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NWZonline.de Region

Die Morde – Auf frischer Tat ertappt

21.02.2018

Oldenburg Klinikum Delmenhorst, 22. Juni 2005, ein Mittwoch; auf der Intensivstation hat die Spätschicht begonnen. In Zimmer 6 liegt der ehemalige Justizvollzugsbeamte Dieter M. aus Bremen im künstlichen Koma. M., 63 Jahre alt, leidet an Lungenkrebs; er hat gerade zwei Operationen überstanden. Die Ärzte haben einen Luftröhrenschnitt vorgenommen. M. ist sehr krank, aber sein Zustand ist stabil.

Bis der Krankenpfleger Niels Högel, 28 Jahre alt, in sein Zimmer tritt.

Högel spritzt Dieter M. 40 Milliliter des Medikaments Gilurytmal in die Vene. Gilurytmal (Wirkstoff Ajmalin) ist ein Herzmittel, eine Überdosis kann lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen und einen Blutdruckabfall verursachen.

Neben dem Krankenbett steht eine Infusionspumpe, Dieter M. erhält darüber pro Stunde sieben Milliliter des Blutdruckmedikaments Arterenol. Högel dreht die Pumpe auf null. Als der Überwachungsmonitor einen Alarm auslöst, schaltet Högel den Ton ab.

Bei Dieter M. setzt ein lebensbedrohliches Herzkammerflattern ein, sein Blutdruck sackt ab. Eine Krankenschwester kommt zufällig ins Zimmer. Högel sagt zu ihr: „Dein Patient hat keinen Druck mehr.“ Die Schwester ruft einen Kollegen zur Hilfe, gemeinsam leiten die beiden Wiederbelebungsmaßnahmen ein. Sie können Kreislauf und Blutdruck von Dieter M. wieder stabilisieren. Vorerst.

29 Stunden später ist Dieter M. tot.

Das Hauptgebäude des Josef-Hospital in Delmenhorst. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Die Krankenschwester ist misstrauisch geworden, sie nimmt Dieter M. nach der Reanimation eine Blutprobe ab. In der Klinikapotheke stellt sie fest, dass fünf Ampullen Gilurytmal zu je 10 Milliliter fehlen. Die Schwester weiht den Kollegen ein, der bei der Reanimation von Dieter M. dabei war. Der Kollege findet vier leere Ampullen des Medikaments im Mülleimer der Intensivstation.

15 Monate später, Landgericht Oldenburg: Auf der Anklagebank sitzt Niels Högel, 29 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord an Dieter M. vor; Högel habe sich als „Herr über Leben und Tod“ aufgespielt, heißt es in der Anklageschrift. In dem Prozess soll es auch um die Frage gehen, ob Högel als „Todesengel“ auftrat, ob er also schwerkranke Patienten aus Mitleid tötete.

Noch weiß niemand, dass Dieter M. nicht das einzige Opfer von Niels Högel ist. Er ist auch nicht sein erstes Opfer: Nach den Ermittlungsergebnissen der Sonderkommission „Kardio“ von 2017 war Dieter M. mindestens Opfer Nummer 103. Vielleicht war er auch schon Nummer 150 oder Nummer 200, die Zahl der Verdachtsfälle ist weitaus höher als die der nachweisbaren Morde. Als sicher gilt heute: Es war Högels zweitletzte Tat am Ende einer fünfjährigen Mordserie; nach dem 24. Juni 2005 kehrte er nicht mehr ins Klinikum zurück.

Nachweisbar sind 104 Taten, bei denen der Täter immer nach dem gleichen Muster vorgeht. Er spritzt den Patienten auf der Intensivstation die Überdosis eines Medikaments, um so Kammerflimmern oder sogar einen Herzstillstand auszulösen. Er tut das nicht als „Todesengel“; Högel geht es nicht um die Patienten, es geht nur um ihn selbst. Als Högel 2014/15 wegen fünf weiterer Taten vor Gericht steht, stellt die Strafkammer fest: „Es kam ihm nicht darauf an, den Patienten zu retten, sondern sein ,handwerkliches Können‘ auf dem Gebiet der Reanimation vorzuführen.“ Högel, so heißt es im Urteil, wollte „den Nervenkitzel der Reanimation“ erleben.

Der Mörder selbst beschreibt es im zweiten Prozess von 2014/15 so:

März 2003, mitten in der Nacht. Er steht vor einem Medikamentenregal auf der Intensivstation, er fühlt eine innere Leere. Er sucht ein Mittel, das Patienten in Not bringt, aber nicht tödlich ist. Er will reanimieren, will sich besser fühlen. Er weiß doch, dass das funktioniert. Beim ersten Mal in Delmenhorst haben ihn die neuen Kollegen gelobt, haben ihm auf die Schulter geklopft. Damals konnte er für den Notfall nichts. Jetzt muss er nachhelfen, damit es zu einem Notfall kommt.

Der Medikamentenschrank. Högel fallen die Ampullen mit Gilurytmal ins Auge. Das Herzmedikament kennt er vom Rettungsdienst in Ganderkeese, wo er seit 2002 nebenberuflich arbeitet. Gilurytmal wirkt schnell. Drei Ampullen zieht er auf, schleicht sich in ein Patientenzimmer, stellt den Alarm ab, spritzt einer Patientin zehn Milliliter. Die Kolleginnen nebenan merken nichts.

Der Blutdruck der Patientin sinkt dramatisch. Als Ärzte und Schwestern herbeieilen, hat Högel schon mit der Herzdruckmassage begonnen. Die Frau stabilisiert sich. Högel fühlt sich gut. Er sorgt jetzt immer wieder für Notfälle. Bis er an jenem Mittwoch im Juni 2005 am Bett von Dieter M. auf frischer Tat ertappt wird.

Den Ermittlungen der Soko „Kardio“ zufolge war aber auch die Patientin vom März 2003 nicht Högels erste Tat; er hatte im März 2003 schon mindestens 40, 50 Patienten getötet. Er hat auch nicht das Gilurytmal zufällig im Medikamentenschrank auf der Station in Delmenhorst entdeckt, er nutzte es schon in Oldenburg als Mordwaffe.

Gilurytmal ist ein Medikament, das zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen eingesetzt wird. Der Wirkstoff heißt Ajmalin, das ist ein sogenanntes Antiarrhythmikum. Langsam und in kleinen Dosen verabreicht, kann das Mittel die Herzrhythmusstörung hemmen. Zu schnell oder in zu großer Menge gespritzt, kann Ajmalin Kammerflimmern, Blutdruckabfall oder Herzstillstand auslösen. Eine Überdosis kann so innerhalb von 15 bis 20 Minuten zum Tod führen, erklärt ein Sachverständiger 2014 vor Gericht. Acht Jahre vorher sagen - ebenfalls vor Gericht, Delmenhorster Klinikärzte aus - dass sie das Medikament wegen dieser schwer einschätzbaren Nebenwirkungen nur sehr selten nutzten.

Dem Pfleger Niels Högel, dem seine Kollegen eine hohe medizinische Kompetenz bescheinigten, kennt die Wirkung von Gilurytmal ganz genau, als er ans Bett von Dieter M. tritt. Er hat es bereits etliche Male gespritzt, immer zog er 30 bis 40 Millimeter auf, niemals mehr. Er will die Patienten ja noch wiederbeleben können, um sich als Retter zu inszenieren – ein Beweggrund „auf tiefster Stufe“, wie das Gericht urteilt, „in besonderem Maße verachtenswert“.

Das Medikament, Högels Mordwaffe, steht auch nicht zufällig in ausreichender Menge im Medikamentenschrank. Högel bestellt es selbst.

Der Pfleger, der eigentlich lieber Arzt geworden wäre, hat ein „überdurchschnittliches medizinisches Fachwissen“, das bescheinigt ihm später auch sein Richter. Er will künstlich Notfallsituationen schaffen, dafür sucht er ein geeignetes Medikament. Als er im Februar 2000 zum ersten Mal eine Patientin tötet, spritzt er ihr Xylocain (Wirkstoff: Lidocain). Das ist ein Betäubungsmittel, das auch als Antiarrhythmikum wirkt. Bereits im Juli 2000 verwendet er zum ersten Mal Gilurytmal, das haben die Ermittlungen der Soko „Kardio“ ergeben.

Die Soko-Ermittler finden Belege, dass Högel mindestens fünf verschiedene Medikamente nutzte. Aber Gilurytmal mit Wirkstoff Ajmalin wird sein Favorit. Rund zehnmal tötet er damit in Oldenburg, rund dreißigmal in Delmenhorst. Aus Sicht des Mörders hat das Medikament einen großen Vorteil: Der Körper baut es schnell wieder ab, die Entdeckungsgefahr ist also gering.

Die Delmenhorster Ärzte setzen Gilurytmal allerdings kaum ein; in den Jahren bis 2002 werden durchschnittlich nur 50 bis 60 Ampullen jährlich an die Klinik geliefert. Das ändert sich, als der Pfleger Högel im Dezember 2002 seinen Dienst antritt. Er erkennt schnell, dass ihm die „Eigenarten des –auch hier auf vertrauensvolle Zusammenarbeit basierenden - Bestellsystems“ in die Hände spielen, wie es später das Gericht formuliert. Das heißt: Obwohl die Medikamentenbestellung offiziell Sache der Ärzte ist, kann der Pfleger bestellen, was und wie viel er will. Auch andere Pfleger sagen vor Gericht aus, dass auf der Station wechselnde Pflegekräfte die Bestellungen übernommen hätten; Gesamtübersichten etwa über Monatsmengen seien nicht erstellt worden.

Bald versiebenfacht sich der Gilurytmal-Verbrauch auf Högels Station. Im Jahr 2003 werden 225 Ampullen geliefert, 2004 sind es 380 Ampullen. Im ersten Halbjahr 2005 kommen weitere 180 Ampullen an, im zweiten Halbjahr sind es: null. Seit dem 25. Juni 2005 arbeitet der Pfleger Högel nicht mehr in Delmenhorst.

Merkt das niemand?

Die Delmenhorster Klinik erhält die Medikamente aus der Krankenhaus-Apotheke des Klinikums Oldenburg. Ausgerechnet Oldenburg: Von dort war der Mörder nach Delmenhorst gekommen, nachdem ihn die Oldenburger Vorgesetzten weggelobten hatten, weil sie kein Vertrauen mehr zu ihm hatten. Lieferten die Oldenburger dem Mörder jetzt auch die Mordwaffe?

Dirk Tenzer, Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

In einer ausführlichen Stellungnahme nimmt Ende 2014 der Oldenburger Klinikchef Dr. Dirk Tenzer dazu Stellung. Er verweist auf dreierlei. Erstens: Jede Medikamentenbestellung sei von einem Delmenhorster Arzt unterschrieben worden. Zweitens: Oldenburg habe Delmenhorst monatlich Verbrauchswerte übermittelt, um so den Kollegen eine interne Kontrolle zu ermöglichen. Drittens: Man habe die Delmenhorster Kollegen zudem „ausdrücklich“ auf den gestiegen Gilurytmal-Verbrauch hingewiesen.

Postwendend bestreitet das Klinikum Delmenhorst diesen ausdrücklichen Hinweis und fordert Tenzer auf, die Aussage zurückzunehmen. Der weigert sich, konkretisiert aber: „Der ausdrückliche Hinweis bezog sich nicht auf einen gesonderten Hinweis bezüglich des einzelnen Medikamentes Gilurytmal. Mit einem 5‐seitigen Schreiben (…) wurden Medikamenten‐Listen übermittelt, in denen die Anzahl der Sonderanforderungen an Gilurytmal sichtbar war.“

Mit dem neuen Krankenhausgesetz, das die rot-schwarze Koalition in Niedersachsen als Reaktion auf die Mordserie Högel noch im ersten Halbjahr 2018 verabschieden will, soll die Einrichtung von Stationsapotheken in den Krankenhäusern vorgeschrieben werden. Die Politik hofft, dass damit ein ungewöhnlich hoher Medikamentenverbrauch schneller auffällt als im Fall Högel.

Nachdem Niels Högel am 22. Juni 2005 auf frischer Tat ertappt wurde, tritt er am 24. Juni seine letzte Spätschicht an. Noch hat niemand die Polizei informiert; noch überlegen Högels Vorgesetzte, wie sie mit dem Pfleger weiter verfahren sollen. Er tritt ans Bett von Renate R. und spritzt ihr ein Antiarrhythmikum, diesmal ist es Sotalex, Wirkstoff Sotalol. Vielleicht, weil sie ihn mit Gilurytmal erwischt hatten. Vielleicht, weil Sotalex gerade da war. Auf jeden Fall, weil es so einfach ist.

Renate R. stirbt. Sie ist Högels letztes Opfer.

Sehen Sie hier: Wo Högel gewirkt und gemordet hat

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
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