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NWZonline.de Region

Prozess gegen Niels Högel – Chronik von Tag zu Tag

25.04.2019

Oldenburg /Delmenhorst Im Prozess gegen den Patientenmörder und Ex-Krankenpfleger Niels Högel werden am Freitag die Plädoyers der Nebenkläger-Vertreter fortgesetzt. Die Staatsanwaltschaft hatte am Donnerstag eine lebenslange Haftstrafe wegen 97 Morden für den 42 Jahre alten Angeklagten gefordert und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Das Urteil des Landgerichts Oldenburg wird am 6. Juni erwartet.

Die Chronik von Tag zu Tag

Er ist einer der furchtbarsten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte: Ex-Krankenpfleger Niels Högel ist bereits wegen sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch ihm könnten weit mehr Menschen in Oldenburg und Delmenhorst zum Opfer gefallen sein.

NWZ-Chefreporter Karsten Krogmann – ausgezeichnet 2016 für die Reportage „Warum stoppte niemand Niels Högel?“ – und das Reporterteam der NWZ berichten an dieser Stelle aktuell vom Prozess in der Weser-Ems-Halle in Oldenburg.

Hintergrund: Der Fall Niels Högel steht für die größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der ehemalige Krankenpfleger soll in den Jahren 2000 bis 2005 zunächst 36 Patienten im Klinikum Oldenburg und dann 64 weitere Patienten im Klinikum Delmenhorst getötet haben, indem er ihnen heimlich Medikamente in Überdosis spritzte. Für sechs weitere Taten im Klinikum Delmenhorst wurde der inzwischen 41-jährige Högel bereits in früheren Prozessen verurteilt. Er verbüßt eine lebenslange Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg.

Sehen Sie hier unser ausführliches Multimedia-Dossier:

16. Mai – Befangenheitsantrag und Plädoyers

100 Patientenmorde wirft die Anklage dem früheren Krankenpfleger Niels Högel vor – aber lässt sich seine Schuld auch in jedem einzelnen Fall beweisen? Nach 21 Prozesstagen steht zumindest für die Staatsanwaltschaft Oldenburg fest: In fast allen Fällen gibt es „keine vernünftigen Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten“, wieder und wieder sagt Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann diesen Satz in ihrem mehrstündigen Plädoyer.

Zu Beginn machte Schiereck-Bohlmann noch einmal deutlich, dass die Staatsanwaltschaft sich weder von Högels Aussagen noch von den Ergebnissen der Gutachter allein leiten lasse. Entscheidend sei immer die Gesamtschau der Indizien. Am Ende ihres Plädoyers fordert die Oberstaatsanwältin: Högel soll wegen Mordes in 97 Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt werden, außerdem soll die besondere Schwere der Schuld festgestellt worden. In drei Fällen bleiben Zweifel, da fordert die Staatsanwaltschaft Freispruch.

Nach dem Schlusswort der Staatsanwaltschaft hielt die Delmenhorster Rechtsanwältin Gaby Lübben als erste der 17 Nebenkläger-Vertreter ihr Plädoyer. Sie vertritt allein fast 100 der 126 Nebenkläger.

Lesen Sie auch: Im Zweifel für den Angeklagten?, Reportage vom 22. Prozesstag

Mit einem Befangenheitsantrag gegen den medizinischen Sachverständigen Prof. Dr. Wolfgang Koppert hat der 21. Prozesstag im Fall des Patientenmörders Niels Högel begonnen. Die Verteidigung des Angeklagten warf Koppert vor, sein Gutachten „nicht mit der erforderlichen Unparteilichkeit“ erstellt zu haben. Der Mediziner hatte die Krankenakten der verstorbenen Patienten überprüft und in mehreren Hundert Fällen beurteilt, ob der Tod durch eine Medikamentenspritze Högels verursacht worden sein könnte

Hintergrund des Antrags ist eine Aussage Kopperts vor Gericht. Der Gutachter hatte gesagt, er sei „überzeugt, dass auch Menschen, bei denen ,null‘ nachweisbar war“, von Högel „umgebracht wurden, wo wir heute noch nicht nachweisen können, wie er das gemacht hat“. Für Högels Verteidigerin Kirsten Hüfken (Oldenburg) ist das ein Hinweis darauf, dass Koppert mit einer „negativen Zielrichtung“ auftrete und seinen Gutachterauftrag dahingehend verstehe, „nur für die Überführung des Angeklagten da zu sein“.

Die Staatsanwaltschaft forderte, den Antrag zurückzuweisen. Die Gutachten des Sachverständigen hätten zur Einstellung von Hunderten Verdachtsfällen geführt. Bereits das zeige, dass Koppert keineswegs voreingenommen an die Arbeit gegangen sei. Zudem habe Högel selbst vor Gericht ausgesagt, alle paar Tage solche Taten begangen zu haben. Das Gericht lehnte den Antrag nach kurzer Beratung als unbegründet ab.

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26. April – Die schwierige Suche nach Wahrheit

In Deutschland muss vor Gericht nicht der Angeklagte seine Unschuld beweisen, es muss seine Schuld bewiesen werden. Das gilt auch, wenn der Angeklagte ein verurteilter Mörder ist, so wie Niels Högel.

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Etwa 40 der Patienten soll der frühere Krankenpfleger Högel mit dem Wirkstoff Lidocain getötet haben. In den Leichen fanden sich Spuren des Mittels – aber ist das tatsächlich ein Beleg dafür, dass Högel den Patienten ein Medikament gespritzt hat? Oder kann der Wirkstoff auch auf anderem Weg in den Körper gelangt sein? Lidocain findet sich in Gels und Sprays, die in Kliniken beim Einführen von Magensonden oder Blasenkathetern verwendet werden. Könnte das die Lidocain-Spuren im Körper der toten Patienten erklären? Diese Fragen hat die Verteidigung Ende März gestellt. Am 21. Prozesstag diskutieren irgendwann nur noch die Wissenschaftler miteinander, Fachbegriffe fallen und Fremdwörter, da zieht die Anwältin die Notbremse. „Es tut mir leid“, sagt Ulrike Baumann, Verteidigerin des Angeklagten Niels Högel, „ich habe Ihr Gespräch gerade einfach nicht kapiert.“ Die Wissenschaft kann nicht alle Zweifel ausräumen.



25. April – Niels Högel, ein Mann „ohne Scham und Reue“

Der Prozess gegen Niels Högel steht kurz vor dem Abschluss: Am 6. Juni 2019 will das Landgericht Oldenburg ein Urteil sprechen im Fall des wegen 100-fachen Mordes angeklagten Krankenpflegers. Das gab der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann zu Beginn des 20. Verhandlungstages am Donnerstag in der Oldenburger Weser-Ems-Halle bekannt.

Laut dem Zeitplan des Gerichts sollen in den Sitzungen am 16. und 17. Mai sowie am 5. Juni Staatsanwaltschaft, Nebenklage-Vertreter und Verteidigung ihre Plädoyers halten. Das letzte Wort soll dann der Angeklagte haben.

Zuvor hörte das Gericht noch einmal medizinische und toxikologische Gutachter. Dabei geht es vor allem um den Wirkstoff Lidocain, mit dem Högel nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst rund 40 Patienten vergiftet hat. Högels Verteidigung hatte die Frage aufgeworfen, ob der in den Leichen nachgewiesene Lidocain-Wert auch eine andere Ursache haben könne. Lidocain kann nämlich auch in Gels oder Sprays enthalten sein, die beim Einsatz von Blasenkathetern oder Magensonden zur Anwendung kommen.

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5. April – „Manipulierte“ Högel an wachen Patienten?

Sonntag, 2. Mai 2004, 23.45 Uhr. Ein lauter Schrei hallt durch die Intensivstation des Klinikums Delmenhorst. In seinem Bett schreit der Patient Friedrich W. in Todesangst. Gerade hat das Herz des Rentners völlig überraschend aufgehört zu schlagen. Für immer. Um 0.09 Uhr wird der 92-Jährige für tot erklärt. Für Professor Dr. Wolfgang Koppert, der am Freitag seine in der vergangenen Woche begonnene Aussage als medizinischer Gutachter fortsetzt, steht in diesem Fall außer Frage, dass der Herzstillstand des 92-Jährigen durch das in seinem Blut gefundene Lidocain ausgelöst wurde. Gespritzt vom damaligen Krankenpfleger Niels Högel, der jetzt wegen 100-fachen Mordes an Patienten in Oldenburg und Delmenhorst in den Weser-Ems-Hallen vor Gericht steht.

Lesen Sie auch: „„Manipulierte“ Högel an wachen Patienten?“, Reportage vom 19. Prozesstag

Der Aufschrei sei typisch, wenn ein Medikament einen Herzstillstand auslöst, erklärt der erfahrene Mediziner. Und für noch etwas steht der Tod von Friedrich W. exemplarisch: Er zeigt, dass die Behauptung Högels, er habe keine wachen, ansprechbaren Patienten umgebracht, lediglich eine weitere Lüge des bereits rechtskräftig verurteilten Mörders ist. Der Schrei des Opfers zeigt, dass der Rentner bei Bewusstsein war, als ihm kurz zuvor die tödliche Injektion verabreicht worden war. Und er war kein Einzelfall. Eine ganze Reihe der Opfer, auch das konnte der Gutachter anhand der Akten aus den beiden Kliniken recherchieren, war definitiv nicht unter Vollnarkose, als sie „sehr wahrscheinlich“ Opfer von Högel wurden.

4. April – Gutachter: Erinnerungslücken nur vorgeschoben

Dutzende von Angehörigen, die derzeit den Prozess in den Weser-Ems-Hallen verfolgen, werden vielleicht nie erfahren, ob ihre Verwandten von Niels Högel umgebracht wurden, oder vielleicht doch eines natürlichen Todes starben. Insgesamt 52 Mal hat der ehemalige Krankenpfleger im Prozess um den 100-fachen Mord an Patienten in Oldenburg und Delmenhorst erklärt, er könne sich an den Tod dieser Menschen nicht mehr erinnern.

Lesen Sie auch: „Högel könnte Auskunft geben“, Reportage vom 18. Prozesstag

Glaubt man allerdings Professor Dr. Max Steller, dann sind diese Erinnerungslücken nur vorgeschoben. Der 75-jährige Psychologe vom Zentrum für Aussagepsychologie in Berlin trat am Donnerstag, dem 18. Verhandlungstag, als Gutachter in den Zeugenstand, nachdem er Högel im vergangenen Jahr mehrfach über Stunden befragt und den Auftritt des Angeklagten vom ersten Tag des Prozesses an genau beobachtet hatte. Resultat: „Högel könnte Auskunft geben“ – wenn er es denn wollte. Doch genau da liege das Problem: Högel besitze eine „hohe Lügenbereitschaft“ und habe in der Vergangenheit stets nur das eingeräumt, was ihm nachgewiesen werden konnte. Eine Einschätzung, die zuvor bereits Denise Grenz, die Anstaltspsychologin der Justizvollzugsanstalt Oldenburg, in nichtöffentlicher Sitzung vertreten hatte.

29. März – Weitere Gutachten bringen Zeitplan ins Wanken

Unklarheiten im Zusammenhang mit dem Medikament Lidocain und weitere Fragen an den Gutachter Prof. Dr. Wolfgang Koppert bringen den bisherigen Zeitplan im Prozess gegen Niels Högel ins Wanken. Der medizinische Gutachter sagte auch am 17. Prozesstag vor dem Oldenburger Landgericht in den Weser-Ems-Hallen aus. Er hatte etwa 320 Gutachten erstellt, in denen er Patientenakten aus Oldenburg und Delmenhorst auf mögliche Manipulationen durch den ehemaligen Krankenpfleger untersucht hatte. Niels Högel ist wegen 100-fachen Mordes angeklagt.

Lesen Sie auch: Das Dilemma des Sachverständigen, Reportage vom 17. Prozesstag

Lidocain gilt als eines der Medikamente, mit denen Högel manipuliert haben soll. Das Mittel kann jedoch auch Bestandteil eines Gels sein, das zum Einführen von Sonden oder Kathetern benutzt wird. Prof. Dr. Koppert wurde von Richter Sebastian Bührmann gebeten, betreffende Patientenakten auf den Einsatz dieses Gels zu untersuchen. Eigentlich sollte der Gutachter am 5. April wieder gehört werden. Bührmann räumte Prof. Dr. Koppert jedoch Zeit bis zum 25. April ein. Dann sollten laut eigentlichem Zeitplan bereits die Plädoyers beginnen.

NWZ-Kommentar von Karsten Krogmann: Zweifel an Beweisen sind nur schwer auszuhalten

Am Freitag teilte Bührmann außerdem mit, dass eine Oldenburger Gefängnispsychologin, der sich Niels Högel über Jahre anvertraut hatte, am 4. April unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit gehört wird.

28. März – Verteidigung bezweifelt Högels Schuld

Für die zahlreich im Saal anwesenden Angehörigen der Opfer muss der 16. Prozesstag schwer zu ertragen gewesen sein, denn die Verteidigung ging in die Offensive.

Für viele überraschend gelang es den Verteidigerinnen des früheren Krankenpflegers Niels Högel, sich mit einem Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit durchzusetzen. Die eigentlich geplante Vernehmung der Anstaltspsychologin der JVA Oldenburg, der Högel sich offenbar während der Haft anvertraute, wird nun wohl erst am 4. April und hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Die Verteidigung legte dem Gericht zudem einen 27 Seiten starken Beweisantrag vor, Inhalt: angebliche Widersprüche in den schriftlichen Aussagen der für diesen Tag geladenen Gutachter und Sachverständigen und andere Punkte, die aus Sicht der Verteidigung gegen eine klare Schuldzuweisung sprechen. Alle Vorwürfe basierten lediglich auf Indizien und es sei von den beauftragten Gutachtern und Sachverständigen medizinisch nicht nachgewiesen worden, dass es einen „kausalen Zusammenhang“ zwischen den „Manipulationen“ Högels und dem Tod von Patienten gebe.

Lesen Sie auch: Verteidigung bezweifelt Högels Schuld, Reportage vom 16. Prozesstag

8. März – Beweissuche auf dem Friedhof

Die Sachverständigen sagen an diesem 15 Prozesstag aus. So nüchtern wie möglich gab Rechtsmediziner Dr. Benedikt Vennemann einen Abriss über den vermutlich schmerzhaftesten Teil im Mordverfahren Högel für die Angehörigen der 100 toten Klinikpatienten: die Graböffnung und die Obduktion der mutmaßlichen Opfer. Dr. Jörg Teske, forensischer Toxikologe, erklärte, wie die Gewebereste homogenisiert wurden, wie chromatografische und massenspek­trometrische Verfahren eingesetzt wurden, kurz: wie die gesuchten Wirkstoffe chemisch identifiziert werden konnten. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen bilden nun die Grundlage der 100 Mordanklagen im Verfahren gegen Niels Högel.

Zu Beginn des 15. Prozesstages teilte der Zeuge Frank Lauxtermann der NWZ mit, dass er jetzt auch gegen den Zeugen Ludger W. Strafanzeige wegen Falschaussage vor Gericht erstattet habe.

Krankenpfleger Lauxtermann hatte vor Gericht ehemalige Kollegen von der herzchirurgischen Intensivstation des Klinikums Oldenburg schwer belastet. So hatte er ausgeführt, dass es im Klinikum Oldenburg frühzeitig Diskussionen über den Pfleger Högel und die gestiegene Zahl an Reanimationen gegeben habe. Er wisse das unter anderen von seinen Ex-Kollegen H. und W., die ihm das beispielsweise bei einem Grillabend im Hause W. berichtet hätten. Beide Zeugen haben das dann bei ihren Aussagen vor Gericht bestritten; ein gemeinsames Grillen habe es nie gegeben.

In seiner Anzeige liefert Lauxtermann nun Details des Treffens bei W. nach: So habe es Nudel- und Kartoffelsalat von Aldi gegeben, weil W. „keine Lust“ gehabt habe, Salate zu machen. Auch die Teilnehmer der Fahrgemeinschaft zum Grillen nennt er. Lauxtermann nennt das Verhalten der Ex-Kollegen „unerträglich“.

Das Landgericht hatte die Zeugen H. und W. nach ihren Aussagen vereidigt.

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7. März – Der Klang der Erinnerung

Im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel hat eine Zeugin ihren Vorgesetzten aus dem Klinikum Delmenhorst schwer belastet. Der Stationsleiter sei einem deutlichen Verdacht gegen Högel nicht nachgegangen und habe stattdessen Mitarbeitern „das Maul verboten“, sagte die 57-jährige Krankenschwester am Donnerstag vor Gericht.

Konkret ging es darum, dass ein Pfleger Anfang Mai 2005 leere Ampullen des Herzmittels Gilurytmal gefunden hatte, nachdem ein Patient verstorben war. Sechs Wochen später ertappte eine Krankenschwester Högel dann auf frischer Tat am Bett eines weiteren Patienten. Nach dem Vorfall im Mai 2005 tötete Högel nach Erkenntnissen der Ermittler mindestens fünf Menschen. Gegen den Stationsleiter ist bereits Anklage erhoben worden wegen des Vorwurfs „Totschlag durch Unterlassen“; der Prozess soll aber erst nach Abschluss des Mordverfahrens gegen Högel beginnen.

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In der Zeit, in der Högel auf der Intensivstation in Delmenhorst arbeitete, habe die Zahl der Reanimation deutlich zugenommen, sagte die Zeugin weiter aus. Es habe Gerede unter den Mitarbeitern gegeben, „man hat gesagt, da stimmt etwas nicht, irgendetwas ist komisch“. Mehrere Kollegen hätten Vorgesetzte angesprochen und darum gebeten, nicht mehr mit Högel zusammenarbeiten zu müssen. Andere hätten dem Pfleger kurzerhand selbst verboten, in ihre Zimmer zu gehen.

Ein weiterer Zeuge aus Delmenhorst nannte Högel einen „Rettungs-Rambo“. In Notfallsituationen sei er „immer einer der Ersten“ gewesen, sagte der ehemalige Krankenpfleger aus dem Klinikum Delmenhorst in der Weser-Ems-Halle. „Er hat auch Leute, die eigentlich dafür zuständig waren, beiseite gedrängt und das Ganze dann übernommen“.

Auf Nachfrage von Richter Sebastian Bührmann, ob Högel solche Reanimationen denn technisch einwandfrei vorgenommen habe, antwortete der 67-jährige Zeuge: „Er hat das brillant gemacht!“ Auch eine Delmenhorster Ärztin lobte als Zeugin die Kompetenz des Pflegers Högel.

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22. Februar: Früher Verdacht gegen Niels Högel

Bereits frühzeitig hatten Ärzte im Klinikum Oldenburg den Krankenpfleger Niels Högel in Verdacht, möglicherweise mit einer gestiegenen Zahl an Komplikationen auf der herzchirurgischen Intensivstation zu tun zu haben. Ein ehemaliger Oberarzt des Klinikums sagt dies am 13. Verhandlungstag im Mordprozess in der Oldenburger Weser-Ems-Halle aus. Der Fall sei dann „zur Chefsache gemacht“ worden, „und danach war Högel weg von der Abteilung“, so der Zeuge.

Die Mordserie des früheren Krankenpflegers Niels Högel hat im Kollegenkreis schwere Schäden hinterlassen. „Das begleitet mich bis heute“, sagte der Zeuge Stephan K. Er habe sich professionelle Hilfe holen müssen, um die Erfahrung psychisch zu verarbeiten. Auch körperlich habe er sich in Behandlung begeben müssen. Seinen Beruf als Krankenpfleger könne er nicht mehr ausüben. „Ich möchte mich dieser Situation nie wieder aussetzen“, sagte K., „diese Vertrauensbasis erlange ich nie wieder.“

K. war ein Kollege des wegen hundertfachen Mordes angeklagten Högel, zunächst im Klinikum Oldenburg und später auch in Delmenhorst. Die beiden waren auch privat befreundet. Die Mordserie auf den Intensivstationen in Oldenburg und Delmenhorst zu begreifen und damals nicht bemerkt zu haben, sei „wirklich schwierig. Auch heute noch“.

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21. Februar: Richter appelliert an Högel: „Sagen Sie die Wahrheit“

Es ist für die Wahrheit nie zu spät“ – mit eindrücklichen Worten hat Richter Sebastian Bührmann im Mordprozess gegen Niels Högel an den Angeklagten appelliert. „Wir alle, die wir hier sitzen, gieren nach Wahrheit“, sagte Bührmann zu Beginn des 12. Verhandlungstages am Donnerstag in der Oldenburger Weser-Ems-Halle. Er verwies auf die Angehörigen von toten Klinikpatienten im Saal: „Wenn Sie noch irgendwas Gutes tun wollen in diesem Verfahren für die Leute, dann ist das die Wahrheit.“

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Högel ist angeklagt, zwischen den Jahren 2000 und 2005 hundert Patienten auf Intensivstationen in Oldenburg und Delmenhorst ermordet zu haben, indem er ihnen heimlich Medikamente in Überdosis spritzte. Högel hat 43 Taten zugegeben, 52 weitere schließt er nicht aus. Lediglich fünf Vorwürfe streitet er ab.

Bührmann zielte mit seinem Appell aber vor allem auf Taten ab, die möglicherweise unentdeckt geblieben sind bislang. So konnte die Polizei keine Nachweise für Morde im Jahr 2002 finden. Damals war Högel von der herzchirurgischen Intensivstation des Klinikums Oldenburg in die Anästhesie gewechselt. Zeugen hatten berichtet, auch dort sei es zu Auffälligkeiten gekommen. Die Klinikleitung hatte sich dann von Högel getrennt und ihn vorzeitig freigestellt. Es sei offensichtlich, so Richter Bührmann, „dass man Sie loswerden wollte. Die Vorstellung, dass Sie in dieser Zeit einfach nur stillgehalten haben, fällt, wenn man sich das Gesamtbild betrachtet, schwer“.

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31. Januar: Zeugin will Vereidigung verweigern

Dramatische Szene im Gerichtssaal: Als Richter Sebastian Bührmann im Högel-Prozess eine aussageunwillige Zeugin vereidigen will, verliert die 67-Jährige die Fassung: „Ich will nicht vereidigt werden!“, sagt die frühere Krankenschwester Alwine C. aus dem Klinikum Delmenhorst. „Ich weiß nicht, was ich sagen darf und was ich nicht sagen darf“, erklärt sie aufgelöst ihr Verhalten. „Ich habe die Befürchtung, dass ich mich selbst reinreiße. Ich habe die Angst, dass ich jetzt schuld bin.“

Das Gericht verzichtet daraufhin auf die Vereidigung. „Ich merke, dass Sie am Rande sind dessen, was Sie körperlich und gesundheitlich ertragen können“, sagt Bührmann. „Ich werde Sie deshalb erst mal entlassen.“

Auch wenn das Aussageverhalten der Zeugin laut Bührmann „fatal“ ist: Die Szene zeigt eine Dimension des Falls Högel, die bislang wenig Beachtung fand. Nämlich: Welche Folgen haben die intensiven Ermittlungen gegen Ex-Kollegen des wegen hundertfachen Mordes angeklagten Högel? Die Staatsanwaltschaft hatte gegen sechs Klinik-Mitarbeiter aus Delmenhorst Anklage erhoben, in vier Fällen hat das Landgericht Oldenburg die Anklage zugelassen. Der Vorwurf: „Tötung durch Unterlassen“. Der Prozess gegen Klinikmitarbeiter soll nach Abschluss des Verfahrens gegen Högel beginnen.

Dass dies merkliche Spuren hinterlassen hat in der Belegschaft, zeigt nicht nur der Auftritt von Alwine C. Bereits am Vortag hatte Krankenpfleger Michael F. sich nur zäh und mühevoll erinnert an die Vorgänge auf der Intensivstation. Wiederholt musste das Gericht ihm Zitate aus früheren Vernehmungen durch die Polizei vorhalten. Auch gegen F. war Anklage erhoben worden, das Landgericht hatte diese Anklage aber nicht zugelassen. Mehrfach sagte Richter Bührmann den Zeugen, dass sie nichts zu befürchten hatten - offenbar vergeblich.

Eine weitere Zeugin berichtete zudem, dass es so etwas wie einen „Maulkorb“ gegeben habe für die Mitarbeiter des Klinikums, nachdem Högel 2005 auf frischer Tat ertappt worden war. Verfügt habe ihn die Stationsleitung. „Es sollte nichts nach draußen getragen werden“, sagte Birgit S. vor Gericht. Auch andere Abteilungen des Krankenhauses sollten nichts vom Fall Högel erfahren. Der Ruf des Hauses dürfe nicht beschädigt werden.

Lesen Sie: Die Angst der Zeugin vor dem Richter, Reportage vom 11. Prozesstag

30. Januar: Klinik-Chef Tenzer verteidigt Vorgehen

Vorstandschef Dr. Dirk Tenzer hat am Mittwoch vor Gericht das Vorgehen des Klinikums Oldenburg verteidigt, allen Mitarbeitern für Zeugenaussagen im Fall Högel einen Anwalt zur Seite zu stellen und auch zu bezahlen. Der 46-jährige Krankenhausmanager sagte am zehnten Verhandlungstag in der Weser-Ems-Halle, er sehe das als seine „Fürsorgepflicht“ an. „Für unsere Mitarbeiter ist es eine absolute Ausnahmesituation, überhaupt in diesem Mordprozess aussagen zu müssen“, so Tenzer. Weil die Mitarbeiter zum Teil „große Ängste“ gezeigt hätten, habe man entscheiden: „Die müssen da nicht allein hingehen.“

Fast alle Mitarbeiter des Klinikums hatten sich zu Vernehmungen durch die Polizei von einem Anwalt begleiten lassen. Auch vor Gericht war ein Teil der Mitarbeiter mit Rechtsbeistand erschienen. Beamte der Soko „Kardio“ hatten dieses Vorgehen auf Nachfragen des Richters als „auffällig“ bezeichnet und zudem große Erinnerungslücken der Zeugen aus dem Klinikum festgestellt.

Auch Richter Sebastian Bührmann sagte, es sei ihm in knapp 20 Jahren Richtertätigkeit „noch nicht vorgekommen, dass ein Arbeitgeber jedem seiner Arbeitnehmer einen Zeugenbeistand stellt und bezahlt“. Aber, so Bührmann, „alles an diesem Verfahren ist ungewöhnlich“. Es sei das Recht jedes Zeugen, sich anwaltlich beraten zu lassen. Der Richter sagte aber auch, „es kann ein anderer Eindruck entstehen“, nach dem Motto: „Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing‘“.

Klinikum-Chef Tenzer wies den Eindruck zurück, er habe über den Anwalt Einfluss nehmen wollen auf Zeugenaussagen. Er könne ausschließen, „dass es Anweisungen von meiner Person gegeben hat, dass Zeugen mundtot gemacht werden, was mir hier ja unterschwellig vorgeworfen wird“.

Lesen Sie auch: Eine grauenvolle Nacht auf Station 211, Reportage vom 10. Prozesstag

23. Januar: Nebenklagevertreter fühlen sich „zum Narren gehalten“

Gleich der erste Zeuge des Prozesstages hat in der Weser-Ems-Halle für Verärgerung gesorgt: Mehrere Nebenklagevertreter wollten Erklärungen abgeben, weil sie sich von Johann K., stellvertretende Stationsleitung im Klinikum Oldenburg „zum Narren gehalten“ fühlten oder ihnen „gleich der Kragen platzt“. Der 53-jährige K., Ex-Kollege des wegen hundertfachen Mordes angeklagten Pflegers Niels Högel, hatte zuvor in eineinhalbstündiger Vernehmung große Erinnerungslücken offenbart.

Auch der neunte Prozesstag vor dem Landgericht Oldenburg legt den Fokus auf die ehemaligen Kollegen Högels. Als zweiter sagte Stephan K. aus. Der 48-Jährige arbeitete sowohl in Oldenburg als auch ab 2003 zusammen in Delmenhorst mit Niels Högel. Er war auch privat mit ihm befreundet und sollte dem Gericht vor allem Erkenntnisse zur Person, dem Charakter und möglichen Wesensveränderungen geben.

Ebenfalls auf der Zeugenliste stehen zwei Krankenschwestern, mit denen Högel eine Beziehung hatte. Das Gericht schloss für ihre Vernehmung am Nachmittag die Öffentlichkeit aus. Es würden „Umstände aus dem persönlichen Lebensbereich“ zur Sprache kommen, begründete Richter Sebastian Bührmann die Entscheidung, „Fragestellungen betreffen den Sexual- und Intimbereich“. Durch das große Medieninteresse an dem Fall könnte die Privatsphäre der Zeuginnen in den Fokus der Öffentlichkeit geraten.

Auch für die nächsten Prozesstage in der kommenden Woche sind ehemalige Kollegen aus Delmenhorst und Oldenburg geladen.

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22. Januar: Wussten Kollegen frühzeitig von Högels Taten?

Der Krankenpfleger Frank Lauxtermann hat im Mordprozess in der Weser-Ems-Halle seine ehemaligen Kollegen im Klinikum Oldenburg schwer belastet. „Es gab Kollegen, die haben die Zusammenhänge gesehen, mit den Todesfällen, Reanimationen, dem Namen Niels Högel“, sagte der 55-Jährige als Zeuge vor Gericht. Spätestens Ende 2001 sei die „Stimmung“ gekippt auf der herzchirurgischen Intensivstation, so Lauxtermann. Verschiedene Kollegen hätte sich Sorgen gemacht.

Im Gegensatz zu anderen Zeugen aus dem Klinikum verzichtet Lauxtermann darauf, sich von einem Anwalt beraten und begleiten zu lassen. Das Klinikum habe ihm angeboten, die Kosten zu übernehmen. „Ich habe davon abgesehen, weil ich das Gefühl hatte, das man mich auf eine gewisse Linie bringen wollte“, sagte er am Dienstagvormittag. Er wolle frei sprechen.

Gleich der nächste Zeuge, ein leitender Oberarzt aus dem Klinikum, kam mit Anwalt. Er habe kaum Erinnerungen an Einzelsituationen, sagte er gleich zu Beginn. „Herrn Högel kenne ich nur vom Bild her“, sagte der 60-Jährige.

Lauxtermann berichtete, dass er von Kollegen gehört habe, wie 2005, als Högel in Delmenhorst auf frischer Tat ertappt worden war und erste Zeitungsartikel veröffentlicht wurden, es auch in Oldenburg „geschäftiger“ wurde. Ehemalige Kollegen hätten ihn sogar gebeten, eine anonyme Anzeige zu erstatten. Sie selbst hätten offenbar Angst gehabt, eine Anzeige zu erstatten, weil dies bekannt werden und sie ihren Job verlieren könnten.

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4. Januar: Schon früh gab es konkrete Hinweise

Wenn die Soko „Kardio“ an der Tür klingelte, reagierten die Angehörigen der mutmaßlichen Högel-Mordopfer zumeist bestürzt – häufig aber auch mit einem Kopfnicken. „Das war für sie sehr oft die Bestätigung eines lange gehegten Verdachts“, sagt ein Polizist am siebten Verhandlungstag des Mordprozesses gegen Niels Högel. „Viele hatten die Vermutung schon lange, da stimmt was nicht.“

Dass es trotzdem auch frühzeitig schon konkrete Hinweise gab auf mögliche Mordtaten des Krankenpflegers Högel, macht ein Delmenhorster Kriminalbeamter deutlich. Der inzwischen pensionierte Polizist hatte 2005 die Ermittlungen übernommen, nachdem Högel im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat ertappt worden war. Er ließ sich damals Sterbefälle, Dienstpläne und Listen zur Medikamentenbestellung geben – und ging frühzeitig von einer möglicherweise größeren Zahl an Taten aus. 2006 hätten alle Informationen der Staatsanwaltschaft vorgelegen, sagte der Beamte. Eine Pflegekraft habe ihm damals berichtet, dass sie Högel dabei beobachtet habe, wie er einem ihrer Patienten heimlich ein Medikament spritzte. Der Patient sei dann gestorben.

Dennoch kam es 2006 nur zur Anklage wegen Mordverdachts in einem einzigen Fall: Dieter M., an dessen Bett der Pfleger im Juni 2005 auf frischer Tat ertappt worden war. Der Beamte sagt noch einmal, was er auch schon im Prozess 2014/15 ausgesagt hatte: „Wenn es nach uns gegangen wäre, hätten wir das schon 2006, 07 in dem Maße durchgezogen, wie es ab 2014 geschehen ist.“

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3. Januar: Die vielen Lügen des Niels Högel

Am sechsten Tag der Verhandlung sagen erstmals Zeugen aus. Arne Schmidt, Leiter der Soko „Kardio“, bezeichnet Niels Högel als Lügner, der „durchaus geplant und inszeniert“ vorgehe. Als Beispiel nennt Schmidt eine Aussage Högels bei einer frühen Vernehmung: „Er hat beim Leben seiner Tochter geschworen, dass er in Oldenburg keine Taten begangen habe.“ Högel ist mittlerweile angeklagt, 100 Patienten ermordet zu haben – 36 davon soll er im Klinikum Oldenburg getötet haben.

Schmidts Aussage setzt auch die betroffenen Kliniken unter Druck. So hat es im Klinikum Delmenhorst frühzeitig Hinweise auf einen erheblich gestiegenen Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal gegeben, sagt er. Die Medikamentenkommission habe sich bereits im April 2004 mit dem Thema befasst – 14 Monate, bevor Högel, der Gilurytmal als Mordwerkzeug nutzte, auf frischer Tat ertappt wurde.

Laut Schmidt zog die Medikamentenkommission allerdings die falschen Schlussfolgerungen aus der Entdeckung. Sie stufte das Herzmittel, das bislang nur auf Sonderanforderung zu bestellen war, zum Standardmedikament herab, um den Bestellvorgang zu vereinfachen – „aus ökonomischen Gründen“, so Schmidt. Gilurytmal galt als kostengünstiges Medikament.

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12. Dezember: Gedanken an Suizid – und viele Widersprüche

Einmal, so erzählt es Niels Högel am fünften Prozesstag, will er in den Wald gefahren sein, um sich zu Tode zu trinken. Ein Freund habe ihn davon abgehalten. Seine Festnahme 2005 habe er als „eine Art Befreiung“ erlebt. „Ich war froh, dass es vorbei ist“, sagt er. Die erste Woche in der Haft habe er fast nur geschlafen. Auf die Frage von Richter Sebastian Bührmann, warum er nicht vorher aufgehört habe, antwortet Högel: „Es war automatisiert... so eine Art Routine.“

Mit allen 100 Mordvorwürfen wird das Gericht den Angeklagte schließlich konfrontiert haben. 43 Taten gibt Högel zu, fünf streitet er ab. An die übrigen 52 Patienten kann er sich angeblich nicht erinnern, er schließt eine Tat aber auch nicht aus.

Viele Widersprüche und Ungereimtheiten bleiben. Was man Niels Högel glauben darf, wird das Gericht sorgfältig prüfen müssen.

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11. Dezember: Vom Wunsch, ertappt zu werden

Högel überrascht mit der Aussage, er habe sich „gewünscht, erwischt zu werden“. Er sei immer mehr Risiken eingegangen, habe „Herausforderungen“ gesucht. Immer öfter habe er Patienten die tödliche Medikamenten-Überdosis gespritzt, wenn Kollegen am Bett standen.

Den Ex-Kollegen in Delmenhorst warf er indirekt vor, ihn nicht gestoppt zu haben. „Man hat ja gesehen, dass ich etwas injiziere, und unmittelbar danach tritt die Reanimationssituation ein“, sagte er vor Gericht. „Da hätte man ja schon den Zusammenhang herstellen können. Oder sogar müssen.“

Mit fortschreitender Dienstzeit verblasst offenbar seine Erinnerung an Taten und Patienten zunehmend. Konnte er sich bei den Vorwürfen, die seine Zeit im Klinikum Oldenburg betreffen, noch an 22 von 36 Fällen erinnern, ist es mit Blick auf die Zeit in Delmenhorst nicht einmal mehr ein Drittel.

Lesen Sie: „Ich war in einem Tunnel unterwegs“, Reportage vom 4. Verhandlungstag

22. November: Högel bittet um Entschuldigung

Es ist der dritte Verhandlungstag, das Gericht konfrontiert den Angeklagten weiter Fall für Fall mit den Mordvorwürfen. „Ich sitze hier aus voller Überzeugung, jedem einzelnen Angehörigen eine Antwort geben zu wollen“, sagt Niels Högel.

An den Fall des Herrn Brinkers, der am 14. September 2001 im Klinikum Oldenburg nach einer Überdosis Lidocain starb, erinnert sich Högel offenbar nicht. Aber er richtet einige Worte an den Sohn des Verstorbenen: „Herr Brinkers, ich kann nichts gutmachen. Es ist schwer nachzuvollziehen, was passiert ist. Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihnen.“

Am Ende des Tages wird Högel sich insgesamt zu 50 toten Patienten geäußert haben, 26 „Manipulationen“ wird er zugegeben haben. Vier Taten streitet er ab, an die anderen Fälle erinnert er sich nicht, schließt eine Tat aber ausdrücklich nicht aus.

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21. November: Högel empfindet „Ekel“ vor sich selbst

Die Krankenakten der ersten 30 toten Patienten aus der Anklageschrift hatte Niels Högel zur Vorbereitung im Gefängnis durcharbeiten sollen. Rechtsanwältin Gaby Lübben, die fast 100 Nebenkläger vertritt, fragt Högel, was er heute empfinde, wenn er die Krankenakten lese, wenn er sich an seine Taten erinnere. „Scham“, sagt Högel, „teilweise Ekel vor mir selbst. Und ein großes Fragezeichen.“ Dann sagt er erstmals: „Jeder einzelne Fall, auch wenn ich es lese, tut mir unendlich leid.“

26-mal wird der Richter Högel an diesem Tag fragen, ob er sich erinnern könne: an den jeweiligen Patienten, an die Krankheitsgeschichte, an eine Manipulation. „Manipulation“, so heißt hier vor Gericht der mutmaßliche Mord am Krankenbett. 15-mal wird Högel angeben, er erinnere sich, er habe manipuliert. In den meisten anderen Fällen kann oder will er sich nicht erinnern. Aber fast immer sagt er: „Ich kann es nicht ausschließen.“

Manchmal fällt ihm sogar ein Motiv ein für eine Tat. Er wollte mit seinen Reanimationsfähigkeiten eine spezielle Kollegin beeindrucken, sagt er einmal, „das war dieses Imponiergehabe gegenüber Schwester L.“.

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30. Oktober: Auftakt mit Schweigeminute – Högel sagt aus

Mit einer Schweigeminute für die Opfer lässt Richter Sebastian Bührmann den Prozess beginnen. Niels Högel, der im Prozess 2014/15 bis zum Schluss geschwiegen hatte, äußert sich nun. Auf die Frage, ob die Tatvorwürfe größtenteils zutreffen, antwortet er knapp: „Ja“.

Zu den Hintergründen der Tat erklärt Högel, er habe von einer „elitären Gruppe“ von Pflegekräften auf der Intensivstation anerkannt werden wollen. Schon als Schüler habe er Krankenpfleger werden wollen, später im Beruf habe er unter dem hohen Druck gelitten. „Heute weiß ich: Ich hätte aufhören sollen, ich hätte gar nicht nach Oldenburg gehen sollen“, sagt er.

Ob Högels Aussagen stimmen, darf bezweifelt werden. „Was können wir Ihnen glauben?“, fragt Bührmann. Högel war nach früheren Vernehmungen und im ersten Prozess mehrfach der Lüge überführt worden.

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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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