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NWZonline.de Region

Prozess gegen Niels Högel – Chronik von Tag zu Tag

04.01.2019

Oldenburg /Delmenhorst Er ist einer der furchtbarsten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte: Ex-Krankenpfleger Niels Högel ist bereits wegen sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch ihm könnten weit mehr Menschen in Oldenburg und Delmenhorst zum Opfer gefallen sein.

NWZ-Chefreporter Karsten Krogmann – ausgezeichnet 2016 für die Reportage „Warum stoppte niemand Niels Högel?“ – berichtet an dieser Stelle aktuell vom Prozess in der Weser-Ems-Halle in Oldenburg.

Hintergrund: Der Fall Niels Högel steht für die größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der ehemalige Krankenpfleger soll in den Jahren 2000 bis 2005 zunächst 36 Patienten im Klinikum Oldenburg und dann 64 weitere Patienten im Klinikum Delmenhorst getötet haben, indem er ihnen heimlich Medikamente in Überdosis spritzte. Für sechs weitere Taten im Klinikum Delmenhorst wurde der inzwischen 41-jährige Högel bereits in früheren Prozessen verurteilt. Er verbüßt eine lebenslange Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg.

4. Januar: Schon früh gab es konkrete Hinweise

Wenn die Soko „Kardio“ an der Tür klingelte, reagierten die Angehörigen der mutmaßlichen Högel-Mordopfer zumeist bestürzt – häufig aber auch mit einem Kopfnicken. „Das war für sie sehr oft die Bestätigung eines lange gehegten Verdachts“, sagt ein Polizist am siebten Verhandlungstag des Mordprozesses gegen Niels Högel. „Viele hatten die Vermutung schon lange, da stimmt was nicht.“

Dass es trotzdem auch frühzeitig schon konkrete Hinweise gab auf mögliche Mordtaten des Krankenpflegers Högel, macht ein Delmenhorster Kriminalbeamter deutlich. Der inzwischen pensionierte Polizist hatte 2005 die Ermittlungen übernommen, nachdem Högel im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat ertappt worden war. Er ließ sich damals Sterbefälle, Dienstpläne und Listen zur Medikamentenbestellung geben – und ging frühzeitig von einer möglicherweise größeren Zahl an Taten aus. 2006 hätten alle Informationen der Staatsanwaltschaft vorgelegen, sagte der Beamte. Eine Pflegekraft habe ihm damals berichtet, dass sie Högel dabei beobachtet habe, wie er einem ihrer Patienten heimlich ein Medikament spritzte. Der Patient sei dann gestorben.

Dennoch kam es 2006 nur zur Anklage wegen Mordverdachts in einem einzigen Fall: Dieter M., an dessen Bett der Pfleger im Juni 2005 auf frischer Tat ertappt worden war. Der Beamte sagt noch einmal, was er auch schon im Prozess 2014/15 ausgesagt hatte: „Wenn es nach uns gegangen wäre, hätten wir das schon 2006, 07 in dem Maße durchgezogen, wie es ab 2014 geschehen ist.“

Lesen Sie auch: Eine seltsame Lücke im Dienstplan, Reportage vom 7. Verhandlungstag

Lesen Sie auch: Klare Worte, Kommentar zum 7. Verhandlungstag

3. Januar: Die vielen Lügen des Niels Högel

Am sechsten Tag der Verhandlung sagen erstmals Zeugen aus. Arne Schmidt, Leiter der Soko „Kardio“, bezeichnet Niels Högel als Lügner, der „durchaus geplant und inszeniert“ vorgehe. Als Beispiel nennt Schmidt eine Aussage Högels bei einer frühen Vernehmung: „Er hat beim Leben seiner Tochter geschworen, dass er in Oldenburg keine Taten begangen habe.“ Högel ist mittlerweile angeklagt, 100 Patienten ermordet zu haben – 36 davon soll er im Klinikum Oldenburg getötet haben.

Schmidts Aussage setzt auch die betroffenen Kliniken unter Druck. So hat es im Klinikum Delmenhorst frühzeitig Hinweise auf einen erheblich gestiegenen Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal gegeben, sagt er. Die Medikamentenkommission habe sich bereits im April 2004 mit dem Thema befasst – 14 Monate, bevor Högel, der Gilurytmal als Mordwerkzeug nutzte, auf frischer Tat ertappt wurde.

Laut Schmidt zog die Medikamentenkommission allerdings die falschen Schlussfolgerungen aus der Entdeckung. Sie stufte das Herzmittel, das bislang nur auf Sonderanforderung zu bestellen war, zum Standardmedikament herab, um den Bestellvorgang zu vereinfachen – „aus ökonomischen Gründen“, so Schmidt. Gilurytmal galt als kostengünstiges Medikament.

Lesen Sie auch: „Die vielen Lügen des Niels Högel“; Reportage vom 6. Verhandlungstag

12. Dezember: Gedanken an Suizid – und viele Widersprüche

Einmal, so erzählt es Niels Högel am fünften Prozesstag, will er in den Wald gefahren sein, um sich zu Tode zu trinken. Ein Freund habe ihn davon abgehalten. Seine Festnahme 2005 habe er als „eine Art Befreiung“ erlebt. „Ich war froh, dass es vorbei ist“, sagt er. Die erste Woche in der Haft habe er fast nur geschlafen. Auf die Frage von Richter Sebastian Bührmann, warum er nicht vorher aufgehört habe, antwortet Högel: „Es war automatisiert... so eine Art Routine.“

Mit allen 100 Mordvorwürfen wird das Gericht den Angeklagte schließlich konfrontiert haben. 43 Taten gibt Högel zu, fünf streitet er ab. An die übrigen 52 Patienten kann er sich angeblich nicht erinnern, er schließt eine Tat aber auch nicht aus.

Viele Widersprüche und Ungereimtheiten bleiben. Was man Niels Högel glauben darf, wird das Gericht sorgfältig prüfen müssen.

Lesen Sie auch: „Süchtig nach Patienten-Tötungen“, Reportage vom 5. Verhandlungstag

11. Dezember: Vom Wunsch, ertappt zu werden

Högel überrascht mit der Aussage, er habe sich „gewünscht, erwischt zu werden“. Er sei immer mehr Risiken eingegangen, habe „Herausforderungen“ gesucht. Immer öfter habe er Patienten die tödliche Medikamenten-Überdosis gespritzt, wenn Kollegen am Bett standen.

Den Ex-Kollegen in Delmenhorst warf er indirekt vor, ihn nicht gestoppt zu haben. „Man hat ja gesehen, dass ich etwas injiziere, und unmittelbar danach tritt die Reanimationssituation ein“, sagte er vor Gericht. „Da hätte man ja schon den Zusammenhang herstellen können. Oder sogar müssen.“

Mit fortschreitender Dienstzeit verblasst offenbar seine Erinnerung an Taten und Patienten zunehmend. Konnte er sich bei den Vorwürfen, die seine Zeit im Klinikum Oldenburg betreffen, noch an 22 von 36 Fällen erinnern, ist es mit Blick auf die Zeit in Delmenhorst nicht einmal mehr ein Drittel.

Lesen Sie: „Ich war in einem Tunnel unterwegs“, Reportage vom 4. Verhandlungstag

22. November: Högel bittet um Entschuldigung

Es ist der dritte Verhandlungstag, das Gericht konfrontiert den Angeklagten weiter Fall für Fall mit den Mordvorwürfen. „Ich sitze hier aus voller Überzeugung, jedem einzelnen Angehörigen eine Antwort geben zu wollen“, sagt Niels Högel.

An den Fall des Herrn Brinkers, der am 14. September 2001 im Klinikum Oldenburg nach einer Überdosis Lidocain starb, erinnert sich Högel offenbar nicht. Aber er richtet einige Worte an den Sohn des Verstorbenen: „Herr Brinkers, ich kann nichts gutmachen. Es ist schwer nachzuvollziehen, was passiert ist. Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihnen.“

Am Ende des Tages wird Högel sich insgesamt zu 50 toten Patienten geäußert haben, 26 „Manipulationen“ wird er zugegeben haben. Vier Taten streitet er ab, an die anderen Fälle erinnert er sich nicht, schließt eine Tat aber ausdrücklich nicht aus.

Lesen Sie: „Ich fühle Traurigkeit. Und Schuld“, Reportage vom 3. Verhandlungstag

21. November: Högel empfindet „Ekel“ vor sich selbst

Die Krankenakten der ersten 30 toten Patienten aus der Anklageschrift hatte Niels Högel zur Vorbereitung im Gefängnis durcharbeiten sollen. Rechtsanwältin Gaby Lübben, die fast 100 Nebenkläger vertritt, fragt Högel, was er heute empfinde, wenn er die Krankenakten lese, wenn er sich an seine Taten erinnere. „Scham“, sagt Högel, „teilweise Ekel vor mir selbst. Und ein großes Fragezeichen.“ Dann sagt er erstmals: „Jeder einzelne Fall, auch wenn ich es lese, tut mir unendlich leid.“

26-mal wird der Richter Högel an diesem Tag fragen, ob er sich erinnern könne: an den jeweiligen Patienten, an die Krankheitsgeschichte, an eine Manipulation. „Manipulation“, so heißt hier vor Gericht der mutmaßliche Mord am Krankenbett. 15-mal wird Högel angeben, er erinnere sich, er habe manipuliert. In den meisten anderen Fällen kann oder will er sich nicht erinnern. Aber fast immer sagt er: „Ich kann es nicht ausschließen.“

Manchmal fällt ihm sogar ein Motiv ein für eine Tat. Er wollte mit seinen Reanimationsfähigkeiten eine spezielle Kollegin beeindrucken, sagt er einmal, „das war dieses Imponiergehabe gegenüber Schwester L.“.

Lesen Sie: „Ich fühle Scham und teilweise Ekel“, Reportage vom 2. Verhandlungstag

30. Oktober: Auftakt mit Schweigeminute – Högel sagt aus

Mit einer Schweigeminute für die Opfer lässt Richter Sebastian Bührmann den Prozess beginnen. Niels Högel, der im Prozess 2014/15 bis zum Schluss geschwiegen hatte, äußert sich nun. Auf die Frage, ob die Tatvorwürfe größtenteils zutreffen, antwortet er knapp: „Ja“.

Zu den Hintergründen der Tat erklärt Högel, er habe von einer „elitären Gruppe“ von Pflegekräften auf der Intensivstation anerkannt werden wollen. Schon als Schüler habe er Krankenpfleger werden wollen, später im Beruf habe er unter dem hohen Druck gelitten. „Heute weiß ich: Ich hätte aufhören sollen, ich hätte gar nicht nach Oldenburg gehen sollen“, sagt er.

Ob Högels Aussagen stimmen, darf bezweifelt werden. „Was können wir Ihnen glauben?“, fragt Bührmann. Högel war nach früheren Vernehmungen und im ersten Prozess mehrfach der Lüge überführt worden.

Lesen Sie: „Ich hätte auch im Pius anfangen können“, Reportage vom 1. Verhandlungstag

Der Fall Högel: Zum Weiterlesen

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Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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