• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region

Das große Wegschauen

21.02.2018

Oldenburg In einer Freitagsausgabe im September 2006 kündigt die Nordwest-Zeitung den Beginn eines Mordprozesses an, die Überschrift über dem Artikel lautet: „Pfleger wollte Patienten töten“. Ein Krankenpfleger, 29 Jahre alt, soll sich ab der kommenden Woche vor Gericht verantworten; die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, im Klinikum Delmenhorst dem krebskranken Dieter M. ein todbringendes Medikament gespritzt zu haben. Im letzten Absatz des Artikels, Aufmacher auf der ersten Regionalseite, heißt es mit Blick auf den Pfleger, der mehrmals die Arbeitsstelle gewechselt haben soll: „Das Gericht wird auch die Frage prüfen, ob es auch in anderen Kliniken zu ungeklärten Todesfällen gekommen ist.“

Die Frage ist mittlerweile beantwortet: Ja, der Pfleger, sein Name ist Niels Högel, mordete auch in einer anderen Klinik. Er tötete mindestens 35 Patienten in Oldenburg, bevor er nach Delmenhorst wechselte. Dort brachte er mindestens 68 Patienten um, bevor er zu Dieter M. ans Bett trat. M. war Högels 105. Opfer, wie wir heute wissen, danach tötete er noch eine weitere Patientin. 106 Opfer – so viele Tötungen konnten die Ermittler Högel bis Ende 2017 nachweisen. Es können aber auch sehr viel mehr Morde gewesen sein.

Als Högel 2014 ein zweites Mal vor Gericht steht, diesmal geht es um fünf tote Patienten, überschreibt die Nordwest-Zeitung eine später preisgekrönte Hintergrundreportage zu dem Fall mit einer anderen Frage: „Warum stoppte niemand Niels Högel?“ Neun Jahre nach dem Tod von Dieter M. geht es im Fall Högel nicht mehr allein um Mord und Totschlag – es geht auch um ein beispielloses Versagen von Behörden und Institutionen. Zuerst hatten die Kliniken versagt, als sie den vielen Verdachtsmomenten nicht nachgingen und die Mordserie nicht stoppten. Dann versagte die Justiz, als sie nach Högels Festnahme die Ermittlungen verschleppte und die Mordserie nicht aufgeklärte.

Aber möglicherweise haben nicht nur Klinikmitarbeiter und Staatsanwälte versagt, sondern: wir alle.

Wer heute die Högel-Artikel von 2006 aus dem Archiv holt (Link: NWZ-Archiv) und sie noch einmal liest, der tut das mit einer Gänsehaut. So deutlich sind die Hinweise darauf, dass hinter dem Tod von Dieter M. sehr viel mehr stecken könnte als ein Einzelfall. Verhandelt wurden die Hinweise in öffentlicher Sitzung, gedruckt anschließend in der Nordwest-Zeitung, häufig in der Gesamtausgabe mit sechsstelliger Auflage. Auch andere Medien berichteten über den Prozess.

NWZ-Bericht, Dezember 2006

Die Gerichtstexte zitieren zum Beispiel die Delmenhorster Stationsärzte, die im Oktober 2006 von den „starken Verdachtsmomenten“ sprechen, die gegen Högel bestanden hätten. Die Ärzte reden über eine „Häufung von ungeklärten Vorfällen“ und davon, dass die „Vorkommnisse, in denen schwerkranke Patienten hätten wiederbelebt werden müssen, stark zugenommen“ haben.

Im Dezember 2006 heißt es in der Zeitung: „Zeugen hatten von Gerüchten berichtet, wonach im Umfeld des Angeklagten eine Vielzahl von Patienten gestorben sein sollen.“ Und immer wieder geht es in den Gerichtsberichten um das todbringende Herzmittel, das Högel dem Patienten Dieter M. unerlaubt gespritzt haben soll: „In der Delmenhorster Klinik war das in Rede stehende Herzmittel massenhaft bestellt worden, obwohl es offiziell gar nicht mehr eingesetzt wurde.“

Im Gerichtssaal hören diese Sätze die Richter der Strafkammer. Anwälte hören sie, darunter der Verteidiger von Högel (der mit Staatsanwaltschaft und Polizei „abrechnet“, die Ausführungen des psychiatrischen Gutachters „Kaffeesatzleserei“ nennt und einen Freispruch für seinen Mandanten fordert). Zeugen hören sie, die Angehörigen von Dieter M. hören sie, vielleicht auch unbeteiligte Zuhörer, der Prozess ist ja öffentlich.

Ein Gerichtsreporter schreibt die Sätze in seinen Artikel. Ein Redakteur bearbeitet den Text, macht Überschriften und Unterzeilen wie „Zeugin hat auch in der Oldenburger Klinik ein ,ungutes Gefühl‘ beim Angeklagten gehabt“. Vorgesetzte begutachten die Zeitungsseite, sie wird gedruckt, hunderttausendfach verteilt. Sie wird gelesen, Kriminalgeschichten sind beliebter Lesestoff. Die Zeitung erscheint auch in Oldenburg und Delmenhorst, wo Tausende Menschen leben und lesen, die Klinikpatienten sind, waren oder kennen.

Hätten wir nicht alle rufen müssen: Ermittelt weiter, bohrt tiefer, da steckt doch viel, viel Schlimmeres dahinter?

Noch deutlicher sind die Aussagen 2008, als sich das Landgericht Oldenburg erneut mit dem Fall Dieter M. befassen muss. Der Bundesgerichtshof hatte das Urteil von 2006 in Teilen nicht zugelassen und an die Strafkammer zurückverwiesen. In der Zeitung stehen jetzt Sätze wie:

Gerichtsreporter Franz-Josef Höffmann, der den Prozess 2006 und 2008 für verschiedene Zeitungen begleitete, sagt heute: „Das Gefühl, dass wir es hier nur mit der Spitze des Eisbergs zu tun haben, hatten wir alle. Aber letztlich konnte sich wohl kein Mensch vorstellen, was wirklich dahintersteckt.“

2014 steht Niels Högel erneut vor Gericht, es geht um den Tod fünf weiterer Patienten. Wieder sagen Zeugen aus den Kliniken aus, wieder ist von den Verdachtsmomenten gegen Högel die Rede. Im Oktober 2014, der Prozess läuft seit wenigen Wochen, steht auf der Titelseite der Nordwest-Zeitung und verschiedener Partnerzeitungen die Schlagzeile: „Hunderte Patienten getötet?“ Die Zeitungen werden mehrere Hunderttausendmal gedruckt, die Schlagzeile wird im Internet verbreitet.

Aber immer noch sind die öffentlichen Reaktionen verhalten. Überregionale Medien interessieren sich kaum für den Fall, im Prozess sitzen oft nur zwei Lokalreporter. Erst ganz allmählich, nach immer neuen Berichten, setzt Aufmerksamkeit ein. Eine bundesweite Berichterstattungswelle setzt ein – und verebbt anschließend wieder schnell.

Können wir uns das Schlimmste nicht vorstellen? Wollen wir es uns nicht vorstellen? Oder verdrängen wir die Hinweise, weil es um den Tatort Krankenhaus geht, wo wir uns und unsere Angehörigen anderen Menschen ausliefern müssen?

Als Polizei und Staatsanwaltschaft dann 2016 und 2017 immer neue Opferzahlen veröffentlichen, als schließlich Mordanklage gegen Högel in 100 Fällen erhoben wird, berichten auch die „New York Times“, „Sydney Morning Herald“, die „South China Morning Post“. Zwölf, dreizehn Jahre nach den ersten gedruckten Hinweisen auf den Verdacht einer Tötungsserie im Krankenhaus ist der Fall Högel in der Öffentlichkeit angekommen.

Der Prozess gegen Niels Högel wird ein Medien-Ereignis werden. Es wird ein Mammut-Prozess in mehrfacher Hinsicht, sogar der große Sitzungssaal des Oldenburger Landgerichts ist zu klein dafür, verhandelt wird deshalb in den Festsälen der Weser-Ems-Halle. Dort finden sonst Feiern, Kongresse und Messen statt, 700 Menschen haben Platz. Auch zum Högel-Prozess werden viele Menschen kommen: Allein die Delmenhorster Rechtsanwältin vertritt nach eigenen Angaben mehr als 100 Nebenkläger, insgesamt sind es knapp 120. 80 Sitzplätze sind für Journalisten reserviert, weitere 118 Plätze gibt es für Zuschauer.

Erst einmal in seiner jüngeren Geschichte hat das Landgericht auswärts getagt: Bei den Kriegsverbrecher-Prozessen Ende der 40er-Jahre musste man ins nahe Augusteum ausweichen, weil das Gerichtsgebäude im Krieg beschädigt worden war. Neuland betritt das Gericht jetzt auch bei der zu erwartenden Prozess-Dauer: Das Gericht hat angekündigt, lediglich alle drei Wochen an jeweils zwei Tagen verhandeln zu wollen – denn neben Högel soll die Strafkammer auch noch andere Fälle bearbeiten können. Der Prozess kann so zu einer langwierigen Angelegenheit werden, immerhin müssen die Richter 100 Todesfälle aufarbeiten. Termine sind bis Mai 2019 festgesetzt.

Januar 2009, zum Prozess um den Tod des Klinikpatienten Dieter M. erscheint ein letzter Zeitungsartikel: „Es bleibt bei Haftstrafe für Delmenhorster“. Der Bundesgerichtshof hat die Revision der Verteidigung zurückgewiesen, das Urteil ist rechtskräftig. Niels Högel muss für siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis, wegen Mordversuch an einen Patienten. Damit enden Berichterstattung bis 2014 und öffentliche Diskussion. Heute wissen wir sicher, was sich damals andeutet: Mehr als 106 Klinikpatienten sind tot, vielleicht sogar 200.

Aber damals fragten wir nicht länger nach, Högel saß im Gefängnis, die Welt drehte sich weiter.


Sehen Sie hier: Wo Högel gewirkt und gemordet hat

Lesen Sie auch:
Oldenburg

Die Akte Högel
Der Täter – „Ja, ich bin ein Serienmörder“

Der Täter – „Ja, ich bin ein Serienmörder“
Oldenburg

Die Akte Högel
Die Justiz – Das Zögern des Staatsanwalts

Die Justiz – Das Zögern des Staatsanwalts
Oldenburg

Die Akte Högel
Die Morde – Auf frischer Tat ertappt

Die Morde – Auf frischer Tat ertappt
Oldenburg

Die Akte Högel
Die Heldin – Eine Frau gibt nicht auf

Die Heldin – Eine Frau gibt nicht auf
Oldenburg

Die Akte Högel
Die Kliniken – Das Versagen der Helfer

Die Kliniken – Das Versagen der Helfer
Oldenburg

Die Akte Högel
Die Opfer – Das Leiden der Anderen

Im Klinikum Delmenhorst stirbt ein Mann: Familienvater, viel zu jung für den Tod. Ein Schlaganfall, heißt es später. Er ist mehr als zehn Jahre tot, als die Polizei plötzlich bei seiner Frau vor der Tür steht und sagt: Ihr Mann wurde vielleicht ermordet, ermordet vom Krankenpfleger Niels Högel. Hunderte Patienten-Angehörige haben eine solche Nachricht erhalten, und für viele von ihnen bleibt das „Vielleicht“ für immer.

Oldenburg

Die Akte Högel
Der Täter – „Ja, ich bin ein Serienmörder“

Der Täter – „Ja, ich bin ein Serienmörder“
Oldenburg

Die Akte Högel
Die Justiz – Das Zögern des Staatsanwalts

Die Justiz – Das Zögern des Staatsanwalts
Oldenburg

Die Akte Högel
Die Morde – Auf frischer Tat ertappt

Die Morde – Auf frischer Tat ertappt
Oldenburg

Die Akte Högel
Die Heldin – Eine Frau gibt nicht auf

Die Heldin – Eine Frau gibt nicht auf
Oldenburg

Die Akte Högel
Die Kliniken – Das Versagen der Helfer

Die Kliniken – Das Versagen der Helfer
Oldenburg

Die Akte Högel
Die Opfer – Das Leiden der Anderen

Im Klinikum Delmenhorst stirbt ein Mann: Familienvater, viel zu jung für den Tod. Ein Schlaganfall, heißt es später. Er ist mehr als zehn Jahre tot, als die Polizei plötzlich bei seiner Frau vor der Tür steht und sagt: Ihr Mann wurde vielleicht ermordet, ermordet vom Krankenpfleger Niels Högel. Hunderte Patienten-Angehörige haben eine solche Nachricht erhalten, und für viele von ihnen bleibt das „Vielleicht“ für immer.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2020
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.