger. „Vom ersten Tag an waren sie eine Gruppe und sahen die Ausbildungswerkstatt als ihre Firma an“, sagt der Ausbildungsleiter. Zum Teil hätten keinerlei Vorkenntnisse bestanden. „Ich musste teilweise links und rechts erklären“, sagt Beneken und lacht. Dabei gab es einen strikten Lehrplan: drei Tage Praxis, zwei Tage Theorie. „Das Ziel war die Prüfung bei der IHK.“

Das Projekt richtet sich an Frauen, die nach Kinderbetreuung, Arbeitslosigkeit, ungelernten Aushilfstätigkeiten oder Migrationshintergrund einen beruflichen Neustart wagen wollten. „Viele Betriebe trauen Frauen weniger zu. Die Hemmschwellen sind groß“, so Geschäftsführer Heinz May von Zeit & Service.

„Wenn es dieses Projekt nicht gegeben hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, einen solchen technischen Beruf zu ergreifen“, sagt auch Lüttmann. Seitens der Unternehmen gebe es Stigmata, erklärt May. „Nicht jeder Betrieb ist offen.“ Nicht so die Oldenburger Firma Benken: „Wir haben gute Erfahrungen gemacht und würden es sofort wieder versuchen“, sagt Geschäftsführer Peter Benken.

Auch Daria Jauernig aus Burhave (Wesermarsch) schaffte den Sprung ins Berufsleben. „Aber ohne die Unterstützung der Betreuer hätten wir nicht so gut abgeschnitten“, sagt die 35-Jährige, während sie die großen Aluminiumplatten aus der Fräsmaschine wuchtet. Jauernig arbeitet bei der Firma Aljo Aluminium-Bau in Berne in der Zerspanung. Sie steht am Bedienpult der Fräsmaschine und fertigt Teile für das Mobiliar von einem Camper. „Meine Familie ist stolz auf mich“, sagt Jauernig. Nach rund einer halben Stunde ist eine Platte ausgefräst. Dann entfernt sie per Druckluft die Metallreste. Trotz Schichtdienst und der Berufstätigkeit ihres Mannes lassen sich Job und Kinder vereinbaren, ist sie überzeugt. „Wenn man etwas will, ist alles machbar“, sagt die zierliche Frau und wendet sich wieder der meterlangen Maschine zu.

Sie bestand die praktische Prüfung vor der IHK als Einzige mit der Note 1. Auch Jauernig konnte sich zunächst die Arbeit an großen metallverarbeitenden Maschinen nicht vorstellen. Die in Polen geborene vierfache Mutter bekam 2000 ihr erstes Kind. Bis 2008 war sie Hausfrau, arbeitete dann in Minijobs in Hotels als Reinigungskraft oder im Restaurant. „Als Jugendliche habe ich keinen Schulabschluss gemacht. Das machte mir schon Sorgen.“ Auch wegen sprachlicher Probleme traute sie sich zunächst nicht an eine verantwortungsvollere Arbeit heran, aus Angst, nicht verstanden zu werden. Vor allem das Lernen auch privat in der Gruppe half ihr, den theoretischen Stoff zu bewältigen.

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„Durch das Projekt haben wir dokumentiert, dass Frauen nicht nur für Hilfsjobs qualifiziert sind, sondern auch Fachkraftaufgaben leisten können“, sagt May. Frauen würden ermutigt, über ihren Tellerrand zu schauen und nicht nur 400-Euro-Jobs auszuüben oder Saisonarbeiten zu erledigen. Auch dem Fachkräftemangel könne man so begegnen. Im Dezember 2014 sind wieder 15 Frauen in eine Umschulung gestartet. „Technische Berufe sind eine klassische Männerdomäne. Es gibt nach wie vor ein anhaltendes Interesse daran“, sagt Claudia Zimmermann, Sprecherin der Agentur für Arbeit in Oldenburg. Vereinzelt gebe es auch Frauen, die die Berufe spannend finden.

Sowohl Jauernig als auch Lüttmann ermutigen andere Frauen, den Mut für den beruflichen Neustart aufzubringen. „Auch ich brauchte einen Anstoß von außen wie dieses Projekt“, sagt Lüttmann und greift zum Messschieber, um das Stahlstück auszumessen.

Tanja Henschel Barßel / Redaktion Münsterland
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