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NWZonline.de Region

Frauen mit Behinderung besonders gefährdet

24.05.2018

Oldenburg Die Worte fehlen. Wie sag ich es, wenn der Busfahrer im Behindertentransporter mich angefasst hat, wenn sich der Pfleger beim Waschen vergreift, wenn der Onkel mich zu ungewollten Berührungen zwingt?

Über sexuelle Übergriffe zu reden, fällt immer schwer. Für Menschen mit einer Behinderung ist die Hürde oft kaum zu überwinden. Deshalb bleibt oft im Verborgenen, was durch Zahlen klar belegt ist: Frauen mit Behinderungen sind deutlich häufiger von sexueller Gewalt betroffen als andere. Das EU-Parlament geht nach Angaben der Organisation „Weibernetz“, der politischen Interessenvertretung behinderter Frauen, davon aus, dass 80 Prozent der Frauen mit Behinderung bereits Gewalt erlebt haben. Sie sind demnach doppelt so häufig betroffen wie nichtbehinderte Frauen. Eine bundesweite Studie aus dem Jahr 2011 bestätigt die hohe Gewaltbetroffenheit (siehe Infokasten).

Studie belegt Gewaltbetroffenheit

Frauen mit Behinderung sind besonders von Gewalt in jeglicher Form betroffen. Das belegt die repräsentative Studie „Lebenssituation und Belastung von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“, die das Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben hat.

Jede zweite bis dritte Frau hat in Kindheit, Jugend und/oder Erwachsenenleben sexualisierte Gewalt erlebt. Besonders häufig wurden sexualisierte Gewalterfahrungen von Frauen mit psychischen Erkrankungen benannt.

Die Täter – überwiegend Männer – kommen meist aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld: Partner, Verwandte, Mitarbeiter und Mitbewohner in Einrichtungen, Mitschüler oder Kollegen.

Die mitunter mangelnde Möglichkeit, sich verbal zur Wehr zu setzen oder nach einem Übergriff mitzuteilen, ist nur eine der Ursachen, warum diese Frauen so oft zu Opfern werden. Unabhängig von der Art der Beeinträchtigung lässt sich sagen: Das Problem ist vielschichtig, aber es muss endlich dafür gesorgt werden, dass diesen Frauen der gebührende Schutz zuteil wird.

Expertinnen aus der Region geben Einblick in das Leben von Frauen, an denen die #MeToo-Debatte komplett vorbeigegangen ist.

Selbstwertgefühl gering

„Frauen mit Behinderungen werden nicht gerade respektvoll behandelt“, formuliert es Eka Oehne. Sie ist Vorsitzende des Vereins „Selbstbestimmt Leben – Gemeinschaft Oldenburg“ (SeGOld). Die 66-Jährige benutzt seit rund 20 Jahren einen Rollstuhl und sagt: „Seit dem Moment wurde ich nicht mehr als Frau wahrgenommen.“

Noch heute ist der leidenschaftlichen Rollstuhltänzerin anzumerken, wie verletzend ein Erlebnis vor etwa zehn Jahren war: In einer Diskothek tanzten zwei „Fussi“-Paare miteinander. Fussis nennen Rollstuhlfahrer Fußgänger. Einer der beiden Tänzer fühlte sich durch den Rolli von Eka Oehne in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, und schob die ausgelieferte Frau so vor die Bühne, dass sie sich dort ohne fremde Hilfe nicht mehr fortbewegen konnte. Diese an sich schon entwürdigende Notsituation nahmen zwei Männer wahr, die offenkundig Gutes tun wollten. Einer gab ihr eine Hand voll Salzfischlies, der andere eine Hand voll Schokolade. „Ach Mädel“, bekam sie mit einem Tätscheln zu hören. Damit war das Gefühl der Degradierung perfekt. „So behandelt man Kinder“, sagt Oehne.

Lesen Sie auch den Kommentar: Es geht allein um Macht

Eka Oehne hat beim Aktionstag „One Billion Rising“ einen vielbeachteten Vortrag gehalten. (Bild: privat)

Ähnlich ungeschicktes Wohlwollen erlebte sie in einer Postfiliale. Aus irgendeinem Anlass gab es für die Kunden kleine Aufmerksamkeiten. Alle Frauen bekamen eine Rose, für Kinder gab es Gummibärchen. Eka Oehne bekam Gummibärchen. Und den Klassiker für unbedarfte Übergriffe erleben Menschen mit Beeinträchtigungen immer wieder an der Supermarktkasse, wenn andere Kunden meinen: „Das kann man ja nicht mit anschauen “, und ungewollt beim Einpacken der Einkäufe helfen.

Es sind viele kleine Momente, die vermitteln: Du bist schwach, klein, andere entscheiden für dich.

Eine Frau wie Eka Oehne, die bei dem vergangenen Aktionstag „One Billion Rising“ in Oldenburg einen vielbeachteten Vortrag über sexualisierte Gewalt gehalten hat, kann diese Demütigungen und Entmündigungen mit Humor nehmen. Ihr Beispiel macht aber deutlich, wie sehr das Leben mit einer Behinderung geprägt ist von dem Bewusstsein, nicht selbstbestimmt, sondern auf andere angewiesen zu sein.

Intimsphäre ungeschützt

Daneben gibt es weitere Unsicherheiten, die potenziellen Tätern in die Hände spielen. „Menschen mit einer Behinderung wird oftmals abgesprochen, dass Sexualität in ihrem Leben überhaupt eine Rolle spielt“, sagt die Rollstuhlfahrerin Wiebke Hendeß, die in dem Dokumentarfilm „Love & Sex & Rocknrollstuhl“ mitgewirkt hat und neben ihrer Hauptbeschäftigung als Behindertenberaterin an der Uni Oldenburg auch als Sexualberaterin arbeitet. Zudem fehle es an Aufklärungsangeboten in „Leichter Sprache“, einer Ausdrucksweise nach speziellen Regeln. „Wenn man gar nicht gelernt hat, was Intimsphäre ist, fällt die Grenzziehung natürlich schwer.“ Zudem seien Menschen mit Pflegebedarf daran gewöhnt, sich vor Pflegern und Ärzten auszuziehen und anfassen zu lassen. Und in Einrichtungen der Behindertenhilfe ist es oft nicht möglich, die Duschen, Toiletten oder das eigene Zimmer abzuschließen – wenn überhaupt ein eigenes Zimmer zur Verfügung steht.

Hinzu kommt: Für Menschen mit Behinderung gibt es bis heute keinen Rechtsanspruch, von einer Pflegekraft gleichen Geschlechts gepflegt zu werden, obwohl dies in der UN-Behindertenrechtskonvention so festgeschrieben ist. Allerdings hat Christine Braun, Sexualberaterin bei der gemeinnützigen Gesellschaft Norle (abgeleitet von „Normales Leben“) mit Sitz in Dötlingen, festgestellt, dass die Sensibilität für das Thema in den Einrichtungen wächst.

Das geringe Selbstwertgefühl und die vielfach erfahrene Fremdbestimmung erleichtern es, bestehende Abhängigkeiten auszunutzen. „Das sind oft ganz perfide Verstrickungen, die Täter inszenieren“, weiß Ingeborg Wibbe von der Beratungsstelle „Wildwasser“ aus den Berichten von Missbrauchsopfern. „Wenn Mädchen ohnehin schon in Abhängigkeit großgeworden sind, schnappt die Beziehungsfalle noch schneller zu.“ Ein gut versorgtes Kind habe ein gutes Muster von Ja-Nein-Gefühl. „Bei Mädchen mit Beeinträchtigung ist das Nein-Gefühl abgewöhnt, der Selbstschutzmechanismus fehlt, dadurch haben Täter leichtes Spiel.“

Und noch etwas erschwert das deutliche Bekunden der eigenen Wünsche: Frauen mit Behinderungen seien oft stark geprägt durch traditionelle Rollenbilder, sagt Christine Braun.

Notsignale erkennen

Was ist zu tun, um Frauen mit Behinderungen vor Gewalt zu schützen?

Ein großes Problem besteht darin, dass die Betroffenen kaum Zugang zu entsprechenden Hilfsangeboten haben. Im Oldenburger Frauenhaus heißt es: Bei uns kommen die Frauen so gut wie nie an. Wie in den meisten Frauenhäusern fehlen die finanziellen Mittel für eine barrierefreie Ausstattung. Für viele Frauen sei das Angebot zu hochschwellig, weil der Alltag eigenständig organisiert werden muss.

Hier gibt es Rat

Wildwasser Oldenburg. Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Mädchen und Frauen, Telefon 0441/16656

Homepage von Wildwasser


Norle gemeinnützige GmbH
(Dötlingen), Sexualberaterin Christine Braun (0178/3 70 88 30) ist Ansprechpartnerin für Einzelpersonen, Gruppen, Paare, Eltern und Mitarbeiter von Behinderteneinrichtungen. Ziel der Beratungen und Kursangebote ist es, die sexuelle Kompetenz zu stärken. Außerdem arbeitet sie auch mit Tätern.

Homepage von Norle

Schatzkiste Oldenburg , Partner-Vermittlung für Menschen mit Handicap des Vereins Baumhaus, Telefon  0177/870 30 83.

Homepage von Baumhaus

Suse – sicher und selbstbestimmt

Weibernetz e.V. - Politische Interessenvertretung behinderte Frauen

Der Verein Wildwasser kann durch eine Kooperation mit der Selam-Lebenshilfe und den Gemeinnützigen Werkstätten rollstuhlgerechte Räume anbieten, aber die inneren Barrieren bleiben. „Die Hilfe muss zu den Menschen kommen“, sagt Ingeborg Wibbe.

Ein wichtiger Schritt ist für die mehr als 125 000 Frauen, die bundesweit in den rund 680 Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten, gemacht. Die novellierte Werkstätten-Mitwirkungs-Verordnung (WMVO) verpflichtet seit 2017 alle Werkstätten zur Einsetzung einer Frauenbeauftragten, die in ihrem Amt durch eine Vertrauensperson ohne Behinderung unterstützt wird. Entscheidend für die erfolgreiche Prävention ist, dass sich die Dienste und Einrichtungen dem Thema stellen, ist die Bundesvereinigung Lebenshilfe überzeugt.

Denn noch mehr als bei anderen Missbrauchsopfern kommt es darauf an, dass aufmerksame Menschen im Umfeld die Notsituation erkennen und Zugang zu professioneller Hilfe vermitteln. „Bei uns kann sich jeder mit einem unguten Bauchgefühl melden. Das muss kein konkreter Verdacht sein“, sagt Wildwasser-Beraterin Wibbe. Die Symptome nach erlebter Gewalt seien sehr unterschiedlich. Jede Verhaltensänderung könne ein Hinweis sein. Auf manchen Opfern laste der Geheimhaltungsdruck so stark, dass sie gar nicht mehr reden, andere prostituieren sich vielleicht, um über das Ohnmachtsgefühl hinwegzukommen. Ess-Störungen, extremer Waschzwang, Angst vor Dunkelheit, selbst- oder fremdverletzendes Verhalten, mangelnde Hygiene – die Liste der möglichen Anzeichen ist lang. Das sei oft Puzzlearbeit, die stummen Hilfeschreie zusammenzufügen, sagt Norle-Beraterin Christine Braun.

Wie schwer es oft fällt, die Signale zu deuten, weiß Wibbe von Mädchen ohne Einschränkungen: Rein statistisch seien sieben Anläufe notwendig, bis ein Erwachsener aus dem Umfeld einen Missbrauch realisiert. Bei Mädchen und Frauen mit Beeinträchtigungen kommt erschwerend hinzu, dass die Symptome leicht fehlgedeutet werden. Blaue Flecke oder gar Brüche können auch von Stürzen kommen, auffälliges Verhalten auch die Nebenwirkung von Medikamenten sein.

Für Eka Oehne ist deshalb klar: Selbst wenn der Übergriff nicht bewiesen werden kann, sollte man den Fall ernst nehmen und beispielsweise den beschuldigten Pfleger von der Frau trennen. Die SeGold-Vorsitzende macht sich ohnehin dafür stark, dass mehr Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von Einrichtungen ermöglicht wird und sie selbst entscheiden können, wer sie pflegt und unterstützt.

Sexuelle Kompetenz vermitteln

Ganz wichtig zum Schutz der Frauen ist aber noch ein anderer Aspekt, sind sich alle Expertinnen einig. Das Thema Sexualität und Behinderung muss raus aus der Tabu-Ecke. Auch Menschen mit einer Beeinträchtigung müssen die Gelegenheit haben, „einen gesunden und selbstbewussten Umgang mit Berührungen zu lernen“, sagt Wiebke Hendeß. Denn nur mit Aufklärung lässt sich erreichen, dass sie die Grenze kennen und wissen, wann sie „Nein“ sagen dürfen. Dass mir keiner über die Brust streichen darf, ohne dass ich das will. Und dass es ein Wort dafür gibt, wenn jemand was mit mir macht, was ich nicht will: Vergewaltigung.

Manchmal bekommen Mädchen und Frauen in der Schockstarre kein Wort mehr über die Lippen, sagt Ingeborg Wibbe. Um sie für diese Situationen zu wappnen, hat die Beratungsstelle einen kleinen Notfall-Koffer zusammengestellt. Kraftsteine, Leuchtsterne, ein Stoppschild aus Holz – Symbole helfen, eine Handlungsstrategie zu erarbeiten. Damit ganz klar ist: Auch wer sich nicht so gut ausdrücken kann, ist selbstbestimmt.

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Irmela Herold Redakteurin / Online-Redaktion
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