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NWZonline.de Region

Hektik und Stillstand – Für vier Wochen ein Pendler

13.10.2017

Oldenburg /Bremen Eine Distanz von 50 Kilometern sollte kein Problem sein, um ein paar Wochen lang von Bremen zu meinem Praktikum bei der Online-Redaktion der NWZ in Oldenburg zu pendeln, dachte ich. Gemütlich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren, am Bahnsteig einen Kaffee trinken und während der Fahrt die Landschaft beobachten. So war der Plan. Da man mit dem IC vom Bremer Hauptbahnhof zum Oldenburger Hauptbahnhof nur 30 Minuten braucht, sollte das machbar sein. Oder nicht?

Über die autorin

Katharina Schindler ist 20 Jahre alt, studiert im 5. Semester Kommunikations-und Medienwissenschaften an der Universität Bremen und ist acht Wochen lang als Praktikantin in der NWZonline-Redaktion tätig.

Woche 1

Dann kam er, am dritten Tag meines neuen Pendler-Lebens, und belehrte mich eines Besseren: Sturm Sebastian. Und er wütete über Norddeutschland, sodass den ganzen Tag kein einziger Zug mehr fuhr. Gestrandet in Oldenburg mit gefühlt ein paar hundert anderen Leidensgenossen, wuchs nun die Hoffnung auf einen Ersatzbus nach Bremen.

Und die Deutsche Bahn ließ uns nicht hängen: Ein Bus kam. Alle zwei Stunden.

Um mich herum genervte Gesichter von Menschen mit Koffern, Gruppenbildungen von Leuten, die in die gleiche Richtung mussten. Anders sah es bei den Berufspendlern aus: Ihre Mienen wirkten entspannt, vermutlich resigniert. Der eine oder andere tat das Dilemma schulterzuckend mit „Das kennt man ja“ ab, was mich nicht unbedingt ermutigte.

Wenn man befürchtet, nicht mehr nach Hause zu kommen, setzt der natürliche Überlebensinstinkt ein und bringt brave Bürger dazu, sich wenn es sein muss, um einen begehrten Platz im Bus zu prügeln. Eingeengt von vielen anderen, die mein Schicksal teilten, stand ich schlussendlich wie im Viehtransporter im überfüllten Bus nach Hause. Es erscheint schwer vorstellbar, dass sich jemand das dauerhaft freiwillig antut.

Über alle Dörfer fahrend bahnte sich der Bus nun seinen Weg Richtung Bremen. Ab und zu hielten wir in irgendeiner Ortschaft, um uns herum nur Wiese. „Muss hier jemand raus?“, rief der Busfahrer von vorne. „Wo sind wir denn?“ fragten wir. Eine berechtigte Frage, es war dunkel und unser Aufenthaltsort undefinierbar. „Keine Ahnung, ich fahre nur dem anderen Bus hinterher“, antwortete der arme Kerl, der normalerweise nur im Oldenburger Stadtbereich arbeitet.

Um zehn Uhr abends erreichte ich den Heimatbahnhof. Das Beste an der Sache war wohl die spätabendliche Unsicherheit, ob der Zugverkehr am nächsten Morgen wieder laufen würde. In diesem Fall war es am darauffolgenden Tag, als wäre nichts geschehen.

Dauer des Abenteuers: Vier Stunden.

Woche 2

Schon fast war sie vergessen – die Odyssee dank Sebastian. Die Züge fuhren, und ich konnte während den Fahrten musikhörend aus dem Fenster schauen. Wie schön.

Aber zur Abwechslung ereilte mich an diesem Freitagnachmittag die Nachricht, dass eine Weltkriegsbombe in Bremen gefunden worden sei. Daher würde Bremen weitläufig von der Bahn vermieden werden. Innerlich rüstete ich mich bereits auf das Bevorstehende. Meine besten Freunde waren derzeit Tupperdosen und Coffee-to-go-Becher. Ich übte mich in Geduld, während ich mit dem Zug zur Bremer Neustadt fuhr und von dort aus diverse Busse und Bahnen nahm.

Dauer: Zweieinhalb Stunden.

Woche 4

Der krönende (bisherige) Abschluss war dann Xavier. Laut und gespenstisch peitschte der Wind am Nachmittag um das NWZ-Gebäude. Das war die Vorankündigung für einen heftigen Sturm, der nicht nur den Zugverkehr lahmlegte, sondern auch den Straßenbahnverkehr. Zahlreiche Bäume waren umgestürzt und auf Oberleitungen gefallen. Die Anmerkung der Deutschen Bahn, man solle sich schon einmal nach Übernachtungsmöglichkeiten in Oldenburg erkundigen, war alles andere als beruhigend.

Am Hauptbahnhof versammelte sich bereits eine große Menschentraube. „Die können uns hier ja nicht einfach stehen lassen“, hörte ich eine junge Frau sagen. Es werde doch bald ein Bus kommen. Da war ich, gelinde gesagt, eher minder optimistisch. Doch bereits nach 45 Minuten kam ein Bus nach Delmenhorst. Von dort aus fuhr ein weiterer Bus mit 20 Zwischenhalten nach Bremen. So sieht man wenigstens mal was von den Ortschaften, an denen man täglich vorbei zieht!

Dauer: Dreieinhalb Stunden.

Pendler-Problem Bremens

Eine Herausforderung stellt dieses Lebensmodell nicht nur für Pendler dar. Im Jahr 2015 pendelten laut der Arbeitnehmerkammer täglich rund 128.000 Menschen zum Arbeiten nach Bremen. Die hohen Steuereinbußen durch das Wohnsitzlandprinzip sind nicht unwesentlich.

Die Senatorin für Finanzen spricht von einem Verlust von 467 Millionen Euro jährlich, wovon der Einpendlersaldo mit Niedersachsen bereits abgezogen ist. Konkret heißt das, dass Bremen pro Pendler durchschnittlich 5520 Euro im Jahr entgehen. Bremen ist ein kleines Bundesland, das durch seine Nähe zum weitläufigen Niedersachsen viele Pendler anzieht. Tatsächlich kommen 85 % der Einpendler aus Niedersachsen.

Auf der anderen Seite ist die Zahl der Bremer, die in anderen Bundesländern arbeiten, ebenfalls nennenswert. Knapp jeder fünfte Beschäftigte mit Wohnsitz in Bremen pendelt zur Arbeit in ein anderes Land, etwa 68 % davon nach Niedersachsen.

Das Sahnehäubchen: Ganze sechs Tage lang fuhr kein Zug mehr zwischen Bremen und Oldenburg. Es wurde ein Busnotverkehr eingerichtet, der allerdings nicht nach Plan, sondern nach Bedarf fuhr. Das Lottospiel dieser Tage war es, in aller Frühe zum Hauptbahnhof zu fahren und dort auf den richtigen Bus zu treffen.

Die Bilanz der ersten vier Wochen

War es der falsche Zeitpunkt oder bot sich mir doch ein authentisches Bild des Pendler-Lebens? Schwer zu beurteilen, aber nichtsdestotrotz bietet Pendeln an sich, aus meiner Sicht, kaum etwas Positives. Denn in der Realität ist die Fahrerei wenig idyllisch, sondern geprägt von Verspätungen und einem enormen Geräuschpegel. Meistens passt der Fahrplan nicht zu den Arbeitszeiten oder die Mitmenschen machen sich breit. Dazu kommen Naturgewalten, gegen die man machtlos ist.

Gestern hat die Deutsche Bahn dann doch noch einen Fahrplan ihrer Notfallbusse veröffentlicht. Gute Idee, nur etwas spät, denn seit heute fahren die Züge wieder.