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Der Oldenburger im Maschinenraum des „Kaleu“

Oldenburg 100 Jahre alt soll dieser Mann sein? Aufrecht steht Friedrich Grade in der Tür, schlank, wache Augen, mit festem Händedruck begrüßt er den Reporter. Wortlos schaut er zu, wie der in seinem Zimmer Kamera- und Tontechnik ausbreitet. Dann urteilt er anerkennend: „Die Steckdosen haben Sie ja sofort alle gefunden.“

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Mannschaft und Technik im Blick zu haben, das war die Aufgabe Friedrich Grades an Bord von U 96, besser bekannt als „Das Boot“. Technik war es, die ihn von Kindesbeinen an begeisterte, und Technik interessiert ihn auch heute noch. Gut möglich, dass sein Vater Walter Grade, Oberingenieur und Dozent an der Höheren Technischen Lehranstalt für Hoch- und Tiefbau, der Städtischen Baugewerkschule Oldenburg, einigen Anteil daran hatte. Mitte der 1920er Jahre war die Familie von Rendsburg zunächst nach Varel, ab 1929 nach Oldenburg gezogen.

Sohn Friedrich, Jahrgang 1916, besuchte nacheinander die Oberrealschule Varel, das heutige Lothar-Meyer-Gymnasium, und die Städtische Oberrealschule zu Oldenburg, das heutige Herbartgymnasium. Das „Reifezeugnis“ dieser Schule vom 27. Februar 1934 gibt die Richtung für sein Berufsleben vor: „Gut“ in Mathe, Physik und „Leibesübungen“, „genügend“ oder gar „nicht genügend“ die übrigen Fächer. „Ich habe nie mehr getan als notwendig“, erinnert sich Friedrich Grade in seinem Zimmer im Seniorenstift. Es ist das einzige Interview, das er jemals geben wird.

Nach dem Abitur zur Kriegsmarine

Seine Eltern lassen ihn seinen eigenen Weg gehen. Auf der Koje von U 96 notiert er des Nachts: „Was ich tat, war immer gut und richtig.“ Die besten Anlagen von „Vati“ und „Mutti“ habe er „abgeebbt“: „Ich bin zur Bescheidenheit, zur Ehrlichkeit und Anständigkeit erzogen worden, und man hat Ehrgeiz in mir geweckt.“

Gleich nach dem Abitur beginnt Friedrich Grade seine Ausbildung zum Technischen Ingenieur bei der Kriegsmarine. Im Sommer 1940 wird er als Leitender Ingenieur (LI) auf U 96 beordert, das in Kiel in Dienst gestellt wird. Da befindet sich Nazi-Deutschland bereits im Krieg.

Bis Dezember 1941 bleibt Grade sieben Feindfahrten lang an Bord. Vom ersten Tag an führt er privates Tagebuch. Das ist streng verboten. Das Oberkommando der Kriegsmarine droht Offizieren, die die Geheimhaltungs-Vorschriften missachten, mit „äußersten Konsequenzen“.

Grade schreibt trotzdem. Tag für Tag, Fahrt für Fahrt führt er Tagebuch, füllt sieben kleine Oktavheftchen. Niemand weiß von ihnen, lebenslang nicht einmal seine Frau, die er 1941 heiratet.

Im Herbst jenes Jahres besteigt Lothar-Günther Buchheim, Kriegsmaler und Angehöriger einer Propagandakompanie der Kriegsmarine, U 96. Seine Eindrücke dieser siebten Feindfahrt vom 27. Oktober bis 6. Dezember 1941 verarbeitet er drei Jahrzehnte später zu seinem literarischen Welterfolg „Das Boot“ (1973). Der gleichnamige Film von Wolfgang Petersen aus dem Jahr 1981 basierte auf dem Roman. Der „LI“ nach dem Vorbild Grades ist eine der wichtigsten Figuren in Buch und Film; im Film spielt Klaus Wennemann („Der Fahnder“) die Rolle.

Buch und Film lösten seinerzeit einen heftigen gesellschaftlichen Diskurs aus. Wie real sind Buch und Film? Wer waren die U-Boot-Männer: Täter oder Opfer, verbohrte Nazis oder gar Helden? Die Tagebücher Friedrich Grades hätten eine Antwort auf diese Fragen geben können, als einzige private Dokumente von U 96 im Hier und Jetzt der Atlantikschlacht.

Doch Grade erzählte nicht davon. „Ich hatte keine Veranlassung“, sagt er jetzt, 75 Jahre später. Denn stets hätte er sich in seinem Leben nach vorne orientiert, „vorbei ist vorbei“. Und Grade erinnert sich an das Jahrhundert seines Lebens, das ihm wenig Zeit für das Gestern gelassen hätte.

Anders als in Buch und Film überstand U 96 die siebte Feindfahrt. Für Grade folgen zwei Fahrten mit U 183, bevor er von 1943 bis Kriegsende als technischer Ausbilder der Unterseeboot-Ausbildungsflottille arbeitet.

Filmproduktion wollte Grade als technischen Berater

Während seine Eltern und seine Schwester lebenslang in Oldenburg-Eversten wohnhaft blieben, schulte Friedrich Grade nach dem Krieg in seiner Wahlheimat Eckernförde zum Technischen Exportkaufmann in der Spedition seines Schwiegervaters um. Kurz nach Gründung der Bundeswehr, 1958, zog er mit seiner Familie (ein Sohn, eine Tochter) nach Bonn. Im Rang eines Korvettenkapitäns war er im Verteidigungsministerium für die technische Entwicklung der U-Boote der Bundesmarine zuständig.

Hier holte ihn am Vorabend seiner Pensionierung die Zeit auf U 96 ein. Sie erschien in Form eines schweren Briefkuverts aus Feldafing am Starnberger See. Darin befand sich das Romanmanuskript von „Das Boot“. Lothar-Günther Buchheim hatte es Grade und dem „Alten“, dem Kapitänleutnant von U 96, Heinrich Lehmann-Willenbrock aus Bremen, zur inhaltlichen Prüfung übersandt.

Grade prüfte Zeile für Zeile, doch seine Anmerkungen fanden keinen Eingang in die Buchversion. Im Gegensatz zu zahlreichen Reaktionen jener Zeit, insbesondere der Veteranen von U 96, war das Urteil des ehemaligen „LI“ aber milde. In seiner einzigen öffentlichen Äußerung zum Thema lobte er 1976 in dem Buch „Von der Wirklichkeit des Krieges“ des Historikers Michael Salewski insbesondere „die exakte Wiedergabe technischer Details“.Es war – auch hier – vor allem die Technik, die ihn interessierte.

Wenige Jahre später fragten die Münchener Bavaria-Filmstudios den Pensionär, ob er als technischer Berater für die Dreharbeiten zum Kinofilm „Das Boot“ zur Verfügung stehen würde. Zwar fuhr Friedrich Grade nach München, sagte nach einem Tag aber schon wieder ab: „Dass man den Kopf so hängen lässt, vor allen Dingen bei Prochnow, das war nicht gut, deshalb mochte ich den Film auch nicht.“ Jürgen Prochnow spielte im Film den „Alten“, den U-Boot-Kommandanten.

In seinem Zimmer greift Friedrich „Fritz“ Grade zu einer Taschenlampe. Er hat sie selbst gebaut, aus Plastikmüll und Straßenfund. „Funktioniert“, freut er sich. „Der Leitende taucht auf mit Werkzeug in der Hand. Er ist wieder an einer Erfindung. Jeden Tag kommt er auf etwas Neues“, so beschrieb Lothar-Günther Buchheim den „LI“.

NWZ-Exklusiv: Das Tagebuch des Ersten Ingenieurs

Bis heute repariert Friedrich Grade täglich. Im seinem rheinischen Seniorenstift verwahrt er eine ganze Garage defekter elektronischer Geräte. Langeweile kennt er nicht. Seine zwei Kinder brachten neun Enkel zur Welt, die ihm unterdessen 20 Urenkel bescherten. Es sind Ingenieure darunter. Einer ist Entwicklungschef eines süddeutschen Weltmarktführers für Vakuumtechnik. „Ohne die Jugendjahre mit dem Großvater in seinem Werkkeller wäre ich nicht Ingenieur geworden“, sagt er.

Auch Benjamin Grade kennt diesen Keller. Der 38-jährige ist Leiter der Stabsstelle Recht und Compliance-Management des Klinikums Oldenburg. Mit ihm setzt sich der Name Grade in Oldenburg fort. Sein Großvater sagt im einzigen Interview seines Lebens: Vor Rendsburg, Eckernförde und Bonn sei die Stadt immer seine „Herzens-Heimat“ gewesen. Er holt eine Kiste hervor. Sieben Oktavhefte liegen darin, alle mit Bleistift beschrieben, völlig unbeschadet von Wasser und Zeit. „Unternehmung“ heißen die Feindfahrten von U 96 da.

Exklusiv erlaubt Grade dieser Zeitung nun, die Einträge seines Tagebuches vom 27. Oktober bis 6. Dezember 1941 auf den Tag genau 75 Jahre später wortgetreu zu veröffentlichen. So können sich die Leser vielleicht besser einen Eindruck davon machen, wer die Männer von U 96 wirklich waren. Wie war die Stimmung an Bord? Welche Rolle spielte der Nationalsozialismus?

Denn die Diskussion wird bald wieder an Fahrt aufnehmen: „Das Boot“ wird neu verfilmt. Im Sommer gaben die Bavaria und der Fernsehsender Sky bekannt, acht Anschlussfolgen unter gleichem Namen produzieren zu wollen. Ausstrahlungstermin wird voraussichtlich 2018 sein, das 100. Jubiläumsjahr der Bavaria.

Friedrich Grade, der letzte Überlebende von U 96, hat dieses Alter schon jetzt erreicht.