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NWZonline.de Region

Abgefahren – gestrandet in Hude

11.05.2019

Oldenburg /Bremen /Hude Schritt für Schritt nehmen die Füße die grauen Steinstufen, die vom gefliesten Untergrund hinauf führen – hoch auf die Gleise 3 und 4 am Bahnhof Oldenburg. Links neben mir eine Frau mit Koffer, die sich mit einer Hand am Geländer festhält und mit der anderen Hand den klobigen Koffer die Stufen hinauf zerrt. Oben angekommen rauscht ein Zug vorbei und der Wind, den er hinterlässt, weht durch die Haare. Die Luft ist überraschend warm. Die Bahnhofstauben gurren und stolzieren am Gleis herum.

Tausende Reisende kommen jeden Tag her und fahren zur Arbeit, zu Verwandten, nach Hause oder in den Urlaub. Am Bahnhof laufen nicht nur die Gleise zusammen, auch Menschen treffen aufeinander. Doch an Gleis 4 ist es heute Vormittag recht leer. Vielleicht liegt es am Fahrtziel, ich möchte nach Bremen. Nachdem wiederholt Ärger rund um die Strecke zwischen Oldenburg und Bremen aufkam, insbesondere durch die Bauarbeiten bei Bookholzberg, haben wohl einige auf das Auto gewechselt. Erst am Montag und Dienstag kam es wiederholt zu Zugausfällen und Verspätungen.

Ich jedoch möchte genau das. Ich will herausfinden, wie schlimm die Fahrt tatsächlich ist. Strande ich mitten im Nirgendwo oder komme ich problemlos am Reiseziel an?

Die Qual der Wahl

Der kleine Trip entpuppt sich bereits am Anfang der Reise als Chaos. Statt in der großen Bahnhofshalle Erlösung im Abfahrtszeiten-Dschungel zu bekommen, liest man nur „Nähere Informationen entnehmen Sie den Aushängen“. Da die minimalistischen DIN A4-Ausdrucke im Schaukasten nicht ganz zu entziffern sind und von zahlreichen verwirrten Zugreisenden umringt werden, stehe ich letztendlich vor den Infotafeln am Gleis. Hier hat der Reisende nun die Qual der Wahl: Der eine Zug kommt zwar eher, jedoch mit der Warnung, dass zwischen Hude und Bremen „Schienenersatzverkehr (SEV) mit dem Bus“ herrscht. Der andere kommt später, fährt jedoch – scheinbar problemlos – durch. Ich möchte aber jetzt los und nehme den ersten Zug, die Nordwest-Bahn. Einen Platz zu finden ist leicht, da mit mir vielleicht noch acht andere Fahrgäste mit im Zug sind – womöglich ein Zeichen. Auch die Durchsage der Schaffnerin verspricht wenig Gutes. Sie gibt den Tipp, lieber den anderen Zug zu nehmen. Ich bleibe sitzen. Wir fahren los. Während der Fahrt komme ich ins Gespräch mit anderen Reisenden. Schnell stellt sich heraus: Diejenigen, die hier sitzen, wollen allerhöchstens nach Hude.

Kim Jaeckel

„Da bin ich mal gespannt, wie das bei dir klappt“, sagt Kim Jaeckel grinsend zu mir, der mit seinem Fahrrad von Oldenburg nach Hude mitfährt. Er arbeitet in Bremen und erzählt, dass er erst am Montag Ärger auf der Strecke hatte. „Der Zug fuhr einfach wieder zurück. Und dieser Schienenersatzverkehr funktioniert nicht, wenn ich mein Rad dabei habe. Dann komme ich nicht mit“, erklärt er leicht verärgert über die derzeitigen Abläufe.

Dominic Bünger

Anders sieht es der 24-jährige Student Dominic Bünger, der erklärt, dass er neulich auf der Fahrt nach Bremen keinerlei Probleme hatte. Außerdem könne man sich im Vorfeld informieren, meint er.

Das Leid lindern

Ins Gespräch klinkt sich noch eine dritte, weibliche Stimme ein. „Die Fahrkarten bitte!“ ertönt es von rechts, aus dem Gang. Die Schaffnerin kontrolliert die Fahrgäste. Ich frage sie, was ihre Erfahrungen sind und warum sie in ihrer Durchsage von diesem Zug abriet. „Wir merken bei unseren Gästen, dass viele genervt sind. Wir können nur das Leid lindern und Hinweise auf andere Züge geben. Aber die Stammkunden wissen von den Veränderungen, auch dass beim SEV keine Fahrräder erlaubt sind.“ Dann muss sie aber weiter, es gilt noch die anderen Passagiere zu kontrollieren, schließlich sind wir gleich am Ende: in „Hude“. Die Durchsage kommt, und das ist mein Zeichen auszusteigen. Draußen auf dem Gleis muss ich mich zunächst am fremden Bahnhof orientieren. „Jetzt kommt erst der lustige Teil“, ruft mir Kim zu, der mit seinem Fahrrad an mir vorbeischiebt. Ich laufe der Masse hinterher – das wird schon richtig sein. Einen Bahnmitarbeiter oder eine Ausschilderung sucht man oben am Bahnhof vergeblich. Unten in der Bahnhofshalle frage ich mich durch. Eine Frau kennt den Weg – denkt sie zumindest, denn wie sich herausstellt, ist es der falsche. An der Wand lauert nämlich ganz versteckt ein kleiner Hinweis: „Replacement – Ersatz“ mit einem Pfeil in die entgegengesetzte Richtung. Also brav dem Pfeil folgen.

Und tatsächlich, trotz eines grauenhaften Orientierungssinns, offenbart sich mir eine Haltestelle mit der Aufschrift „Schienersatzverkehr Nordwest-Bahn – Bei Betriebsstörungen halten die Ersatzbusse hier“. Doch kein Bus in Sicht. Es ist einsam an der Haltestelle, lediglich ein anderer Mitpassagier wartet hier mit mir. Wir warten und warten. Nach 15 Minuten gibt er auf und verschwindet aus meinem Sichtfeld. Ich gebe (noch) nicht auf. Nach weiteren 15 Minuten jedoch schwindet die Hoffnung, dass hier überhaupt noch so etwas wie ein SEV-Bus abfährt. Ich bin gestrandet in Hude. Ein Ausweg muss her. Die App soll helfen, doch das langsame Internet hier erschwert die Sache.

Neuer Zug – Neue Verspätung

Ich begebe mich „oldschool“ zurück zum Gleis und warte auf den nächsten verfügbaren Zug Richtung Bremen. Dort sehe ich ein bekanntes Gesicht wieder: Der Mann, der mit mir an der Bushaltestelle gewartet hat, ist auch hier. Weitere 20 Minuten später, und mit leichter Verspätung, fährt endlich der neue Zug ein, es ist der Zug, der in Oldenburg meine zweite Auswahl war.

Im Inneren des Zuges ist es warm und stickig, außerdem ist es brechend voll. Reihe um Reihe sitzen die Menschen, mit Koffern und Taschen, die den Gang noch schmaler machen. Beim Durchlaufen durch die Waggons wird auch das Hinab- und Hinaufsteigen der Treppen zum halsbrecherischen Manöver, die Menschen sitzen auf den Stufen. Ganz am Kopf des Zuges findet sich aber doch noch ein freier Platz. Die letzten Minuten verbringe ich wenigstens sitzend. Nach den eineinhalb Stunden fahren wir endlich in den Bremer Bahnhof ein – für eine Strecke, die eigentlich eine halbe Stunde dauert. Der Zug hält und die Türen öffnen sich. Genervt steige ich aus, freue mich aber zugleich, dass die Fahrt vorerst ein Ende hat. Aber jede Medaille hat zwei Seiten, und so muss ich ja auch noch wieder zurück kommen. Dies lief jedoch wider den Erwartungen einwandfrei und entspannt ab, so entspannt wie eine Zugfahrt eben sein kann.

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