Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Oldenburger Rabbinnerin Alina Treigler Im Judentum herrscht Freiheit zur Diskussion

Oldenburg -

Wie wird die Rolle der Frau im Judentum begründet?

Die Gebote und Pflichten, an die sich gläubige Juden halten, stehen in der Thora, also den fünf Büchern Mose. So wie etwa die Zehn Gebote. Was dort steht, müsse aber immer wieder interpretiert werden, je nach der gesellschaftlichen Entwicklung. „In Schriften wie dem Talmud beschäftigen sich Rabbiner, also Männer, damit, welche Pflichten und Gebote Frauen einzuhalten haben“, erklärt Treiger. Der Talmud ist die zunächst mündliche Lehre, die auf Moses zurückgeführt wird, aber erst später verschriftlicht wurde. Die Rabbiner hätten Frauen die Rolle der Hausfrau, Ehefrau, Mutter oder Gefährtin zugeschrieben. Die Rolle als Mutter ist wichtig, denn die jüdische Religion wird über die Mutter weitergegeben. Wer einen jüdischen Vater, aber keine jüdische Mutter hat, muss nach orthodoxer Auslegung zum Judentum konvertieren.

Wie unterscheiden sich Gebote für Männer und für Frauen?

„Wir trennen bei den Geboten in der Thora zwischen den Bereichen zwischenmenschlich und zwischen Mensch und Gott“, sagt Alina Treiger. Die zwischenmenschlichen, ethischen Gebote gälten für beide Geschlechter. Bei denen zwischen Mensch und Gott gehe es um identitätsstiftende Fragen, die den Alltag im Glauben bestimmen. So gebe es Gebote, die explizit für bestimme Feiertage sind. „Da werden einzelne Rituale und Handlungen sehr detailliert vorgegeben.“ Viele Gebote sind dabei zeitlich gebunden. Dazu gehören das morgendliche und abendliche Gebet, früher die Pilgerreise nach Jerusalem zum Tempel sowie das Wohnen in der Laubhütte während des Festes Sukkot. „Für Frauen kollidieren diese Gebote mit anderen zeitlichen Pflichten“, sagt die Rabbinerin. Das liege einerseits am weiblichen Zyklus. Dieser unterliege speziellen Reinheitsgesetzen. Andererseits verhinderten die Hausarbeit oder die Kinder die Teilnahme an diesen zeitlich festgelegten Geboten. „Das bedeutet aber nur, dass Frauen von diesen Geboten befreit sind. Nicht, dass ihnen verboten ist, die Gebote trotzdem zu befolgen“, sagt Treiger.

Wann haben diese Rollenbilder angefangen sich aufzulösen?

Dass sich Juden im Allgemeinen und Frauen im Besonderen nach und nach emanzipierten, habe Treiger zufolge Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen. Grundlage dafür sei gewesen, was in der Thora verboten und was nicht verboten wurde. „Es gibt im Judentum eine Freiheit zur Diskussion“, sagt die Rabbinerin. Es gebe immer die Möglichkeit, zurück zu den Quellen zu gehen und diese gegebenenfalls neu auszulegen. „Auch ein Rabbiner kann nicht verbieten, was nicht in der Thora steht.“ Mit den ersten Reformen wie kürzeren Gottesdiensten oder einer Predigt in der Landessprache habe sich das sogenannte Reformjudentum gebildet. Anders als orthodoxe sehen diese liberalen Jüdinnen und Juden unter anderem kein Problem darin, Frauen zu Rabbinerinnen zu ordinieren. „Die Entwicklung in der ganzen Gesellschaft erreichte also auch die Religion“, sagt Treiger.

Was ist das Problem mit Rabbinerinnen?

Für orthodoxe Juden haben Frauen nach wie vor die von den Rabbinern festgelegten Rollen. „Es war schon früher so: Eine Frau dürfte nur dann aus der Thora lesen, wenn niemand anderes anwesend ist, der das kann“, sagt Alina Treiger. Aber auch dann habe gegolten: Die Frau solle das nicht tun, weil es die anwesenden Männer beleidigen könnte, wenn eine Frau könne, was sie nicht können. Orthodoxe täten sich schwer damit, wenn Frauen vor Männern stehen und lesen oder vorbeten. „Das liegt an der weiblichen Stimme und daran, dass die Frau noch immer ein sexualisiertes Objekt ist.“ Das lockere sich aber und es würden nach und nach mehr Kompromisse gefunden.


Wie ist die Situation in Oldenburg?

In Deutschland gibt es viele verschiedene jüdische Gemeinden, sowohl liberale als auch orthodoxe, wobei letztere überwiegen. Die Gemeinde in Oldenburg ist eine Einheitsgemeinde. „Bei uns sind alle willkommen“, sagt Treiger. Die Jüdinnen und Juden, die hier zum Beten in die Synagoge kommen, seien zum Großteil eher traditionell ausgerichtet. Entscheidungen würden jedoch demokratisch getroffen. „Inzwischen haben sich auch die Traditionellen damit abgefunden, auch mit mir“, sagt die Rabbinerin. Das liege wohl zum Teil daran, dass sie keine andere Wahl gehabt hätten, weil es nur eine jüdische Gemeinde hier gibt. „Aber sie haben gemerkt, dass auch Frauen die Ansprüche an das Amt des Rabbiners erfüllen können.“ Sie hätte deshalb auch keine Auseinandersetzungen führen müssen, sondern immer nur Anerkennung für ihre Arbeit erhalten.

Julia Dittmann
Julia Dittmann Redaktion Wittmund
Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Verfolgt seinen Plan: Oldenburgs Cheftrainer Pedro Calles (links) spricht mit Deane Williams.

VOR AUSWÄRTSSPIEL IN ULM Baskets-Coach Pedro Calles blendet Rennen um Platz acht aus

Niklas Benter
Oldenburg
Meinung
Landwirte protestieren am Rande einer Veranstaltung der Grünen. Die Ampel zieht viel Kritik auf sich.

FORDERUNGSKATALOG AUFGESTELLT Darum sind die Landwirte weiterhin wütend auf die Politik

Stefan Idel Büro Hannover
Hannover
Ein Mann zündet sich einen Joint an. In der Umgebung von Schulen und Spielplätzen ist das Kiffen in Niedersachsen weiterhin verboten. Doch wer kontrolliert die Einhaltung?

TEIL-LEGALISIERUNG IN NIEDERSACHSEN Städte und Gemeinden fordern Klarheit und Unterstützung bei Cannabis-Kontrollen

Christina Sticht (dpa)
Hameln
Nach zwei Kellerbränden sucht die Polizei Wilhelmshaven nun Zeugen.

KELLERBRÄNDE IN WILHELMSHAVEN Treibt schon wieder ein Brandstifter sein Unwesen?

Stephan Giesers
Wilhelmshaven
Die AfD hatte bereits Anfang Februar zu einem Bürgerdialog ins Schortenser Bürgerhaus eingeladen, draußen versammelten sich mehrere Hundert Personen zu einer Gegendemo.

SCHORTENSER DEMOKRATIE-FEST ABGESAGT Nun übernehmen Antifa, Jusos und Fridays for Future

Oliver Braun
Schortens