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NWZonline.de Region

Der Täter – „Ja, ich bin ein Serienmörder“

21.02.2018

Oldenburg Er lebt jetzt hinter einer grünen Stahltür, so wie alle anderen hier auch. Auf 9,9 Quadratmetern, gefüllt mit Haftraumstandard: ein Multiplex-Holzbett mit zwei integrierten Regalböden; ein abnehmbares Wandregal, 40 mal 40 Zentimeter; ein Kleiderschrank, zwei Meter hoch und 50 Zentimeter breit; ein Sideboard für Lebensmittel; ein Stuhl; ein Fernsehtisch. Abgetrennt der Waschraum: Waschbecken, Toilette, Spiegel, Wandregal.

Es gibt eine Liste der „zulassungsfähigen Gegenstände“, sie regelt den persönlichen Besitz des Gefangenen. Er darf zum Beispiel in seiner Zelle haben: einen Flachbildschirm, 66 Zentimeter groß; eine Kaffeemaschine; einen Schachcomputer; zehn Bücher; zwei Poster; eine Landkarte (ohne Straßenverzeichnisse); eine Schreibmaschine.

Ausschnitt von Högels Brief an die NWZ-Reportagen-Redaktion

Der Häftling Niels Högel, ein zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilter Serienmörder, 41 Jahre alt, benutzte keine Schreibmaschine, als er im Sommer 2015 einen Brief an zwei Reporter der Nordwest-Zeitung schrieb. Er schrieb per Hand, blaue Tinte auf Karopapier, krakelige Jungenschrift: „Sehr geehrter Herr Seng, sehr geehrter Herr Krogmann“, schrieb er: „Können Sie sich auch nur ansatzweise vorstellen, was das mit mir gemacht hat?“

Vielleicht blickte der Mörder beim Schreiben durchs Fenster, vorbei an dem nichtbrennbaren Vorhang. Hinterm Fenster ragen zuerst viereinhalb Meter Stacheldrahtzaun auf, dann sechseinhalb Meter Mauer. Hinter der Mauer liegt Oldenburg, von hier aus sind es nur ein paar Hundert Meter bis zum Klinikum. Dort tötete der Krankenpfleger Niels Högel mindestens 35 wehrlose Patienten auf der Intensivstation, weitere 69 Menschen mussten später auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst sterben.

„Können Sie sich vorstellen, was das mit mir gemacht hat?“ Mit „das“ meinte er nicht seine Mordtaten oder das Leid der trauernden Opfer-Angehörigen. Er meinte die „Hetzjagd“, die die beiden Reporter auf ihn gemacht hätten. „Sie haben einen großen Teil dazu beigetragen, dass ich in Deutschland als ,Klinikmonster‘ bezeichnet werde“, schrieb Högel. In seinem Umfeld sei „so viel zu Bruch gegangen“, seine Eltern seien beschimpft und bedroht worden. Der Mörder klagte: „Diese enorme Last ist manchmal kaum kompensierbar!“

Ausschnitt von Högels Brief an die NWZ-Reportagen-Redaktion

Högel sitzt in Oldenburg im Gefängnis, weil er Patienten eine Überdosis des Herzmittels Gilurytmal gespritzt hat. Er wollte, dass die Herzen der Patienten versagen, damit er sie wiederbeleben kann; er wollte so zum Retter werden. Mindestens 103 Patienten starben, das haben die Ermittler der Sonderkommission „Kardio“ herausgefunden. Vielleicht waren es aber auch viel mehr Opfer, es gibt ein großes Dunkelfeld. So konnten weit über 100 Patientenleichen nicht mehr untersucht werden, weil sie eingeäschert worden sind. Hunderte Familien werden nie erfahren, was mit ihren Angehörigen geschah.

Aber Högel beschäftigt vor seinem Karopapier etwas anderes: „Ich“. „Mein“. „Mich“. 54-mal gebraucht er diese Wörter in seinem Brief. „Patient“, „Opfer“ oder „Angehörige“ kommen hingegen kein einziges Mal vor. Sogar wenn es um seine Taten geht, bezieht er sie nur auf sich: „Ich weiß, was ich bin, wer ich leider war, und was für eine unermessliche Schuld ich auf mich geladen habe“. „Ja, ich bin ein Serienmörder“.

Aber warum wurde er der, der er „leider war“? Wie wurde er zum Serienmörder? Das sind Fragen, die die Angehörigen der Opfer immer wieder der Polizei stellten oder auch uns Zeitungsreportern. Was geht im Kopf eines solchen Menschen vor?

Niels Högel wird 1976 in Wilhelmshaven geboren. Er wächst in einem katholischen Elternhaus auf, der Vater arbeitet als Krankenpfleger, die Mutter geht putzen. „Warmherzig und tragfähig“ nennt Högel die Familie später im Gespräch mit seinem psychiatrischen Gutachter Konstantin Karyofilis. Als Niels elf Jahre alt ist, trennen sich die Eltern für einige Zeit, er entwickelt Ängste. Die Schulleistungen sind durchschnittlich, der Junge spielt gern Fußball. Niels besucht die Integrierte Gesamtschule, Mitschüler und Lehrer erinnern sich an ihn als nett, fröhlich, hilfsbereit. Er ist kein Einzelgänger, immer ist er mittendrin. „Ein ziemlich normaler Schüler“, sagt sein Klassenlehrer sehr viel später über ihn. Da sitzt Högel bereits im Gefängnis.

Der junge Högel interessiert sich für den Arztberuf, aber er hat kein Abitur. Feuerwehrmann würde er auch gern werden, aber das geht nicht wegen seiner Höhenangst. 1994 beginnt er im St.-Willehad-Hospital Wilhelmshaven eine Ausbildung zum Krankenpfleger, nach dem (mittelmäßigen) Examen wird er übernommen. In seiner Freizeit fährt er auf dem Rettungswagen mit, er legt die Prüfung zum Rettungsassistenten ab. Arzt, Feuerwehrmann, Lebensretter: Sucht Högel einen Nervenkitzel, den er in der Pflege nicht findet?

Außenansicht des Klinikums in Oldenburg. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

1999 wechselt er nach Oldenburg ans Klinikum, er fängt auf der herzchirurgischen Intensivstation an. Die Arbeit dort ist anspruchsvoll, die Klinik übernimmt zunehmend komplizierte und riskante Herz-Operationen. Menschen müssen wiederbelebt werden, Menschen sterben, der Tod gehört hier zum Alltag. Das Gericht wird später feststellen, dass Högel die Arbeit „gleichsam verängstigt und fasziniert“ habe.

In seinem Brief an die Reporter fragt Högel: „Warum haben Sie sich in meinem früheren Umfeld über mich informiert? Sie haben zwar Antworten bekommen, die waren aber völlig nutzlos. Der Mensch, der ich damals war, bin ich nicht mehr.“

Die Mitschüler, Nachbarn und Lehrer von früher sagen heute über Högel: „Es gab doch gar keine Anzeichen!“ Die Soko „Kardio“ geht davon aus, dass Niels Högel im Februar 2000 im Klinikum Oldenburg seinen ersten Mord beging. Wann hat sich der Mensch, an den sich das Umfeld von Högel erinnert, verändert? Und warum?

Da war das Sterben auf der Station. Da war sein Vater, der einen Herzinfarkt erlitt. Da war die Freundin, die bei einem Verkehrsunfall starb. Da war sein eigener Unfall, zweifacher Überschlag mit dem Auto, da waren die anschließenden Panikattacken. „Eigentlich ist Högel ein Angsthase“, wird sein Gutachter später vor Gericht sagen. Högel hat Höhenangst, Angst vor Achterbahnen, Verlustängste, Versagensängste, Angst vor dem Tod. Verschwindet die Angst, wenn man den Tod besiegt? Högels Gutachter sagt, Högel habe genau das versucht: den Tod zu besiegen.

Högel hat aber nicht nur Angstneurosen entwickelt, unterwegs muss ihm auch jegliche Empathie verloren gegangen sein. Geschah das in der Maschinen-Umgebung der Herzchirurgie? Sein ehemaliger Kollege Frank Lauxtermann, der mit Högel in Oldenburg arbeitete, beschreibt ihn als Pfleger, der kaum mit Patienten sprach. Ein Pfleger, für den dort im Bett nicht ein Mensch lag, sondern ein Bypass. Högel war kein „Todesengel“, als den ihn manche Medien bezeichnet haben; er tötete nicht aus Mitleid. Er fühlte nur: Ich! Mein! Mich!

Er beginnt, sich zu inszenieren. Auf der Intensivstation wird er zum „Retter“: Wenn es einen Alarm gibt, ist er der erste, der den Notfallwagen holt. Er reanimiert, er tut das „zupackend“, loben ihn Kollegen später vor Gericht, „kompetent“. Mindestens einmal holt Högel in Oldenburg bei einer Reanimation zwei Lernschwestern hinzu, um sie mit seinen Fähigkeiten zu beeindrucken.

Das Josef-Hospital Delmenhorst. Hier arbeitete Högel von 2002 bis 2005. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Als er später dem Gutachter seinen ersten Mord schildert, inszeniert er das so: Nachtschicht, er steht auf der Intensivstation vor dem Medikamentenschrank, er fühlt eine innere Leere. Als ob man lange nichts gegessen habe, so beschreibt er das Gefühl. Er sucht ein Mittel, das Patienten in Not bringt, es soll aber nicht tödlich sein. Er sieht das Herzmedikament Gilurytmal, er kennt es aus dem Rettungsdienst. Er zieht drei Ampullen auf, spritzt den Inhalt um kurz vor 2 Uhr der Patientin Brigitte Arndt, 61 Jahre alt. Um 2.39 Uhr stirbt Frau Arndt. Es ist der 28. März 2003, Högel war vor einem Jahr von Oldenburg nach Delmenhorst gewechselt.

Den Mord gab es, Brigitte Arndt starb in jener Nacht. Aber sie war nicht Högels erstes Opfer, sie war sein 40. oder 50. Die plötzliche Leere: ausgedacht. Der spontane Griff zum Gilurytmal: gelogen.

Högel inszeniert sich im Gefängnis. Mitgefangene berichten, wie er Hof hielt. Er scherzte, er lachte, er sagte Sätze wie: „Ich habe bei 50 aufgehört zu zählen“ und „Dann bin ich ja der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte“.

Er inszeniert sich auch vor Gericht, als ihm 2014/15 wegen fünf toter Delmenhorster Patienten der Prozess gemacht wird. Zuerst schweigt er monatelang. Dann, nach seinem Gespräch mit dem Gutachter, beginnt er eine Kommunikation mit dem Richter, zunächst noch wortlos.

„War es Ihre eigene Entscheidung, mit dem Gutachter zu reden?“, fragt der Richter. Högel nickt eifrig.

„Es gab kein anwaltliches Drängen?“ Verneinendes Brummen.

„Ich werte Ihr Verhalten dahingehend, dass Sie mein Angebot zu einem kommunikativen Verfahren angenommen haben.“ Kräftiges Kopfnicken, aber immer noch kein Wort.

Was also geht im Kopf eines solchen Menschen vor? Warum mordete Niels Högel?

Der Gutachter diagnostizierte eine zwanghafte paranoide Persönlichkeitsstörung bei Högel, depressive Störungen, Panikattacken, Medikamentenmissbrauch, später auch Alkoholabhängigkeit. Eine Antwort ist das nicht.

In seinem Brief an die Nordwest-Zeitung schrieb Högel: „Zum Schluss möchte ich Ihnen sagen, dass ich nicht böse auf Sie bin.“ Er sei sehr traurig über die „Kollateralschäden“: „Einiges wäre sicherlich vermeidbar gewesen.“ Er meinte damit nicht seine Opfer. Er meinte die Opfer der „Unfairness“, die die Reporter begangen haben. Er meint, allen voran: das Opfer Niels Högel.

Sehen Sie hier: Wo Högel gewirkt und gemordet hat

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
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