Varel - Etliche Patienten, die die Notaufnahme des St.-Johannes-Hospitals Varel aufsuchen, könnten sich – und vor allem den Medizinern vor Ort – den Weg sparen. Denn: „Nur etwa zehn Prozent aller Patienten gelten als echte Notfälle. Die übrigen könnten zum Hausarzt oder Facharzt gehen“, stellte Steffen Ulbrich, leitender Oberarzt der Zentralen Notaufnahme des Vareler Krankenhauses, auf Nachfrage unserer Redaktion klar. Bedeutet: Von den rund 10.000 Menschen, die im Jahr 2022 die Notaufnahme aufgesucht haben, litten 9000 an Krankheiten und Blessuren, die nicht unter die Kategorie Notfall fielen.
Symptome schwer zu deuten
Für Ulbrich ist klar: Das Laienverständnis für Schmerzen und Verletzungen hat stark abgenommen. „Viele Hausmittel und Tipps, die früher von Generation zu Generation weitergegeben wurden, gehen in unserer modernen Gesellschaft immer mehr verloren. Wickel und Kompressen bei Hals- oder Gelenkbeschwerden kennen viele nicht mehr. Aus der Not heraus kommen die Menschen dann in die Notaufnahme, um Hilfe zu suchen, was nicht immer verhältnismäßig ist“, so Ulbrich weiter. „Manch einer sucht auch die schnelle Lösung und möchte die Verantwortung für die eigene Gesundheit abgeben.“Und: „Vielen fehlt auch das Wissen, wie leichte Verletzungen zu behandeln sind. So ist bei Sportverletzungen wenigen die Pech-Regel bekannt“, so Ulbrich. Hier steht P für Pause, E für Eis und somit Kühlung, C für Compression und H für Hochlagern.
116117 meist unbekannt
Zudem kommt ein weiterer Faktor hinzu: „Die kostenlose Rufnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes für medizinische Hilfe in der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen kennen nur wenige Menschen. Auch, dass die Telefonnummer 116117 ohne Vorwahl funktioniert und deutschlandweit gilt.“
Gefährliche Symptome
Wer unsicher ist, wann denn nun ein Besuch in der Notaufnahme angeraten ist, gibt Ulbrich eine Orientierung: „Menschen mit Atemnot, Schmerzen in der Brust oder im Rücken zwischen den Schulterblättern, plötzliche Komplikationen während einer Schwangerschaft, Bewusstlosigkeit, Sprachstörungen und einseitigen Lähmungen, größeren Verbrennungen, Vergiftungen, anhaltenden Krämpfen, Knochenbrüchen und sehr starken (Bauch-)Schmerzen sind Fälle für die Notaufnahme. Wer nur kommt, weil es gerade zeitlich passt oder eine schnelle Diagnostik gewünscht wird, bindet Kräfte, die für echte Notfälle dringend gebraucht werden.“
