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NWZonline.de Region

Gleichgeschlechtliche Paare Mit Kind: Eine ganz normale Familie – mit zwei Mamas

06.08.2016

Oldenburger Land Leila wippt auf ihrem Schaukelpferd hin und her. Pausenlos lacht und brabbelt sie vor sich hin. Manchmal sagt das zehn Monate alte Mädchen auch schon Silben, die wie Worte klingen – „Mama“ zum Beispiel. Doch ein Wort wird Leila vorerst nicht sagen – Papa. Denn Leila hat keinen Papa, sie hat zwei Mamas.

Miray* ist in Elternzeit, Carolin* arbeitet. Zu dritt sind sie eine sogenannte Regenbogen-Familie. „Nicht so wild, sonst fällst du runter und weinst“, ermahnt Miray ihre Tochter. Unbeeindruckt schaukelt Leila weiter und strahlt übers ganze Gesicht. Sie hat die dunklen Augen Mirays, aber ihre Wimpern sind noch dichter und länger. Miray, 28 Jahre, hat Leila zur Welt gebracht, Leilas Vater ist ein Samenspender.

Eine Familie zu gründen, das Ziel stand für Miray und ihre 33-jährige Partnerin früh fest. „Ungefähr ein Jahr lang haben wir geplant“, sagt Miray. Am Anfang stand eine Internetrecherche. „Wir haben uns erkundigt, welche Möglichkeiten wir haben, wie die Lage in Deutschland aussieht und wie in anderen Ländern“, erklärt sie. In Deutschland bewegt sich ein lesbisches Paar mit Kinderwunsch in einer Grauzone.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für ein gleichgeschlechtliches Paar sind komplex: Eine Frau darf sich in Deutschland zwar künstlich befruchten lassen, jedoch gibt die Bundesärztekammer vor, dass sie dafür Ehefrau sein muss. Das schließt ein lesbisches Paar aus. Denn die eingetragene Lebenspartnerschaft unterscheidet sich von der Ehe.

Miray und Carolin entschieden sich für eine Klinik in Dänemark. „Es gibt zwar einige wenige Kliniken in Deutschland, die auch lesbische Paare oder Alleinerziehende betreuen, aber uns hat die Klinik in Dänemark am meisten zugesagt. Dort ist alles weniger bürokratisch“, erklärt Miray. Die Wahl fiel auf die Diersklinik in Århus. „Wir hatten Glück, und es hat direkt beim zweiten Mal geklappt“, sagt Miray. Sie schaut ihre Tochter an, die sich mittlerweile in akrobatischer Meisterleistung ihren eigenen Fuß in den Mund gesteckt hat. „Da haben wir dich abgeholt, nicht? Bei Sturm, Regen und Hagel mitten im Januar“, sagt sie. „Das war ein Sonntag.“

Miray und Carolin haben sich für einen offenen Samenspender entschieden, der über die Schwangerschaft informiert wird. Das bedeutet, Leila darf ihn kennenlernen, sobald sie 18 Jahre alt ist.

Die Schwangerschaft verlief unproblematisch. Manchmal hätten die Leute zwar ein wenig irritiert reagiert, erzählt Miray, aber sie hätten nur wenig Diskriminierung erlebt. „Nur ein Vertretungsarzt hat mich beschimpft, als ich bei ihm war. Er war schon älter, und ich war wahrscheinlich die erste schwangere, lesbische Frau in seiner Praxis.“ Als sie nach Hause kam, weinte sie. Zu ihm ging sie nie wieder.

Die drei wohnen in einer Mietwohnung, schauen sich aber nach etwas Größerem um. Ein Garten für Leila wäre schön. Momentan müssen noch Park und Spielplatz herhalten.

Die bürokratischen Hürden sind nach der Geburt nicht kleiner geworden. Miray ist Leilas leibliche Mutter – und auf dem Papier alleinerziehend. Carolin ist rechtlich kein vollwertiger zweiter Elternteil. Kürzlich standen die zwei wieder vor einer Herausforderung – ein Krippenplatz für Leila. Was aber, wenn Leila sich verletzt? Darf Carolin Entscheidungen treffen?

Auf etwas weniger Bürokratie können gleichgeschlechtliche Pflegeeltern nun hoffen. Ein aktuelles Urteil des Amtsgerichts München von diesem Freitag entschied, dass zwei Pflegemütter gemeinsam die Vormundschaft für ein Kind übernehmen dürfen. Dies war bislang schwierig. Das Urteil betrifft zwei Frauen, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft leben und die Vormundschaft für ihren zehnjährigen Pflegesohn übernehmen möchten.

Ein Pflegekind ist für ein schwules männliches Pärchen eine Möglichkeit, ein Kind großzuziehen. Sonst ist es in Deutschland schwierig, da eine Leihmutterschaft hier nicht erlaubt ist. Daher leben in Deutschland mehr homosexuelle Frauen als Männer mit Kindern, wie eine Studie der Universität Bamberg bestätigt.

Lena hat zwei Papas

Lena* ist in einer Patchwork-Regenbogenfamilie aufgewachsen. Als sie zehn Jahre alt war, hat ihr Vater sich geoutet und von ihrer Mutter getrennt. „Für mich war es am Anfang sehr schwer zu begreifen, was das eigentlich bedeutet“, sagt sie. „Als mein Vater das erste Mal in der Öffentlichkeit einen anderen Mann geküsst hat, war es ungewohnt und auch etwas unangenehm. Allerdings habe ich mich nie vor ihm geekelt oder ihn deswegen weniger gemocht, ich musste lernen, mit der Situation umzugehen.“

„Mein zweiter Daddy trat in mein Leben, als ich 14 war“, sagt Lena. Sie zog zu ihrem Vater, und ein Jahr später kam auch der neue Partner ihres Vaters dazu. „Da war ich voll in der Pubertät und für beide nicht leicht zu ertragen“, sagt sie und lächelt. Aber die Differenzen, die sie mit dem neuen Partner hatte, hätte sie genauso mit einer neuen Frau gehabt, da ist sie sich sicher. „Ich habe ihn nicht als Autoritätsperson wahrgenommen.“

Mittlerweile haben die drei ein sehr inniges Verhältnis. „Ich habe deswegen nie Konflikte im Freundeskreis oder in der Schule erlebt. Und ich bin stolz auf meine beiden Väter. Seit einem Jahr sind sie glücklich verheiratet und beide ein sehr fester Bestandteil meines Lebens“, sagt Lena. Sie spricht von ihrem neu verheirateten Vater, jedoch hat er offiziell seine Lebenspartnerschaft eintragen lassen.

Die Studie der Uni Bamberg bestätigt Lenas Wahrnehmung: Kinder, die mit zwei gleichgeschlechtlichen Elternteilen oder neuen Partnern der Eltern aufwachsen, haben ein hohes Selbstwertgefühl und sehen sich als offene, tolerante und selbstständige Menschen an.

Leila hat mittlerweile keine Lust mehr zu schaukeln. Sie sitzt auf Mirays Schoß und hat die Süßstoffdose entdeckt, die so schön rasselt. Ein Einzelkind soll Leila nicht bleiben. Einen Wunsch hat Miray vor der nächsten Schwangerschaft: „Es wäre schön, wenn bis dahin nicht mehr so viel Bürokratie nötig wäre. Schließlich geht es in der Erziehung eines Kindes darum, ihm Liebe und Geborgenheit mitzugeben.“ All das bekommt Leila – „Mama“ brabbelt sie wieder vor sich hin. Gleich zweimal.

*Anm. d. Red.: Die Namen der Mütter und von Lena wurden auf eigenen Wunsch hin geändert.

Lina Brunnée Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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