• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region

Im Reich der Ahnungslosen

24.01.2019

Oldenburg Warum lassen sich die Zeugen aus dem Klinikum Oldenburg fast alle von einem Anwalt zum Gericht begleiten?

Weil sie spätestens nach ihrer polizeilichen Vernehmung das Gefühl hatten, sie würden nicht gerecht behandelt, erklärt der Zeuge Johann K.: „Man hatte das Gefühl, dass man einen zweiten Täter sucht. Das hatte mit Vernehmung nicht mehr viel zu tun! Das war das Spiel ,guter Cop, böser Cop‘!“

K., 53 Jahre alt, stellvertretender Leiter der herzchirurgischen Intensivstation im Klinik Oldenburg, drückt am Zeugentisch trotzig den Rücken durch. Dann sagt er: „Allerdings habe ich heute darauf verzichtet. Denn ich wollte wie Herr Lauxtermann frei sprechen.“

Das ist eine Anspielung auf den Zeugen Frank Lauxtermann, der am Vortag vor Gericht schwere Vorwürfe gegen seine Ex-Kollegen im Klinikum erhoben hatte. Lauxtermann hatte auch berichtet, dass er das Angebot des Klinikums abgelehnt habe, ihm einen Anwalt zu stellen und zu bezahlen; er habe das Gefühl gehabt, dass man ihn „auf eine gewisse Linie“ bringen wolle. Er aber wolle „frei reden“.

Es ist Tag 9 im Prozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel, angeklagt wegen Mordes in 100 Fällen, und der Zeuge K. spricht frei, hat aber kaum etwas zu sagen. Es dauert nicht lange, bis er Anklage und Nebenkläger gegen sich aufgebracht hat.

„Ich glaube, dass ich ein wohlerzogener Mensch bin“, sagt ein Anwalt, der Angehörige von toten Klinikum-Patienten vertritt. „Aber mir platzt hier gleich der Kragen!“

„Zum Narren gehalten“

Ein anderer Nebenkläger-Anwalt hat das Gefühl, „zum Narren gehalten“ zu werden, K. sei schon „der zweite Zeuge aus dem Reich der Ahnungslosen“. Am Vortag hatte bereits Oberarzt H. als Zeuge große Erinnerungslücken offenbart.

Eine Anwältin möchte gern K.s Erinnerung wecken, „falls da noch irgendwas zu wecken ist“, wie sie spitz anmerkt. Sie erzählt von Jutta W., verstorben mit 74 Jahren am Abend des 13. März 2001 auf Station 211, nachdem ihr bei einer Reanimation mutmaßlich ein Rippenknochen ins Herz gestoßen wurde und sie verblutete. „Sagt Ihnen das etwas?“, fragt die Anwältin.

„Ja, das sagt mir was“, antwortet K., „so was kommt vor.“ An den konkreten Fall könne er sich aber leider nicht erinnern.

Kurz zusammengefasst die Antworten des Herrn K. zu den bekannten Stichworten im Fall Högel (häufige Reanimationen, zu hohe Kaliumwerte, Gerede über Todesfälle, die berühmte Strichliste des Stationsleiters über die Anwesenheit von Pflegern bei Reanimationen): „Mir ist das so nicht aufgefallen“, „das gab es immer mal“, „ich erinnere das nicht“, „er hat nie irgendwas erwähnt“.

Richter Sebastian Bührmann mag es kaum fassen. „Sie haben von all dem nichts mitbekommen?“, fragt er K., immerhin stellvertretender Leiter der Station.

„Ich kann nur sagen“, sagt K., „ich habe es so nicht wahrgenommen. Bei mir ist keiner gewesen und hat gesagt: Hast du das gesehen? Herr Högel hat gerade Patienten umgebracht!“

Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann regt, schwer um Beherrschung bemüht, die Vereidigung des Zeugen an. Wie Dr. H. am Vortag muss also auch K. aufstehen, „ich schwöre, so wahr mir Gott helfe“.

Gibt es einen „Maulkorb“?

Mit den nachfolgenden Zeugen hat das Gericht nicht viel mehr Glück. Krankenpfleger Ralf B. zum Beispiel, 59 Jahre alt, kann sich an so gut wie gar nichts erinnern aus den Jahren 1999 bis 2002. Immerhin nennt er einen nachvollziehbaren Grund dafür: Damals sei seine Frau nach schwerer Krankheit verstorben, „ich hatte andere Sorgen. Ich habe sehr viele Sozialkontakte abgebrochen und mich in ein Schneckenhäuschen zurückgezogen“.

B., mittlerweile in Süddeutschland tätig, ist ohne Anwalt erschienen. Von Kollegen habe er aber erfahren, dass es ein entsprechendes Angebot durch das Klinikum gebe, „man durfte ja nicht darüber reden“.

Da wird das Gericht hellhörig. Man durfte nicht darüber reden? Gibt es so etwas wie einen „Maulkorb“ für Klinikum-Mitarbeiter?

B. antwortet etwas zögerlich. Naja, sagt er: Eine Kollegin, mit der er versucht habe, zu sprechen, habe ihm per Whatsapp mitgeteilt, „dass die Anwälte gesagt hätten, dass wir nicht darüber reden dürfen“.

Wer also wusste was wann im Klinikum Oldenburg?

Ein Nebenkläger-Anwalt weiß sich nicht anders zu helfen, er fragt den Angeklagten: Niels Högel, verurteilter Mörder und vielfach überführter Lügner. Wer war denn bei der sogenannten Kaliumkonferenz dabei, auf der es im November 2001 um die auffällig erhöhten Kaliumwerte bei Patienten ging und an der offenbar keiner der Zeugen teilgenommen hat, Dr. H. nicht, Johann K. nicht...

Högel zählt auf: „Dr. H., Johann K. ...“

„Es tut mir ja leid“, sagt Johann K. zuvor einmal, als ihn wieder die Erinnerungen verlassen haben.

„Es braucht Ihnen nicht leid zu tun“, sagt Richter Bührmann, „sagen Sie, was Sie wissen. Wir sind hier auf der verzweifelten Suche nach der Wahrheit.“


Video-Kommentar:   www.nwzonline.de/videos 
Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2020
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.